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KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 8

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 (32) Der Mann non fünfzig Jahren. Ein Brief statt einer Abhandlung. Mein lieber Holländer! Unter der großen Schar derer, die mit ihren herzlichen Glückwünschen zur Vollendung Deines 50. Lebensjahres aufwarten, darf auch der Kampffreund nicht fehlen, der mehr als die Hälfte dieses halben Jahrhunderts an Deiner Seite gestritten, und der in Freud und Leid auf das innigste mit Dir verbunden gewesen ist. Unsere Licarengenerativn, in Studentensemestern gedacht erheblich nach Dir groß geworden, an Lebensjahren leider nicht mehr allzuweit von Deinem Iubiläumsjahr entfernt, steht viel tiefer in Deiner Schuld als die vielen Tausende von Menschen, die Dir ob Deiner öffentlichen Tätigkeit heute Dank sagen. Denn unser geistiges Wer-, den, unsere Weltanschauung und unsere Stellung zu den deutschen und jüdischen Dingen ist von niemandem so sehr beeinflußt worden wie von Dir, unserem ehemaligen Fuxmajor; und keiner kann sich rühmen, auf den geistigen Werdegang aller mit mir Gleichaltrigen, die heute in der Oeffentlichkeit stehen, einen entscheidenderen Einfluß ausgeübt zu haben als Du. Die Möglichkeit, die gerade wir besitzen, Dein Werden und Dein Sein in allen seinen Einzelheiten zu überblicken, gibt uns gleichzeitig die Berechtigung, durch die äußeren Bezirke Deiner Wirksamkeit bis zu dem allerinnersten vorzudringen, in dem der Kämpfer sich nur als Mensch beweist, der gefürchtete Streitgenosse nur Güte und Milde offenbart. Die Frau von dreißig und der Mann von vierzig Jahren sind der Literatur aller Völker wohlbekannt. Sie erscheinen dort als Individualmenschen, die ihren Anspruch an das Leben bald auf dem Gebiet des Eros, bald auf dem der Psyche geltend machen. Der Mann von fünfzig Jahren, den wir heute feiern, ist der Literatur weniger interessant, weil er dem Stürmen und Drängen mehr entwachsen zu sein scheint. Dafür ist er den Vielen und Anderen der Oeffentlichkeit inniger verflochten, römisch gedacht: ein homo publicus geworden. Noch steht er in innigstem Zusammenhang mit der eigenen Vergangenheit. Erfüllt von dem Gedanken an die tändelnden Spiele des Knaben; froher Erinnerung voll an die den Mann bildenden Studentenjahre; eben erst zum Hausvater geworden; gerade jetzt auf der vollen Höhe reifer Männlichkeit. So das Vergangene in Herz und Kopf noch fühlend, aber auch mit starker Hoffnung in die Zukunft blickend. Schlußstein einer jüngeren, Fundament der älteren Generation. Der Mann, der die Bildung aller Völker und Länder in sich aufzunehmen bemüht war, der nach fünf Jahrzehnten ständiger Rezeption den Freunden und der Welt aus der Fülle des Gewonnenen und Erlebten sich mitteilen kann, der befruchtend aus weite Bezirke der großen Gemeinschaft wirkt, und in dem, alles überragend, das Verantwortungsgefühl aufs höchste gesteigert ist. Wie bei uns alles in doppeltem Reflex widerscheint — dem des Deutschen und dem des Juden — so ist auch Dein vergangenes und Dein, künftiges Wirken, mein lieber Holländer, von diesen beiden Begriffen erfüllt. Und gerade heute ist Dir, als dem Mann von fünfzig Jahren, eine besondere Stellung beschieden: als ein deutscher Mann, der die große Epoche des kaiserlichen Deutschlands erlebt, seine Schwächen gesehen, am Kriege in langer Dauer beteiligt gewesen, in der Nachkriegszeit tausendmal um das Schicksal des deutschen Volkes gebangt, jede Erhebung mit froher Hoffnung, jedes Zeichen drohenden Zusammenbruchs mit tiefstem Schmerz empfunden hat. Wer, wie Du, die Fundamente des gegenwärtigen Staates gesehen, wer an ihrem Aufbau selbst tätig teilgenommen, kann an ein großes und freies Schicksal Deutschlands nur glauben, wenn die großen, guten Werte des deutschen Volkes durch Freiheit gelöst, durch Selbstzucht höher entwickelt werden, wenn nicht mechanische Gleichmacherei, aber die Gleichberechtigung aller Wertvollen und Gutgesinnten zum obersten Gesetz erhoben wird. Wie für die Dinge der deutschen Welt sind wir auch für das Sondergeschick des jüdischen Teils des deutschen Volkes an die Wende der Zeiten gestellt. Die Jugend verbracht in den frohen Zonen des deutschen Westens, der ganz noch erfüllt war, von dem Geist der. Zeit nach 1870, von dem Willen deutscher Juden,, als Gleichberechtigte zu gelten, und von der Bereitwilligkeit deutscher Christen, als gleichwerttg sie gelten zu lassen. Die Studentenzeit, und die späteren Jahre in dem bier- und sanges-

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