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KC-Blätter · 1926-10-01 · Heft 5 (Oktober 1926) · p. Seite 74

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Journal
KC-Blätter
Volume
1926
Issue
Heft 5 (Oktober 1926)
Date
1926-10-01
Page
Seite 74 (sequence 16)
Language
German
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74 Abstammung, der seinen Boden und seinen Hall verloren hat, er findet sich überall, wo Menschen ihr Ich veachteu und es zu überwinden versuchen, er ist die typische Regung des Renegaten. Und damit fallt auch helles Licht auf den Weg, den der Begriff in der nichtjüdischen Welt zurückgelegt hat. Ihr ist das Judentum in seinem Leben und Wirken meist ein verschlossenes Buch. Noch heute ist die Anzahl der Juden, die ihrer Religion die Treue wahren und die daneben auch in enger Verbindung mit nichtjüdischen Kreisen stehen, äußerst gering. Die Juden machen, ursprünglich durch das Speisegesetz dazu veranlaßt, dann aber durch andere Momente, teils soziologischer, teils politischer Natur an einem wirklichen Zusammenleben gehindert, eine gesellschaftliche Kaste für sich aus. Die Welt lernte den Juden meist in der Gestalt des Täuflings kennen, der seiner Religion und seinem Kreise den Rücken gekehrt hatte. Er, dessen jüdischer Ursprung unverkennbar war, galt als der „Jude", mochte er auch selber den Wunsch nach absoluter Trennung deutlich zum Ausdruck gebracht haben, und seine Eigenschaften galten als die spezifisch „jüdischen". Man kannte ja wirkliche glaubensstarke Juden kaum. So ergab sich denn das Paradoxon, daß man das Wesen einer Gemeinschaft durch jene vertreten glaubte, die von ihr nichts mehr wissen wollten, und daß man die typischen Wesenszüge des Renegaten für den Ausdruck des Judentums ansah. Der Taufjude ist gewiß traditionslos, er wird meist zynisch das begeifern^ was er nicht begreifen kann. Der Laufjude hat bei seinem Eintritt in das Christentum, an das er im Herzen nicht glaubt, meist leichten Herzens einen Meineid geleistet, und so ist er gewiß kein typischer Vertreter von Treu und Glauben! Und man kann verstehen, welch ein furchtbarer Eindruck vom Wesen des Judentums entstand, sobald man als seinen Träger den haltlosen, innerlich zerrissenen, oberflächlich empfindenden und unwahr fühlenden und handelnden Renegaten betrachtete. Der „jüdische" Geists wie ihn die Welt heute schildert, ist eben in Wahrheit der Geist des Taufjudentums, den sie allein genauer kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Wenn wir nun schließlich, nachdem das Sein und das Wirken eines jüdischen Geistes bewiesen und nachdem die Entstehung jenes Zerrbildes, dem man stets begegnet, aufgeklärt worden ist, nach seinem eigentlichen Wesen fragen, so wird in. erster Reihe, bevor wir uns in Einzelheiten verlieren, seine Rolle für den Aufbau der Weltkultur gewertet werden müssen. Wenn es der Geist ist, der sich den Körper baut, so wird man aus der Struktur des Körpers manches über die seelische Kraft erfahren, die ihm Leben gibt. Nun ist es unverkennbar, daß fast der gesamte Schatz der modernen Kulturideen aus dem Iudentume stammt. Teils ist die jüdische Idee durch Vermittlung des Christentums zur gestaltenden Kraft geworden, teils zeigt auch das Kulturleben unserer Tage, wo es sich in einen Gegensatz zum Christentum stellt, eine unverkennbare Rückkehr zum alten jüdischen Gute. Die zwei wesentlichen Grundlagen unseres Gemeinschaftslebens, die Willensfreiheit, die es formal regelt, und der soziale Gedanke, der seinen Inhalt bestimmt, stammen beide aus den Anschauungen des Judentums. Sie sind ursprünglicher jüdischer Geist, und wie sie, so wirken auch unendlich viele andere seiner Teile in dem Bau des Kulturlebens. Die Lebensformen, die sittlichen Grundsätze, die Daseinsziele, die gerade von völkischer Seite dem verderblichen, angeblich jüdischen Zeitgeiste gegenüber als die Ideale gepriesen werden, stammen — eine seltsame Ironie der Geschichte — in Wahrheit aus den Forderungen des Judentums, sind also wahrhafter jüdischer Geist! Daß man nur zu oft ihren Ursprung vergessen hat, daß sie Allgemeingut der Kulturmenschheit geworden sind, spricht gewiß nicht gegen ihren Wert. Und wer wirklich den jüdischen Geist sucht, findet ihn zunächst einmal, seiner spezifisch jüdischen Arsprungsmerkmale beraubt, in der modernen Kulturgesinnung wieder! Die jüdische Gemeinschaft hat aber nicht nur der Welt das Erhabenste ihres Wesens zum Geschenke Zemacht..In ihrer Eigenentwicklung offenbart sie gleichfalls einen Geist, dessen wir uns gewiß nicht schämen brauchen. Neben dem ethischen Geiste des Judentums, der weit über den engen Kreis der Religionsgemeinde hinaus seinen Segen getragen hat, gibt es einen historischen jüdischen Geist, der das Wunder der Erhaltung der Gemeinschaft gebracht hat. Er trägt spezifisch jüdische Züge, er ist der jüdische Geist, der leider zu schwinden droht und den zu erhalten doch so wertvoll wäre. Es ist unmöglich, alle seine Aeußerungen in der Kürze zu erfassen,, und nur auf Grundsätzliches kann hier hingewiesen werden. Der jüdische Geist ist zunächst vom unbedingten Optimismus getragen. Trotz aller empfindlichen Leiden, Druck und Verfolgung an Gott, an die Menschheit und an den Menschen zu glauben, ist stets dem Juden eigen gewesen, und aus dieser weltbejahenden Stimmung erwächst der charakteristische Lebensmut, die fröhliche Zuversicht und die aus ihr sich ergebende Lebenskraft. Den Charakter grübelnder zersetzender Kritik an sich und an den anderen, den Hang zum Pessimismus hat das Judentum nie besessen. Den jüdischen Geist charakterisiert aber zugleich auch ein schrankenloser Idealismus, der sich vornehmlich in der

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