KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1926)
- Date
- 1926-10-01
- Page
- Seite 75 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2268830-2268957-2268962--3208-3523723- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
75 ©laubengtreue offenbart. Wahrer jüdischer Geist lebt dort, wo schlichte Menschen für die von ihnen anerkannte Wahrheit leiden und wieder leiden, wo sie den bequemen ihnen dargebotenen Weg zu Frieden, Ehre, Macht und Reichtum, der in die Niederungen der Treulosigkeit führt, entrüstet ablehnen. . Jüdischen - Geistes Ausdruck ist die -Opferwilligkeit, die Taten von bewundernswerter Größe gebiert. Des Juden Verhältnis zu dem engeu Kreise der Seinen, zu seiner ganzen Gemeinschaft, zu allen Armen und Unterdrückten gründet sich auf die Pflicht der Hingabe der Persönlichkeit und des Gutes zugunsten allgemeiner Aufgaben. Die Sorge des Juden für seine Familie, sein Wotzltatigkeitssinn, die Opfer, die er für die Erziehung der Heranwachsenden Jugend bringt, sind ja auch im Munde des Feindes geradezu sprichwörtlich geworden. Sie alle atmen echten jüdischen Geist! Jüdischen Geistes Kennzeichen ist weiterhin das seine Empfinden für das Recht und der Drang nach Freiheit, die den Juden immer dorthin stellen, wo gegen Gewalt und Willkür, gegen Unterdrückung und Knechtschaft gekämpft wird. So leidvoll unsere jüdische Geschichte ist, wenn die traurige Fülle des Unglücks in ihrer Monotonie der Grausamkeit uns erschreckt, so tröstend und erhaben ist sie, wenn man sie nach der aus ihr sprechenden Charaktergröße und sittlichen Festigkeit beurteilt. Und diese jüdische Geschichte mit ihrem Bekennermute, ihrem Wahrheitsfanatismus, ihrem unaufhörlichen Kampfe um das Recht ist ganz undenkbar ohne ihre starke Seele, ohne den jüdischen Geist! Es gibt keine Gemeinschaft, die mit Recht einen Anspruch auf eine Zukunft erhebt und der nicht ein eigener Geist eigen wäre! So gibt es denn nicht nur einen jüdischen Geist, sondern der Glaube an die Zukunft des Judentums zwingt dazu, ihn zu betonen und zu pflegen. Und wer sich nicht irre machen läßt von dem politischen Geschrei der Welt, wird zugeben, daß das Judentum auf diesen Geist stolz sein darf und daß wir wirklich den Zeiten ewigen Frieders ein gutes Stück näher kommen würden, wenn alle Glieder des Judentums und alle seine Feinde in Wahrheit von diesem Geiste beseelt wären. Auch in den Reihen der Judenheit fehlt eben, zumal in unseren Tagen, seine begeisterte Kraft, sein Idealismus und sein hinreißender Schwung. Und das zu betonen, dürfte besonders an dieser Stelle, im Blatte unserer deutschjüdischen Akademiker, und zu dieser Zeit vonnöten sein, da wir in festlicher Stimmung auf die Arbeit von vier Jahrzehnten zurückblicken und uns auf neue Anstrengungen, auf eine Fülle von neuen Aufgaben rüsten. Aus der Geschichte unserer Väter weht ein Hauch der Reinheit! Der Jude ging in Unbedingtheit seinen Weg, den in sittlichen Fragen Kompromisse nicht befleckten. In dieser Unwandelbarkeit der sittlichen Gesinnung, in dem nie erlahmenden Glauben an den Sieg des Rechtes, in der rührenden Ertragung und Tapferkeit ungleich, mit der er sein Schicksal auf sich nahm, liegt die Kraft ewiger Jugend. Und das ist das letzte und höchste: Der wahre jüdische Geist ist in feiner Lauterkeit und seinem ungestümen Vorwärtsdrängen der Geist der Jugend! Gerade in unseren Tagen wendet sich ein großer Teil der jüdischen Jugend Vorbildern zu, die aus einem ganz anders gearteten Boden ihre Kräfte ziehen. Das Ideal der freideutschen Jugend, die insbesondere das jüdische Autoritätsideal leugnet, ist in ihrer so ganz der jüdischen Einstellung entgegengesetzten Verherrlichung der Individualität in jüdischen Kreisen zur Anerkennung gelangt, und schwer ist der Kampf des K.C., der gewiß nicht religiöse Forderungen stellt, der aber seine Grundtendenzen der jüdischen Weltanschauung entnimmt, und der demgemäß die schrankenlose Entwicklung der ganz subjektiv sich auswirkenden Individualität nicht duldet, sondern auf die Erziehung der Persönlichkeit Wert legt, die erst die Unterordnung, die Einfügung in ein Ganzes lernt, ehe sie zur Führung berufen ist. Arbeit mit solchem Ziele ist aber der Ausdruck jenes jüdischen Geistes, der besonders der Jugend eigen sein sollte. Der K. C. ist ein Teil der deutschen Studentenschaft, er ist geistig ein Glied der deutschen Kulturgemeinschaft, er ist aber auch ein bewußt jüdischer Verband! Und der tieffte Sinn jener von uns seelisch empfundenen Synthese zwischen Deutschtum und Judentum, bedeutet, daß wir die Grundeinstellungen, die uns deutsches Wesen auf der einen, jüdische Religion und Tradition auf der anderen lehren, restlos zu harmonischer Einheit in uns verschmelzen. Daß bei dieser Synthese nicht die jüdische Seite zu kurz komme, ist eine berechtigte Furcht! Darum soll man auch in unserem Kreise wissen, daß es unsere jüdische Seele, ihre sittliche Kräfte und Hoffnungen sind, die uns im Ganzen unsere Kulturgemeinschaft vollwertig machen. Und des K. C. wie jeder heutschjüdischen Organisation wesentliche Aufgabe muß es sein, das zu pflegen, was uns ebenso wie unseren Vätern innerliche Kraft und wirkliche Achtung verschafft: den alten historischen jüdischen Geist!