KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 23 (sequence 23)
- Language
- German
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(47) 23 anstatt Brot geboten hat? So spiegelt sich in der Not der deutschen Jugend und im speziellen in der Not der deutschen Studentenschaft die Not des deutschen Volkes wider. Die Not der deutschen Jugend aber ist — und noch in verstärktem Maße — die Not der deutschen jüdischen Jugend und auch hier wiederum besonders die Not der deutschen jüdischen Studentenschaft. Ich brauche Ihnen gegenüber nicht davon zu sprechen, wie sehr die deutsche jüdische Jugend nach Idealen dürstet, wie viele von ihr, verbittert durch manches Leid und manche Herabsetzung, die wir deutschen Juden auch heute noch in unserem Vaterlande erleiden, sich ein Ideal aufzubauen sucht, das wir — im Besitz unseres deutschen National- und Kulturbewußtseins — nicht als das unserige anerkennen können. Wir wissen aber auch — und dieser Tatsache offen ins Auge schauen, heißt den Weg suchen zu neuen Rfern —, daß auch viele der Besten, die sich rückhaltlos zu unserem Tendenzstandpunkte bekennen, nicht voll befriedigt sind von unserer Arbeit. Wie in der deutschen Jugend überhaupt, zeigt sich im kleinen wiederum in der deutschen jüdischen Jugend das gleiche Bild. Auch hier, basierend auf einem höheren Lebenswillen, der Kampf der religiösen und politischen Anschauungen, Verbitterung und Entfremdung, aber leider auch — nicht im geringen Maße — Indifferenz teils bewußter, teils unbewußter Art, jenen Fragen gegenüber, an denen unser aller Herz hängt. Bedarf es bei diesen ungeheuren Schwierigkeiten, in der wir K. C.er uns als akademischer Stoßtrupp gegen politische Irrlehre uns anerzogene Abneigung und Geringschätzung einerseits, Verneinung des deutschen National- und Kulturstandpunktes, aber auch Gleichgültigkeit gegen jüdische Dinge, andererseits uns befinden, nicht einer ernsten Prüfung, ob wir bei allem unerschütterlichen Festhalten an unseren Idealen, diese geistig und seelisch nicht vertiefen und gerade im Interesse unserer alten Ideale erweitern und erneuern müssen? Das deutsche studentische Korporationswesen scheint mir — und gewiß nicht nur mir allein — in seinen Formen versteinert und veraltet zu sein. Das starre Festhalten an den traditionellen Formen verschüttet die alten Ziele, und kehrt sie oft geradezu in ihr Gegenteil um. Ein Blick auf den Gegensatz in der politischen Haltung der deutschen Burschenschaft einst und heute zeigt uns das besonders klar. Als die geistigen Väter unseres Verbandes vor 40 Jahren die alten Formen des studentischen Korporationslebens übernahmen, taten sie recht daran. Ob wir heute noch in diesen alten Formen Weiterarbeiten können, oder ob wir mutig und unbeirrt neue Formen selbst schaffen sollen — darüber gehen innerhalb unseres Verbandes die Ansichten so auseinander, daß ich heute an dieser Stelle nicht darüber sprechen will. Wesentlich ist ja eines: Der Geist ist es, der sich die Form schaffen wird oder schärfer ausgedrückt: Das tiefe und klare Bewußtsein von unseren letzten Zielen wird es sein, das uns den Weg weist, auf dem wir zu gehen haben. Wofür kämpfen wir? Nur für die Gleichberechtigung des deutschen Judentums? Gewiß ist der Kampfplatz unserer jungen studentischen Bundesbrüder die Hochschule, und groß und mannigfach sind die Aufgaben, die gerade in der Gegenwart ihrer auf diesem Kampfplatze harren. Aber wesentlicher scheint mir zu sein, daran festzuhalten, daß diese studentische Arbeit im Sinne unserer Tendenz nur eine Vorbereitung ist für eine größere Aufgabe. Mehr als in den wenigen kurzen Semestern, da wir Mühe und Band tragen, erschallt in späteren Jahren immer wieder der Ruf an uns: Burschen heraus! Und sollen wir dann nur für Gleichberechtigung kämpfen, für „Gleiche Rechte"? Rechte, besonders politische Rechte sind variabel und veränderlich, sie können jederzeit verengt und erweitert werden. Mit Freuden können wir sagen, daß wir uns manches Recht erkämpft haben. Größer ist aber der Kampf, den wir nicht um Rechte, sondern ums „Recht" schlechthin zu führen haben. Was nützen uns formale Rechte, wenn unter der Decke einer scheinbaren staatlichen Gleichberechtigung das Recht uns verkümmert wird, das Recht, als gleichwertig zu gelten, nicht nur im staatlichen, sondern vielmehr im gesellschaftlichen und im rein menschlichen Leben. Fast scheint es mir, als wenn wir uns allzusehr nur auf die rein formale staatspolitische Gleichberechtigung beschränkt hätten, aber nicht die ungeheuren Gefahren, ja das unerhört Entwürdigende sehen würden, was in jener Erscheinung beruht, die man heute wohl als „Asemitismus" bezeichnet, das Hinwegsehen über uns, das Nichtbeachten unseres Vorhandenseins. Nur wenn wir beherrscht sind vom fanatischen Eifer für das Ideal des „Rechtes an sich", wenn wir unsere jungen Bundesbrüder im Bewußtsein dieses Ideals erziehen, werden wir jene Begeisterung in ihnen entflammen können, die sie nicht nur in ihren Studentenjahren, sondern vielmehr noch darüber hinaus wird kämpfen lassen im Sinne unserer Tendenz, ja noch mehr, im Sinne einer wahrhaft vaterländischen Arbeit für Staat und Volk. Neben diesem „Rechtsideal" scheint mir das „Gemeinschaftsideal" als Erziehungsprinzip in-