KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1926)
- Date
- 1926-10-01
- Page
- Seite 63 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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63 unseres K. C. zusammenfinden, werden wir uns von neuem die Frage stellen, was uns der vor nunmehr 40 Jahren aufgerichtete Wegweiser der K. C.-Jdee in dieser so anders gestalteten Gegenwart noch bedeutet, wie sich der Gedankeninhalt unserer Bewegung den neuen Zeitverhältnissen angepaßt und vielleicht noch anzupassen hat. „Was in dem Gründungsaufruf der Viadrina vom Jahre 1886, dem ältesten Dokument des modernen Judentums in Deutschland, niedergelegt ist, ist der erste, nunmehr von der deutschen Iudenheit in seiner Mehrheit als einzig natürlich anerkannte Versuch, das Problem von Judentum und Deutschtum in ihrem Nebeneinander zu lösen. Freilich ging damals nicht etwa von einem zu lösenden Problem die Rede, ein solches wurde erst durch unsere Gegenwart künstlich geformt. Als man in den ersten K. C.-Verbindungen daran ging, den deutschen Juden aus gleichgültigem Duckmäusertum zu verantwortungsfreudigem Selbstbewußtsein aufzurütteln, war an unserm Judentum und an unserm Deutschtum nichts Fragliches oder Zweifelhaftes. Man sah und wertete den deutschen Juden so, wie er wiicklich war, wie er unter Aufrechterhaltung seiner religiösen Sonderart in Jahrhunderten der Entwicklung in deutscher Geschichte und deutscher Kultur geworden war, mit allen Wurzeln, die ihn fest im heimatlichen deutschen Boden verankerten und ihn in jüdischen Sonderdingen an die jüdische Gemeinschaft unlösbar banden." Diese Grundeinstellung, die ich vor 10 Jahren als das Rückgrat der K. C.-Arbeit kennzeichnete, hat sich in den schweren und bitteren Jahren der Kriegs¬ und Nachkriegszeit bewährt. Den hohen Wert unserer Id ersetze ich eben darin, daß nicht Grad und Art der äußeren Anfechtungen gegen unser Deutschtum und unser Judentum unsere Haltung begründen oder verändern, daß wir vielmehr nach inneren Gesetzen, aus unserem persönlichen Sein und Gewordensein heraus, unseren Weg suchen, ohne uns durch die äußeren Ereignisse des Tages beirren zu lassen. Dies scheidet uns von der national-jüdischen Bewegung, die im Grunde von jenen äußeren Faktoren ihre Nahrung erhält. Gerade die letzten Jahre ließen diesen Unterschied klar hervortreten. Als mit dem Zusammenbruch des alten deutschen Staatswesens die trüben Fluten des Judenhasses der Sintflut gleich hereinbrachen und alles hinwegzuspülen drohten, was in der Geschlechter Folge aus der Hingabe der besten Kräfte für die deutsche Heimat als lebensvolle Gemeinschaft gewachsen war, da war es nicht zu verwundern, daß ein nicht unerheblicher Teil der deutschen Juden vorübergehend vom Geist des Pessimismus erfaßt und in seiner Enttäuschung und Verbitterung nationaljüdischem Denken näher- . gebracht wurde. Gerade hierin bestättgt sich, daß der gewissen neuzeitlichen Strömungen angepaßte jüdische Nationalismus aus der Negative der Verzweiflung emporgewachfen ist, daß diese Bewegung aus den Storungen in den Beziehungen der Juden zu ihren Heimatländern ihren Antrieb empfängt und daß, so dürfen wir hoffen, mit der Läuterung und Gesundung dieser Beziehungen der unnatürliche Nährboden jüdisch-nationaler Verirrung wieder schwinden und die der nationaljüdischen Bewegung zugewandten Kräfte den Weg zu wirklichkeitsftoher Arbeit zurückfinden werden. Dieser pessimistischen Einstellung der nationaljüdischen Bewegung, die in ihrer Enttäuschung „aus der Lage Konsequenzen zu ziehen" wünscht, steht unser K. C.-Gedanke diametral gegenüber. Das vertrauende Bejahen der Heimat, in welchem Geiste unser Bund geschaffen ist, hat uns davor bewahrt, aus den Tagesereignissen jene Konsequenzen der Ungeduld und Enttäuschung zu entnehmen. Der optimistische Kern der K.C.--3dee gab uns vielmehr die Kraft, die uns zugefügten Nebel nicht als die Aeußerung der normalen und dauernden Gesinnung unserer Umwelt zu empfinden, sondern sie als Widerspruch und Sünde gegen den wahren deutschen Geist, verständlich nur in der Zeit der fieberkranken Agonie eines nach dem Niederbruch um neues Werden ringenden Volkes, mit den hiernach angepäßten Mitteln zu bekämpfen. Die deutschen Juden in ihrer weit überwiegenden Mehrzahl folgen heute wie vor dem Kriege dem Wegweiser, den der K. C. und nach ihm die gleichgerichteten Organisationen der Philisterschaft, insbesondere der C. V., errichtet und durch alle Fährnisse auftecht erhalten haben. Auch die in schweren Zeiten Schwankenden haben sich meist zurückgefunden. Diese Situation wird am besten bestättgt durch die jüngst auf zionisttscher Tagung von offizieller Stelle mit gewisser Resignatton aufgeworfenen Frage, wie es möglich sei, daß „trotz unzähliger Enttäuschungen durch viele Jahre", die Juden noch immer an den oben dargelegten Gedankengängen festhalten; um unseren Opttmismus, den man auch drüben feststellt, herabzusetzen, suchte man unsere Einstellung dahin zu formulieren, daß wir uns „mit der Umwelt indentifizieren, ihr gegenüber Beteuerungen abgeben", und daß wir in jüdischen. Fragen uns eine „Lebensdiät" zurechtgelegt haben, „eine Art Coueismus innerhalb des jüdischen Programms, indem wir uns selbst versicherten, es werde von Tag zu Tag besser". Kb. Holländer hat in ausgezeichneten Ausführungen — vergleiche den Aufsatz „Die Erfurter Tagung" in der C. V.-Zeitung Nr. 36 Jahrgang 1926 ,—