KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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22 (46) Tendenz und Lebensgestaltung. Von Dr. Ernst Frankel (Thur.), Breslau. Sehr verehrter und lieber Herr Kartellbruder Holländer! An dem Tage, an dem Sie auf 50 Jahre Ihres Lebens zurückblicken, eines Lebens, das stets Arbeit und Opfer für die Ideale Ihrer Jugend war, die Sie sich erhalten haben bis zu dieser Stunde, an diesem Tage werden Ihnen aus allen Teilen und allen Gegenden unseres deutschen Vaterlandes Glückwünsche und Grüße zugehen und ein jeder dieser Wünsche wird Ihnen ein Zeichen dafür sein, mit welcher Dankbarkeit man Ihrer aufopfernden Tätigkeit im Dienste unseres deutschen Judentums gedenkt, ja noch mehr, mit welcher Liebe man an Ihnen hängt, einer Liebe, die sich gründet auf Ehrfurcht und Bewunderung vor dem Manne, der stets im Kampfe ums Recht an der vordersten Front stand. Von keiner Seite aber werden Ihnen heute die Herzen lebendiger und liebevoller entgegenschlagen, als von denjenigen, mit denen Sie mehr verbindet als die Erinnerung an gemeinsam verlebte Iugendjahre, mehr als ein gemeinsames dreifarbiges Band — mit denen Sie das verbindet, was das stärkste Bindemittel zwischen Menschen überhaupt ist, gemeinsame Ideale und ein gemeinsamer Kampfeswille für diese Ideale. Wir älteren und jüngeren K. C.er sehen in Ihnen heute wie vor Jahren nicht nur den Führer, in dem sich am stärksten vielleicht der Typus jenes deutschen Juden verkörpert, dessen Heranbildung und Fortentwicklung wir innerhalb unseres Verbandes erstreben, wir lieben auch' in Ihnen den Mann, der, wenngleich auch „den Burschenhut schon längst der Staub bedeckt und der Flausch in Trümmer sank", deshalb Führer und Berater eines Verbandes studentischer Korporationen sein kann, weil er sich neben den Notwendigkeiten der Gegenwart das warme Herz und das tiefe Verständnis bewahrt hat für die seelischen Bedürfnisse unserer Jugend. Geleitet von diesem Gedanken der Verehrung und der Liebe bringen wir Ihnen heute unsere Glückwünsche dar, und ich glaube, es ist ganz in Ihrem Sinne, wenn sich diese Wünsche für Sie, für Ihre Arbeit und für Ihren Erfolg am heutigen Tage verbinden mit Wünschen, die viele von uns für unseren Verband, für seine Weiterentwicklung und für die Vertiefung seiner Tendenzen haben zum Wohle und zum Gedeih unseres deutschen Judentums. Seit jenen Tagen, da Sie die Leitung unseres Verbandes übernahmen und damit neue Lasten und neue Verantwortung aus sich bürdeten, ist vieles in der Welt und besonders im deutschen Vaterlande anders geworden. Krieg, Revolution, Geldentwertung — alles das hat ins deutsche Antlitz tiefe Leidensfurchen gegraben. Deutschland ist kleiner geworden in seinem Umfange, Haß und Zwietracht im Innern schwächen den deutschen Wiederaufbauwillen — und dennoch! Wir wären nicht Träger jener jüdischen Weltanschauung, die aus dem Glauben an das Gute, aus dem Glauben an Fortschritt und Entwicklung ihren Lebenswillen und ihre Lebenskraft zieht, wenn wir nicht trotz aller Bitterkeit der Gegenwart voll Hoffnung in die Zukunft sehen würden. Stärker als alles andere aber scheint mir für die deutsche Zukunft und für das neue Deutschland Gewähr zu bieten: die deutsche Jugend! Ich weiß, daß mancher unter uns, wenn er diese Worte liest, den Kops schütteln wird, und im Gedanken an jene deutsche Jugend der Gegenwart fast verzagen wird, die voll tiefer Abneigung gegen den heutigen Staat, verhetzt durch parteipolitische und pseudowissenschaftliche Giftmischerei nicht dasjenige Fundament zu sein scheint, aus dem wir neu unser Vaterland errichten können. Sie aber, lieber Herr Kartellbruder Holländer, werden mir recht geben, wenn ich fest im Glauben an diese Jugend bleibe. Denn diese deutsche Jugend ist, ganz abgesehen davon, daß sie nur allzu oft — nicht zum wenigsten auch von ihren Lehrern aller Schularten — politisch mißbraucht wird, auf ihren falschen Weg gedrängt worden durch das Uebermaß eines im tiefsten Kern edlen Motivs: Der heißen und sorgenvollen Liebe zu Deutschland und der tiefen Erbitterung über seinen jähen Sturz aus höchster Höhe zur tiefsten Tiefe. Ist es im Sinne dieser Jugend nicht verständlich, wenn sie, die stolz sein will auf die Eigenart ihres Volkes und ihrer Nation, allzu bereitwillig und kritiklos das berauschende Gift der völkischen Rassenlehre entgegennimmt, und dann bei beginnender Einsicht — und diese Einsicht scheint langsam aufzudämmern — erschüttert merkt, daß man.ihr Steine