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KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 10

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 (34) Unserem Führer. Von Dr. Nrias, Hamburg (Frib.-Ghib.) I. Führer kann nur sein, wer das Ziel weiß und den Weg zu ihm kennt. Unter allen Geschöpfen der Welt ist nur dem Menschen eigen, Ziele setzen zu können. Nur er vermag, nach Vorgestelltem sein Wollen zu richten und die Mittel einzusetzen, die das Gewollte bewirken, es verwirklichen. Menschen ein Führer sein heißt führende Gedanken haben. Aber noch mehr. Wer Führer ist, muß den Weg, den er zu dem Vorgesetzten Ziele weist, selber gehen, muß ihn mitgehen, ihn vorangehen. Sein Ziel und sein Weg, den er geht, müssen im Mittelpunkt seines Seins sichtbar werden, noch mehr, ihn ganz erfassen, ganz erfüllen, bis seine Persönlichkeit und seine Verkündung eins werden. Das ist der rechte Führer, dessen persönliches Leben auslöscht und aufgeht in seiner Sache, der seinem Ziel das Opfer seines Lebens bringt. II. Ein solcher Führer ist uns jüdischen Deutschen Ludwig Holländer. In der Wirrnis der Zeit, die ihren inneren Halt verloren hatte, in dem Wirbel der Meinungs- und der Machtkämpfe ist ihm das Ziel klar und unverrückbar geblieben. Es ist der freie, starke, in sich gefestigte jüdische Mensch, ein lebendiger Teil des Volksganzen, in dem er lebt und wirkt, nicht nur äußerlich gleich berechtigt, sondern — wie jeder lebendige Teil — dem Ganzen im innersten gleich artig, gleich gewertet und gleichempfunden. Darum kann die „Frage des jüdischen Menschen" nur gelöst werden in dem Land, in dem er lebt. Es gibt keine Lösung in fernen fremden Landen, keine Lösung durch Gewalt oder Haß oder List. Der Weg, den er weist, ist weit und beschwerlich. Man kann ihn nicht mit Siebenmeilenstiefeln zwingen. Schritt für Schritt muß Stein um Stein zurückgelegt werden. Wer erschrocken vor dem Abgrund menschlicher Torheit, Verbohrtheit und Unwissenheit entsagen will oder wer nach „Aufklärung" ruft, den weist er auf sich selbst zurück. Erst einmal an sich selber arbeiten. Wer andere aufklären will, muß erst einmal sich seiner selbst bewußt werden, bewußt werden, daß er ein Eigener ist, der Eigenes hat. Ja, dieses Eigene, das er ist und das er geworden ist, soll der Einzelne in sich bewußt machen. Der starke selbstbewußte jüdische Mensch wird, was ihn geprägt hat zu diesem Eigenen, wird sein Judentum und seine Geschichte kennen, in sich aufnehmen und von ihm erfüllt sein müssen. Dies ist Holländers Mindestforderung. Daher seine Abneigung gegen die Halb- und Nichtswisser, die trotzdem in unseren Angelegenheiten an weit sichtbarer Stelle handeln zu dürfen glauben. Daher seine aus Verachtung und Zorn gemischte leidenschaftliche Ablehnung aller Naumänner und ähnlicher Gestalten. Doch was ist mit dem Wissen und der Einsicht getan? Braucht dieses Eigene bloß ausgesprochen zu werden, um die gewünschte Aenderung der Menschen und der Dinge sogleich zu bewirken? Neben das Wissen um sich selbst und seine Voraussetzungen gehört das Wissen von dem Gegner und dessen Wesen, gehört endlich die Kenntnis von den Brücken, die herüber- und hinüberführen. Jede feinste Faser muß erkannt werden in den geheimen Bindungen und Verbindungen, die tausendfach ineinander verschlungen sind — kurz, die Lehre von der Verbundenheit aller menschlichen Dinge, der Menschen untereinander muß gewußt werden — die „Soziologie unseres Problems" nennt es Holländer. Aber nicht die Theorie allein, das schaffende Handeln verlangt er, Regsamkeit, das „Aktiv- Sein" im besten Sinne. Tätigsein in seinem, in unserem Sinne heißt politisch handeln. Wenn Politik die Kunst des Möglichen in der Macht- und Kräftegestaltung menschlichen Zusammenlebens bedeutet, so heißt politisch handeln das empfindliche Instrument des Lebens eines Volkes bis zur Meisterschaft spielen zu lernen. Wer Zustände ändern, neue herbeiführen will, muß umfassende Kenntnis von den Dingen und den Menschen mit Geschick anzuwenden verstehen. Auf diesem Wege wird langsam der Boden bereitet, in dem das Richtige, die Wahrheit um unser Problem gedeihen kann, um endlich still und unmerklich eines Tages wie selbstverständlich das Vorgesetzte Ziel daraus emporwachsen zu lassen.

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