KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1926)
- Date
- 1926-10-01
- Page
- Seite 68 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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mn Morl m unsere Glnnvensgenoffrn. Aufruf zur Gründung der freien Verbindung Viadrina aus dem Sommersemester 1886. Der Antisemitismus scheint in seinen letzten Zügen zu liegen. Diese Bewegung, die säst ein Dezennium hindurch die Leidenschaften der Menge in unerhörter Weise aufgeregt und ein neues Ferment des Hasses, Neides und der Unzufriedenheit unter die Bevölkerung gestreut hat, ist anscheinend immer schwächer geworden und scheint endlich dem Erlöschen nahe. Die Zeit der hochgehenden Wogen, in der kein Zeitungsblatt erschien, ohne angriffs- oder verteidigungsweise diese Frage zu berühren, ist vorüber. Die großen Hetzen haben aufgehört. Jener Apostel der Intoleranz hat es aufgegeben, in „Volksversammlungen" unter dem Beifall des Pöbels den Rassenhaß zu predigen, es wird nicht mehr der schamlose Versuch gemacht, die uns verfassungsgemäß gewährleisteten Rechte auf dem Wege der Gesetzgebung auszuheben. Die Leiter dieser Bewegung sind verstummt; einer nach dem andern haben sie sich vom Kampfplatz und vom öffentlichen Leben zurückgezogen, und fast ausnahmslos mit Unehre zurückgezogen. Wenn Verworfenheit und sittlicher Defekt der Urheber ein Beweis für die Schlechtigkeit der Sache ist, so sollte der Antisemitismus gerichtet sein und nur noch der Geschichte der menschlichen Verirrungen ängehören. Und bei oberflächlicher Betrachtung scheint es in der Tat, als ob die Zeit einer solchen Auffassung nicht mehr fern wäre. Aber es scheint auch nur so. Jene Hetzer konnten in der Tat gehen, denn sie hatten ihre Schuldigkeit nur zu gut getan.' Der Same, den sie ausgestreut hatten, ging auf und schlug Wurzel im deutschen Volke — er bedurfte keiner weiteren Pflege mehr. So erklärt sich einfach der Gegensatz zwischen der Beruhigung der Oberfläche und der Gärung in der Tiefe: der geräuschvolle Apparat konnte wegfallen, denn er hatte seinen Zweck erfüllt. Daß aber wirklich durch jene fanatischen Lehren das ganze Volksleben vergiftet ist, daß Haß und Neid unsere Schritte verfolgen, daß wir Juden in weiten Kreisen der Bevölkerung verachtet, gehaßt, mindestens aber als Fremde und nicht als ebenbürtige Mitbürger betrachtet werden, darüber können wir uns keinem Zweifel hingeben; mit Schmerz sehen wir aber diese Gefühle gerade bei den gebildeten Ständen sich kundgeben. Und hier wiederum ist eS vor allem die akademische Jugend, die berufene Hüterin der Ideale, die jene Lehren mit Begeisterung in sich ausgenommen hat und eiftig bestrebt ist, sie in Taten umzusetzen. Es dürfte kaum nötig sein, hierfür Belege beizubringen. In aller Erinnerung lebt das auch in weiteren Kreisen bekanntgewordene Vorgehen und die Tendenz der Vereine deutscher Studenten. Wir, die wir noch inmitten des akademischen Lebens stehen, fühlen täglich, stündlich, welche Kluft uns von denen trennt, die wir unsere Kommilitonen nennen.' Diese Tatsache ist für uns persönlich bedrückend, beschämend, aber sie erscheint bedenklich und bedrohlich auch für weitere Kreise, wenn wir die Konsequenzen dieser Verhältnisse ins Auge fassen. Die. akademische Jugend wird als die Hoffnung und der Hort, als die künftige Blüte der Nation betrachtet. Aus ihr ergänzen sich diejenigen Stände, die auf das gesamte geistige Leben des Volkes den verbreitetsten und nachhaltigsten Eindruck ausüben. Die akademischen Bürger sind es besonders, in deren Händen einst die Erziehung der Jugend gelegt sein wird; und wer zweifelt daran, daß die Gegner ihren überwiegenden Einfluß in ihrem Sinne geltend machen werden? Ist dem aber so, dann ist ein Ende dieser Bewegung gar nicht abzusehen. Vermöge der kontinuierlichen Wechselbeziehungen zwischen der Jugend und ihren Erziehern wird der Rassenhaß traditionell werden und in potenzierter Form von einer Generation auf die andere übergehen. Es wird so in nicht zu langer Zeit eine Summe von Spannung angehäuft werden, die sich einst mit elementarer Gewalt auf unsere Häupter entladen könnte. Diese Betrachtung läßt aber auch klar den Punkt erkennen, wo eingesetzt werden muß, um jenen verhängnisvollen Kreislauf wirksam zu unterbrechen. Haben die Anschauungen des Studenten eine so große Bedeutung für die Gestaltung des späteren Lebens, so wird gerade eine in Studentenkreisen sie erhebende Reaktion gegen die antisemitische Bewegung von tiefgehender und weittragender Bedeutung sein. Daß eine solche Reaktion nicht gerade hier schon längst eingetreten, ist merkwürdig; daß sie — schon im eigenen Interesse des jüdischen Studenten eine Notwendigkeit ist, ergibt sich unwiderleglich aus seiner Betrachtung seiner sozialen Stellung unter seinen Kommilitonen, die — trotz aller im Prinzip anerkannten Gleichberechtigung der akademischen Bürger — von diesem Ideal noch weit entfernt ist. Was des gesellschaftlichen Lebens Grundlage bildet und im Studentenleben eine so wichtige Rolle spielt, die Vereinigung mit Gleichgesinnten, der Anschluß an ein Ganzes, ist uns entweder völlig versagt oder wird uns in einer Form und unter Bedingungen geboten, die nicht für jeden Geschmack und jeden Charakter annehmbar sind. Ein strenger Abschluß gegen die jüdi-