KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1926)
- Date
- 1926-10-01
- Page
- Seite 72 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Aeußerungen des öffentlichen Lebens von den Gegnern einzelner ihnen nicht zusagender Erscheinungen kurzerhand als verjudet verschrien werden, mag trotz der öden Geistlosigkeit solcher summarischer Urteile noch hingehen. Schwerer begreiflich ist es schon, wenn das Christentum als Gesamtheit, die evangelische und die katholische Kirche als Einzelerscheinungen, gleichfalls als Produkte jüdischen Geistes verächtlich gemacht werden. 3m vollen Glanze seiner Unsinnigkeit erscheint aber der Vorwurf, wenn die antisemitischen Parteien selber ihn gegeneinander erheben. Noch jedesmal hat gelegentlich der gewiß nicht seltenen Spaltungen und Streitereien die eine antisemitische Richtung der anderen den für ihre Begriffe furchtbarsten Schimpf angetan ttttf) sie als „verjudet" verschrien. Nicht einmal Hitler ist diesem traurigen Schicksal entgangen. Die Farce vom „jüdischen Geiste" — ein anderer Ausdruck würde wirklich nicht passen —, die Gewohnheit, die man freilich eine spezifisch deuffche nennen muß, alles Böse — vom Auftreten der gefährlichen Sonnenflecken bis zu einer Erhöhung der Bierpreise — auf jüdischen Einfluß zurückzuführen., zeitigt aber in ihrer Reaktion auf das Seelenleben des Juden sehr ernsthafte und gefährliche Folgen. Denn sie erzeugt eine höchst bedenkliche innere Unsicherheit in unserem Denken und Fühlen, und daneben mindert sie den Stolz auf das Eigentümliche und Wertvolle, das dem jüdischen Wesen eigen ist. Auch der Jude verliert den Maßstab für das Charakteristische seines Seins. Er untersucht nicht die gegen ihn erhobenen Vorwürfe, geschweige denn, daß er im Bewußtsein seines Wertes sich ihnen gegenüber erhaben dünkt. Er horcht aber auf sie, ukd unbewußt läßt er sich von ihnen leiten. Was die Welt als Ausfluß jüdischen Geistes betrachtet, erscheint auch ihm als verdammenswert, und er sucht es in sich zu unterdrücken. Da nun alle nur erdenklichen Erscheinungen bei dem geschilderten Subjektivismus durch die Bezeichnung „jüdisch" in Verruf gebracht werden, erscheint die Farblosigkeit als ein Ideal. Daß man bescheiden sei, sich nicht überheblich vordränge, ist eine Mahnung, die für Juden und Nichtjuden, für jeden wirklichen Kulturmenschen gill. Bei uns überschreitet sie die Grenze einer Formen des Lebens regelnden Vorschrift. Sie wendet sich an den Menschen als Träger individueller Werte und predigt ihm die Ueberwindung seiner charakteristischen Fähigkeiten im Interesse der Bekämpfung einer inhaltslosen Formel. Der Jude wird unsicher, er prüft sein eigenes Verhalten am Maßstab judenfeindlicher Terminologie und ändert es unter ihrem Einfluß. Er unterliegt den Gefahren der ängstlichen Selbstkritik und verliert die unbefangene Freude am innerlich sicheren und zielbewußten Handeln. Unsicherheit ist aber der ärgste Feind jeglicher Kulturleistung, und da sie nun das einzige positive Produkt des Vorwurfs vom „jüdischen Geiste" ist, erweist sich seine unendliche Gefahr! Er nimmt der jüdischen Seele den Stolz auf ihr Eigengut, er beraubt sie der formellen Voraussetzungen des zielsicheren Wirkens. Wenn es so manchem gerade in unseren Kreisen unendlich schwer wird, sich der Eigenart und des Eigenwerts des jüdischen Geistes klar und freudig bewußt zu werden, so geht das nicht nur auf die eigentümliche Auffassung der judenfeindlichen Welt, sondern auf die Folgerungen zurück, die nationaljüdische Ideologie aus der Anerkennung dieser Tatsachen sieht. Auf ihrem Grundirrtum fußend, daß Einheitlichkeit und möglichste Gleichförmigkeit in den seelischen Voraussetzungen ihrer Erbauer die Größe einer Kultur ausmachen, folgert sie aus dem Vorhandensein eines jüdischen Geistes die Notwendigkeit, ihn zur Grundlage eines in sich geschlossenen, möglichst alle Gebiete umfassenden Volkslebens zu machen. Wir aber, die wir die Größe einer Kultur in ihrer Mannigfaltigkeit und ihrer umfassenden, verbindenden Kraft erblicken, wissen genau, daß im Gesamtbilde der großen deuffchen Kultur auch der Beitrag des jüdischen Geistes nicht nur eine Stelle findet, sondern daß er sie bereichert und zu ihrer Kraft beiträgt. Wir empfinden aus den Rückwirkungen, aus der ständigen Beftuchtung unseres Tuns durch deuffche Kultureinflüsse, aus der Steigerung unseres Willens zur deuffchen Kultur, aus der wachsenden Freude an der Mitarbeit, daß die Ergebnisse der jüdischen Geistesarbeit sich restlos einfügen. Und auch von diesem Gesichtspunkte aus hat das Bewußtsein von der Eigenart unseres jüdischen Geistes Bedeutung. Der deutsche Jude wird ein um so wertvolleres Glied der deutschen Kulturgemeinschaft sein, je mehr sein Wirken durch die ihm eigenen Sonderwerte Kraft gewinnt, je größer seine innere Sicherheit durch das Bewußtsein seiner eigentümlichen Wesenheit anwächst. Und die bisherige Entwicklung der deutschen Kultur beweist zur Genüge die Richtigkeit dieser These. Tausende und Abertausende von Juden haben treu an ihr mitgearbeitet. Aber auch dort, wo es sich nicht um rein technische und wissenschaftliche Leistung handelte, sondern um politische, literarische und künstlerische, auch dort also, wo die Eigenart des jüdischen Geistes und die durch sie erzeugte Sonderprägung deutlich sichtbar erscheinen konnten und erschienen sind, hat sich nie eine Divergenz ergeben, und die Leistung des jüdischen Politikers, des jüdischen Künstlers, des jüdischen Dichters — mag sie auch ihrem Geiste nach alssolche kenntlich sein — ist ein wertvoller Teil der deuffchen-