KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1926)
- Date
- 1926-10-01
- Page
- Seite 65 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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fett begründet. 2m zweiten Semester nahm sie Couleur an. Das kleine studentische Häuflein war zunächst ganz auf sich selbst gestellt. Die jüdische Philisterschaft war von lähmender Sorge erfaßt. Nur zwei aus dem Kreise der damaligen Prominenten: der Historiker Prof. Heinrich Graetz und der Rabbiner Manuel Joel erkannten den Gedanken des Zusammenschlusses auf rein jüdischer Basis als richtig an, sprachen es aus und flößten dadurch Zutrauen ein. Die jüdische Studentenschaft hielt in der überwiegenden Mehrheit den gewählten Weg für nicht erfolgversprechend. Die Aufgabe war: dem Drucke einer Welt und — was schlimmer — der Verachtung einer Welt zu trotzen! Blitzartig wird die Lage durch die Bemerkung eines jüdischen Studenten beleuchtet: er müsse am Sonntag auf die Straße gehen, um sich beim ersten Couleurbummel der Viadrinen davon zu überzeugen, daß jüdische Studenten mit einer jüdischen Mütze auf dem Haupte sich der Oeffentlichkeit präsentieren. Der Verachtung einer Welt zu trotzen! Damals hieß es: die Juden sind minderwertig! Heute sagt man: verderblich! Damals: minderwertig. Es ist ein wesentlicher Unterschied. Für die jungen Kämpen galt es auf körperlichem Gebiet sich ebenbürtig zu erweisen. Das ist geschehen. Auf geistigem Gebiet: sich mit dem Bewußtsein der glorreichen jüdischen Vergangenheit zu erfüllen. Ein neues Gemeinschaftsbewußtsein zu schaffen. Ein großer Teil der in den letzten 40 Jahren geschaffenen bedeutenden jüdischen Organisationen fußte auf diesem Gedanken. Wesentlicher als irgend welche äußeren erzielbaren Erfolge ist eben dies: sein Selbst zu retten, für die Richtung eines ganzen Lebens einen inneren Halt zu finden, eine Erkenntnis zu fassen, die — mit nur geringer Uebertreibung — in die Worte geprägt werden könnte: Ziel ist nichts und Weg ist alles! Bedeutsamer als das Was? im Leben ist das Wie? — die Art, wie man das Leben, das einem als Aufgabe gestellt ist, auffaßt und durchführt. Die äußere Gewandung, die einem das Leben zugeteilt hat, kann unscheinbar sein, für die wenigsten ist sie glänzend, meist ohne Schmuck und Zierat, aber wie man sie trägt und sich in ihr trägt: da ist Bedeutung, das ist Größe! Sokrates — Diogenes — und neben ihnen die Märtyrer des Judentums, die auf dem tausendjährigen Leidenswege einen Gedanken gelebt haben, für ihn litten und — wenn's not tat — starben. Die berühmten mit historischen Namen und der unbekannte Soldat auf dem Schlachtfelde des Gedankens, der den Gruß der Gesamtheit und die weihevolle Stille eines Augenblicks verdient. Ein Staatsmann, der nebenbei ein Philosoph war, hat das schöne Wort gesprochen: Die Ideen liegen immer im Kampfe mit den Interessen. Für den Augenblick siegln die Interessen, auf die Dauer aber doch die Ideen. Die jungen Kämpen von 1886 sind inzwischen alt geworden. Sie haben gestritten, gelitten, und waren doch froh in einem Studentenleben, das vielleicht von außergewöhnlicher Beschwingtheit war. Den Toten des Kreises sei dieser Augenblick des Grußes und weihevoller Stille zugedacht. Vierzig Jahre sind darüber hingegangen. Ein Weltkrieg liegt darin. Verwirrung der Geister. Daneben: neue Keime, neue Hoffnungen! Acht Jahre dauerte der Leidensweg der Viadrina. Fünf Formen mußte sie annehmen. Dauernd verfolgt. Gefürchtet und siegreich ist sie unterlegen. Durch Tücke gefällt. Siegreich: denn der Gedanke lebt! Lebt in all den Korporationen, die ihn aufgenommen haben — im K. C. Ein Hort der Erinnerung und der Tradition ist der A.H.-Verband Viadrina geworden. Der Kreis der 50 alten Herren ist bereits zusammengeschmolzen: der Tod hat Lücken in die Reihen gerissen. Die Lebenden werden in dem scheinbaren Sieg der Interessen nicht die Niederlage der Ideen sehen. Verzagtheit und Kurzsichtigkeit könnte leicht dazu kommen. Schlimmer als je umbrandet Haß und Mißgunst jüdische Gemeinschaft. Schlimmer — wie es rein äußerlich betrachtet scheinen könnte. Aber ist es in Wirklichkeit schlimmer — 1926 — als 1886? Ist nicht das Gemeinschaftsbewußtsein da, das vor 40 Jahren mühsam erst geschaffen werden mußte? Nicht vollendet — aber doch da. Sind nicht inzwischen all die großen jüdischen Organisationen da, die Schutz und Wehr sind in den tausendfältigen Beziehungen des öffentlichen Lebens? Und wenn wir in diesem Zusammenhang auch der prinzipiell entgegengesetzten romantischen Bewegung gedenken, die in einem begrenzten Rahmen real geworden ist, so wollen wir dabei nicht unerwähnt lassen, was auch sie für ein jüdisches Gemeinschaftsbewußtsein geleistet hat. Und weiterhin: was bedeutet es denn, daß wir den Sinn der feindlichen Kampfmotivierung in das Wort: „verderblich" hineingepreßt haben, während wir 1886 das Wort „minderwertig" als Sinn oder Unsinn annahmen? Das bedeutet, daß auch die Gegner jüdische Tüchtigkeit, körperliche und geistige, nicht mehr abstreiten können, nur daß ihr Haß uns andichtet, daß unsere Tüchtigkeit eine Richtung habe, die der Gemeinsamkeit schädlich sei. Die „Minderwertigkeit" ist glücklich überwunden. Wir können uns trösten nach berühmtem Wort: