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KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 16

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
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16 (40) einzugehen, ist hier nicht der Ort. Diese Unzusriedenen, die sich vielleicht schon seit Tagen vorbereitet und mit anderen zusammengetan haben, um an diesem Abend dem Verein und dem Redner Schwierigkeiten zu bereiten, müssen beruhigt und in das große Ganze hineingeleitet zu werden. Eine Auseinandersetzung mit den eignen Freunden ist erheblich unangenehmer als die mit den Gegnern. Ls ist für den Führer einer Bewegung besonders niederdrückend, wenn er diese Unzufriedenheit erkennt, wenn er sieht, daß das beste, was man gewollt hatte, aus Unkenntnis oder aus bösem Willen mißachtet wird, und wenn man da, wo nur Einigkeit am Platze wäre, Zwietracht findet. Auch im Kampf mit dem Gegner hat der jüdische Redner einen viel schwereren Stand als jeder andere. Er hat mit einer Unzahl von Angriffslustigen aus anderen Lagern zu rechnen. Die starke Zerklüftung innerhalb des Judentums hat auf dem engen Raum, auf dem sie sich auswirkt, eine besonders scharfe Gegensätzlichkeit bewirkt, die vor dem Persönlichen nicht halt macht. Oft muß der Redner persönliche Angriffe über sich selbst ergehen lassen, oder er muß sie, wenn sie sich gegen seine Freunde richten, abwehren. Er muß es erleben, daß seine Sache, die er als hoch und heilig empfindet und für die er sein bestes hergibt, in einer nicht zu beschreibenden Weise in den Staub gezerrt wird. Kämpft er aber gegen nichtjüdische Gegner, so steht er erst recht unter dem erschütternden Eindruck, eine Sysiphusarbeit zu verrichten. Immer und immer wieder tauchen dieselben Behauptungen, dieselben Verleumdungen auf. Dinge, von denen man glaubt, daß sie unter dem Moder längst vergangener Jahrhunderte vergraben seien, werden als neu vorgebracht,' sie werden geglaubt und sie müssen widerlegt werden. Man könnte dies leicht überwinden, wenn nur die weniger Gebildeten an diesem Kampfe teilnehmen würden. Aber der Redner sieht eher und umfangreicher als jeder andere, daß auch in den weitesten Kreisen der Intelligenz die absurdesten Dinge über Juden und Judentum geglaubt werden. Meint man sie heute ausgerottet zu haben, so begegnen einem morgen dieselben Anwürfe. — Auch davon, daß es nicht ohne persönliche Gefahr, gar manchmal nicht ohne Lebensgefahr ist, in einer Versammlung von Nichtjuden das Wort zu nehmen, weiß jeder jüdische Redner ein Lied zu singen. Und das Ende des Vortragsabends bedeutet aber noch nicht das Ende der Arbeit für den Redner. Unzählige Besprechungen hat er zu erledigen, Fragen zu beantworten, Streitigkeiten zu schlichten, Außenstehende zu werben, Freunde zu einer tätigeren Mitarbeit zu beeinflussen. Mit einer Engelsgeduld muß er zuhören, wenn ihm örtliche Ereignisse vorgetragen werden, die an sich vielleicht vollkommen belanglos, der Vereinsleitung aber von entscheidender Bedeutung zu sein scheinen. — Jede Organisation, die sich aus Freiwilligkeit aufbaut, hat unter geldlichen Schwierigkeiten zu leiden. Es ist Aufgabe des Redners, auch um die finanzielle Mitarbeit zu bitten. Das ist für fast alle Redner eine besondere Qual. Nicht daß ihnen von Unverständigen und Kindlichen der Vorwurf gemacht werden könne, sie redeten für die eigene Tasche, aber der Gedanke, für den Bau an dieser so selbstverständlichen Grundlage der Arbeit noch werben zu müssen, ist fast unerträglich. Wenn so oft darüber geklagt wird, daß solche Versammlungen regelmäßig mit dem Appell um ein finanzielles Opfer schließen, so ist sicherlich der, dem dieser Mahnruf am bittersten ist, der ihn ausstößt, der Redner selbst. Ist alles dies erledigt, so muß der oft aufs äußerste abgespannte Redner noch stundenlang im Kreise der Freunde zubringen. Er darf nicht müde sein, denn er hat auch hier im vertrauten Kreise für die Ideen seines Bundes zu werben und sie zu vertreten. Und nicht selten werden zu dieser Stunde und in solchem Kreise noch die wichtigsten Entscheidungen getroffen. Allerdings gibt es immer noch Menschen, die den Redner als eine Art wandernden Boten ansehen und möglichst auf seine erste freie Minute warten, um ihn zu fragen, ob er auch den und jenen, mit dem man verwandt sei, am anderen Orte kenne! Das ist Freud und Leid des Redners, des jüdischen Redners. All diese Dinge treten bei jüdischen Rednern infolge der Eigenart der jüdischen Verhältnisse viel schärfer hervor. Von vielen bewundert, von vielen bejubelt, von vielen, vornehmlich von der Jugend, beneidet, führt er ein Leben, das reich ist an Leid, aber auch an Glück, wenn es auf Erfolge herabschauen kann. Nur ein Redner aber kann dauernd Erfolge erringen: der, der eine Persönlichkeit ist. Nur die Persönlichkeit zwingt und erringt die Hörer. Die Art seines Auftretens, die Fülle seines Wissens wirbt die Freunde und unterwirft die Gegner. Das Entscheidende ist, daß dieser Redner nicht mehr der Abgesandte einer Organisation, sondern die Verkörperung der „Idee des Bundes selbst ist. Und die Persönlichkeit hat schließlich auch nur die innere Kraft, den inneren Reichtum, der nötig ist, um all das Schwere, all die Enttäuschungen, die der Beruf mit sich bringt, zu überwinden. Daß diese Persönlichkeit Ludwig Holländer ist, wissen wir alle. Er ist der wahre Typ des jüdischen Redners.

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