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KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 29

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 29 (sequence 29)
Language
German
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(53) 29 Beide geschilderten orthodoxen Richtungen gehen von der Voraussetzung aus, daß die jüdische Gemeinde eine Religionsgemeinde ist, und daß das Judentum im wesentlichen Religionsgemeinschaft ist. Neben ihnen ist noch eine dritte orthodoxe Richtung vorhanden, der Misrachi, die gleich der Gemeindeorthodoxie die Einheit der Gemeinde wahren will, aber das Judentum nicht in erster Reihe als Religionsgemeinschaft betrachtet, sondern als nationales Gebilde, sie ist ein Teil der zionistischen Partei, von der weiterhin zu reden ist. Bedeutete schon die Tatsache, daß die Trennungsorthodoxie die Einheitsgemeinde der Behörde gegenüber nicht als die jüdische Gemeinde schlechthin und die Gemeindeverbände nicht als die gesetzliche Vertretung aller Juden anerkennt, ein Hineintragen des Politischen in die Angelegenheiten der Gemeinde, so kommt auch von seiten des Misrachi in das Gefüge der Orthodoxie, die ursprünglich rein religiös orientiert war, ein politisches Moment hinein. Die Kreise der Trennungsorthodoxie haben die Weltorganisation der Agudas Jsroel geschaffen. Für die Gemeindeorthodoxie und den Misrachi hat sich als verbindende Organisation die Achduth gebildet. Den Gegenpol der Orthodoxie bildet der Liberalismus. Er geht von dem Gedanken der Entwicklung aus, daß alle Formen des religiösen Lebens einem steten Fluß der Entwicklung unterworfen sind, daß die Einzelheiten der religiösen Hebung daher nicht in einer ein für allemal gültigen Weise festgelegt sein können und daher in stetigem Wandel begriffen seien. Es liegt in der Natur einer Gedankenrichtung, die dem Individuum ein starkes Maß von Selbständigkeit in der Uebung der religiösen Handlung zuspricht und diese von dem Gewissen und der persönlichen Ueberzeugung des einzelnen abhängig macht, daß ihre Träger nicht die Geschlossenheit und Festigkeit der Orthodoxie haben, daß allerhand ständig im Fluß befindliche Nebergänge vorhanden sind und daß, wenn Menschen individueller Einstellung sich nicht überhaupt einer Organisation entziehen, die Organisierung nicht straff gefügt ist. Zur besonderen Charakteristik des heutigen Liberalismus wäre zu betonen, daß eine ihm während des 19. Jahrhunderts eigene rationalistische Haltung sich in den letzten Jahren zu einer stärker irrational gefühlsmäßig das Ueberkommene bejahender Haltung sich umgewandelt hat. Die Betonung des Mischen Gemeinschaftsgedankens ist dem Liberalismus von jeher zu eigen gewesen, er ist daher bewußter Vertreter der Einheitsgemeinde. Ein Teil der Liberalen ist in der „Vereinigung für das Liberale Judentum" organisiert. Der Liberalismus steht auf dem Boden der Auffassung, daß die jüdische Gemeinde Religio ns gemeinde ist und als solche zu erhalten ist. Störend für ihn wird die Tatsache, daß seine Gegner sich das Recht herausnehmen, alle gleichgültigen, dem religiösen Leben indifferent gegenüberstehenden Juden ihm zuzurechnen und die von ihnen ausgehende Schädigung des jüdischen Lebens ihm zur Last zu legen, während er selbst von seinen Anhängern eine positive Gläubigkeit und eine positive religiöse Haltung fordert und voraussetzt. In den letzten Jahren hat sich als eine dritte religiöse Partei dle sogenannte Mittelpartei herausgebildet. Ihr Programm ist nicht leicht zu umschreiben. Sie bejaht den Entwicklungsgedanken in der Ausgestaltung des religiösen Lebens, aber sie will stärker, als das angeblich die Liberalen täten, das Beharrende und alle Vereinigende betonen. Ein über den Parteien stehender unbefangener Beurteiler müßte sagen, daß sie ein Teil des Liberalismus ist. Aber aus einem gewissen Mißtrauen gegen vermeintliche auslösende Tendenzen des Liberalismus haben ihre Anhänger sich zu einer eigenen Partei zusammengeschlossen, die der berichtende Beobachter als solche anzuerkennen und zu benennen hat. Auch sie geht von der Anerkennung des Judentums als Religionsgemeinschast und der Gemeinde als Religionsgemeinde aus. Man braucht nicht zu denken, daß eine so vielschichtige Parteibildung Zeichen eines Zerfalles und der Auflösung ist, im Grunde ist sie der Ausdruck eines lebendigen religiösen Fühlens, das nach dem dem verschieden gearteten Fühlen der Einzelnen entsprechenden Ausdruck ringt und als solches durchaus zu begrüßen ist, Zeichen, daß das Judentum der Gegenwart nichts Starres und Festes ist, sondern daß man von ihm aus das Leben bewegen will. Wäre nun die innerjüdische Auseinandersetzung nur von den soeben ausgeführten Gegensätzen angeregt, so wäre sie ein verhältnismäßig Einfaches. Alle Gegensätze hätten dann einen gemeinsamen Generalnenner. Aber nun tritt neben diese religiösen Gegensätze, sie überschneidend, ein anderer, und mit ihm erfährt das jüdische Leben der Gegenwart seine Verwicklung und Verwirrung. Hier ist der Ausgangspunkt der Parteibildung die politische Einstellung, die Frage nach dem Grundcharakter des Judeseins und nach der nationalen Stellung des Juden. Da ist zuerst die Gruppe derer, die sich nicht nur staatspolitisch, sondern auch innerlich seelisch als Teil des deutschen Volkes fühlen, deren Auffassung vom Judentum die ist, daß es im wesentlichen Glaubensgemeinschaft ist. Sie verneinen daher das Vorhandensein eines die gesamte

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