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KC-Blätter · 1926-10-01 · Heft 5 (Oktober 1926) · p. Seite 67

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Journal
KC-Blätter
Volume
1926
Issue
Heft 5 (Oktober 1926)
Date
1926-10-01
Page
Seite 67 (sequence 9)
Language
German
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67 Wir, die wir selbst minder geachtet und faktisch minderen Rechtes waren und sind, hatten es nicht so leicht, uns die Vorstellung von der besonderen Würde des Kouleurstudenten anzueignen. In den deutschen Kinos läuft heute ein Film: „Ich Hab' mein Herz in Heidelberg verloren!"^. Lin Korpsstudent liebt die Tochter des Couleurdieners. Dagegen erhebt sich der Widerstand der Eltern, der jedoch nicht unüberwindlich ist. Der tragische Konflikt beginnt, als der Leibbursch den jungen Menschen zu sich kommen läßt und ihm erklärt, das ginge nicht, sonst fliege er aus dem Korps. Dieses Diktum gilt hier als so selbstverständlich, daß dagegen niemand ankämpft. Und der Deutsche Spießer, mit dem dem Korpsstudenten das connubium untersagt ist, dieser ganz kouleurunfähige deutsche Spießer sitzt im Zuhörerraum und zerfließt vor Wehmut. Die Korporationsform abtun? Noch wissen wir es nicht. Soviel ist sicher, niemals ist uns diese Form letztes Gut. Dennoch ist diese Frage für uns schwerer zu entscheiden.wie etwa für die Zionisten. Denn der Zionist strebt nach Unterscheidung. Je mehr Unterscheidungsmerkmale, desto stärker ergibt sich die Auffassung von jüdischer Sonderart. Uns aber ist es Notwendigkeit, die Gemeinsamkeiten zu finden. Nur eine kleine Anregung: Man sollte einmal den Ideengehalt des deutschen Kommersbuches untersuchen, vielleicht würde sich hier unter vielem Schnörkelwerk etwas finden, was das Studententum über zeitliche und gesellschaftliche Bedingtheiten hinaushebt. Diese Frage hat ihre Bedeutung hinter der ebenso notwendigen Frage der Reformen. Wir sind Deutsche! Aber unser Deutschtum ist uns nicht so selbstverständlich, wie das Deutschtum unseren andersgläubigen Kommilitonen ist. Zum mindesten liegt es uns ferne, unsere Vaterlandsliebe mit der Vorliebe für die nicht minder prosaische Tatsache zu verwechseln, daß wir etwa unter einer anderen Staats- und Gesellschaftsordnung mehr gegolten hätten. Denn wir brauchen uns nicht besser zu machen, als wie wir sind, dies war ja bei uns nicht der Fall. Wir haben keinen Anlaß, die Verfassung, die sich „das deutsche Volk einig in seinen Stämmen und von dem Willen beseelt, sein Reich in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuern", gegeben hat, als schlechter zu empfinden, denn jene Verfassung, die anhebt: Seine Majestät, der König von Preußen, Seine Majestät, der König von Bayern usw. Wir stehen nicht an, zu erklären, daß es uns oft schwer ankommt, das Wort „Deutsch" in. den Mund zu nehmen, weil wir es zu oft gehört haben von wutverzerrten Lippen, weil es zu häufig gedient hat, Haß, New und Niedertracht auf dem Wege zu ihren unsauberen Zielen zu decken. Schwer können wir abschütteln den Gedanken an maßlose Neberhebung und Selbstüberschätzung, die so vielfach den Gebrauch dieses Wortes veranlaßt hat. Wir schwärmen nicht mehr für jene eitle Kraftmeierei germanischer Heldengestalten, die so lange Gegenstand allgemeiner Bewunderung gewesen ist. Das „Deutschtum" ist uns nicht mehr so selbstverständlich. Und trotz alledem haben wir so etwas wie eine stille Zuversicht, daß, wenn wir unseren' Weg, durch neurasthenisches Geschrei und Getobe unbehindert, fortsetzen, wir auf etwas stoßen, das wert ist, von uns geliebt zu werden, unbekümmert, ob dies von anderer Seite anerkannt oder auch nicht anerkannt wird. Daß wir auf etwas stoßen, was Innerlichkeit ist, was Anstand und das vor allem unbeirrbare Ehrlichkeit ist. Wir sind Juden! Auch dies ist uns nicht so selbstverständlich. Denn wir fühlen nicht die unlösliche Bindung an einen jüdischen Volkskörper, ein Gefühl, das manche Erleichterung geben könnte. Wir sind andererseits vielleicht zu jung, um in peinlicher Beobachtung althergebrachter Gebräuche Befriedigung zu finden. Daß uns aber so viel Feindschaft in den letzten Jahren umgeben hat, hat uns die Frage aufgenötigt: Warum? Ist es nur jene mit Recht so beliebte, weil unerklärliche soziologische Bedingtheit einer nun einmal mit besonderen Merkmalen ausgestatteten Gruppe. Oder sollte, es doch so etwas geben, wie jiwische Religion, etwas, was man in den Religionsstunden nicht gelernt hat, etwas, was sich nicht im Unterschied von reinen und unreinen Nahrungsmitteln erschöpft. Wo sind die Führer, die uns zeigen, was hinter vielem Nebensächlichen und Unbedeutenden steckt, die uns verständlich machen, daß Religion nicht eine Angelegenheit alter Betschwestern und abgelebter Greise ist, sondern, daß sie etwas ist, was auch der Jugend ansteht, was sich mit jugendlichem Sinn, mit Mut und Tatkraft wohl verträgt. Der Lösungsversuch des Zionismus, zum Tell gefördert durch die ungünstigen Verhältnisse in unserem Vaterlande, hat jetzt wohl schon klar ergeben, daß Palästina eine allgemeine Lösung der Judenfrage nicht geben kann. Werden wir imstande sein, die zurückflutenden Massen, in denen das Verlangen nach positivem Judentum geweckt ist, aufzunehmen und ihnen zu geben, was sie brauchen? Dies ist eine der hohen Aufgaben, die uns gestellt sind. Wenn uns der diesjährige K. C.-Tag ein wenig weiter bringt, dahin, daß wir einfach und aufrichtig, ohne uns nach verschiedenen Himmelsrichtungen umzusehen, fühlen: Wir sind. Deutsche und Juden, so wird er nicht vergebens gewesen sein.

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