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KC-Blätter · 1926-10-01 · Heft 5 (Oktober 1926) · p. Seite 73

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Journal
KC-Blätter
Volume
1926
Issue
Heft 5 (Oktober 1926)
Date
1926-10-01
Page
Seite 73 (sequence 15)
Language
German
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73 Gesamtkultur. Keineswegs ist demnach der jüdische Geist ein.Merkmal der Fremdartigkeit des jüdischen Volksteils, wie die nationaljüdische Anschauung es wahr haben will. Daß es tatsächlich einen jüdischen Geist geben" muß, beweist die Geschichte des Judentums auf jedem Blatte. Es würde ja geradezu einen Widerspruch in sich bedeuten, wenn eine Gemeinschaft wie die jüdische, die für die Kultur des gesamten Abendlandes den sittlichen Geist und die Grundzüge der Lebensauffassung beigesteuert hat, selber ihres charakteristischen Wesens, ihres Sinnes entbehren sollte. Das Judentum geht zurück auf die Bibel, und diese weist einen ganz ausgeprägten Geist auf, der die Grundlage der Lebensrichtung aller derer geworden ist, die in jüdischen Auffassungen erzogen wurden. And ist dieser Geist auch in seinem Drange nach dem Sprengen aller,Fesseln der Enge, in seinem universalen Angestüm, nach seinem Siegesläufe durch die Kulturwelt in vielen Hauptpunkten zu ihrem Gesamteigentum geworden, so gibt es nicht nur viele Anschauungen, die Sondergebiet jüdischer Gesinnung bis auf diesen Tag geblieben sind, sondern die Geschichte Israels hat diese Entwicklung begünstigt. Daß in einer Gemeinschaft mit einem so schweren Schicksal sich ein eigener Geist der Vertiefung, des Ausharrens und des Vertrauens, ein Geist des Zusammenhaltens und der Brüderlichkeit, daß in ihr sich der Geist der Opferwilligkeit und des Märtyrertums entwickeln mußte und entwickelt hat, beweist auch der flüchtigste Blick in die Vergangenheit. And einen jüdischen Geist eigener Prägung leugnen zu wollen, würde gleichbedeutend sein mit einem Verzicht auf das Bekenntnis zu jüdischer Tradition und jüdischer Vergangenheit. Es gibt einen jüdischen Geist! Bevor aber der Versuch gemacht werden soll, seines Wesens Grundlage kurz zu erfassen, seines Inhalts Fülle zu begreifen, sei eine kurze Betrachtung jenem Zerrbilde gewidmet, daß die judenfeindliche Welt vom „jüdischen Geiste" entwirft. Denn wenn auch aufgezeigt worden ist, daß die oberflächliche Politik des Tages unter ihm einfach alles das versteht, was Führern und Parteien bekämpfenswert erscheint, so darf doch nicht übersehen werden, daß ursprünglich irgend eine Verbindung mit dem Jüdischen oder jüdisch Erscheinenden vorhanden gewesen sein muß. Mustert man nun die Erscheinungen und reinigt sie von den ganz extremen und ganz geistlosen Auswüchsen, geht man der Geschichte des Vorwurfs vom „jüdischen Geiste" nach, so drängt sich ein doppeltes auf. Einerseits tritt er historisch erst seit dem Ausgange des-neunzehnten Jahrhunderts, seit dem Eintritt der Juden in die allgemeine Kultur auf, andererseits aber ist er ursprünglich die Bezeichnung alles dessen, was dekadent und traditionslos ist. Unter dem „jüdischen" Geiste versteht man ursprünglich nur das Gefühl der Ehrsurchtslosigkeit gegen das Gewordene, das Losgelöstsein dom eigenen festen Boden, die Haltlosigkeit und innerliche Ansicherheit, die über eigene Schwäche durch leicht zu durchschauende, scheinbar starke und überlegene ironische Einstellung hinwegtäuschen will. Man braucht die Erscheinungen im einzelnen , nicht aufzuzählen, denn das Prinzip ist klar. Als jüdischen Geist empfand die judenfeindliche Welt zur Zeit/ da man sich unter dem Begriffe überhaupt noch etwas dachte, den aufdringlichen, traditionslosen und neuerungssüchtigen Rationalismus, dessen charakteristisches Kennzeichen die Verhöhnung alles geschichtlich Gewordenen, selbst des eigenen Jchs war. Daß es Menschen jüdischer Abstammung mit solchen Eigenschaften, zumal in der Zeit vor hundert Jahren» in einer nicht kleinen Anzahl gab, ist nicht zu bestreiten. Heine, der Dichter, der Literat, der Philosoph, war auch ein solcher, und seine Dichtungen, seine Bemerkungen zur Literaturgeschichte, seine philosophischen Anschauungen atmen, wenn auch gewiß nicht mit unbedingter Folgerichtigkeit, diesen Geist. Die Entwicklung des Dichters freilich —in Verbindung mit dem Amstande, daß zu jener Zeit der Begriff dieses „jüdischen" Geistes zum ersten Male auftauchte, — ist für die Naturgeschichte dieses angeblich „jüdischen" Gebildes mehr als lehrreich. Er hat nämlich mit dem historischen Judentums nichts zu tun, er ist nirgends nachweisbar, wo die Judenheit, fest auf dem Boden jüdischer Ueberlieferung stehend, nach den Vorschriften der jüdischen Religion, den sittlichen wie den zeremoniellen, lebt. Dieser „jüdische" Geist verdankt seine Entstehung lediglich dem schroffen Uebergange von jüdisch-religiöser Lebensanschauung zur Gedankenwelt einer anderen Sphäre, die eben ganz, andere Grundlagen hatte, er ist der Fluch des gewollten gewaltsamen Bruches mit der Vergangenheit und des mißlungenen Versuchs durch Verleugnung seines wahren Wesens ohne organische Anpassung Vollbürger eines Kreises zu werden, dessen langsames Werden man nicht miterlebt hat, das man nicht einmal versteht, geschweige, daß man es mitempfindet. Dieser „jüdische" Geist ist der Fluch jener Denkweise, die das überlieferte Judentum als einen Gegensatz zur modernen Kultur betrachtete, und die Einfügung in diese möglichst radikal durch Abfall u n d T a u f e vollzog! Dieser jüdische Geist hat in Wahrheit nichts zu tun mit jüdischer Lehre, mit jüdischer Geschichte, mit jüdischem Willen. Er ist lediglich die Lebensform des Menschen jüdischer

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