Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1918-04-01 · Heft 21 (April 1918) · p. Seite 1046

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 21 (April 1918)
Date
1918-04-01
Page
Seite 1046 (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2268830-2268910-2268912--2131-3523700
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1046 ffcdtfene FMge: Dch -muß »gestehen/. daß ich an der i Lebensfähigkett - 4er ^jüdischen /Sprache für dieMukUnst tzweifle, uns zwar deshalb, weil ich bmnerLej «4M W Mk gebildete Jugend untWemciydepdssisch jmauchmalWuchhebräisch)- aber «ichxÄsehrj^sttyr jüdisch Anterhält und l»aß gebildete j Wtern mehr und mehr 4azu übergehen, mit ihren Kindern von frühester Kindheit an rüMch -(daneben auch hebrittW,: -aber nicht jüdisch zu sprechen. Diesen Mndern fällt eS dann später schwer, - die -deutschei Sprache zu erlernen, die jüdische lewen sie meist überhaupt nicht. Trotzdem wäre es unrichtig, hieraus den Schluß zu Ziehen, 'daß die jüdische Sprache dem Untergang geweiht sei. Andiers als bei uns sind die Bestrebungen der Oberschicht nicht die schlechthin für l die Gesamtheit maßgebenden. Es ist wohl möglich, daß das Jüdische als die ^Sprache der jüdischen Bölksmaffen, der Kleinbourgeoisie und der Arbeiterschaft sich erhalten wird. Infolge des Krieges ist der größte Teil der gebildeten Jugend beschäftigungslos, sie sucht sich durch Erteilung von Unttrttcht nützlich zu machen. Allerorten sind jüdische Schulen aus hem Boden gesprqssen. Die Lehrer siyd meist Zionisten, mij Energie und Erfolg bemühen sie sich pm die BildungderJugend. Daß das im zionistischen Geistegeschieht, ist Aar, und besonders wird das Neuhebräische gepflegt. Die Verbreitung; des Hebräischen als lebendiger Sprache ist denn auch erstaunlich. Gegenüber den güten Leistungen im Sprachunterricht sind mir. in den jüdischen Schulen die geringen im Rechnen aüfgefallen. J Ein großer Teil der Jugend besucht die Ehedarim?) Ein einheitliches Urteil wird man übxr sie kaum fällen köMen, es hängt vieles von der Persönlichkeit des Lehrers ab. Zu Gunsten des Cheder wird man anfühxen köMen, daß die Schüler individuell behandelt werden und daß sie zwar eine i einseitige Bildung, aber doch eine geistige, Schulung /Malten, die für sie, wenn sie mit dem 12. -oder 13! Jahre den Cheder verlaßen,/leine schlechte Grundlage zur Fortbildung M, Studenten.haben sich Mr gegenüber lobend über ihr,e Lernzeit im Cheder ausgesprochen. < -Jedenfalls ist die geistige Regsamkeit der Juden, ihre Bildung und ihr Bildungsdrang frappierend, zumal bei Vergleich zu der russischen Bevölkerung. Die Kenntnis der russischen wie der hebräischen mndt jüdischen Literatur ist weit verbreitet und es ist eine angenehme Ueber- *) „Cheder" heißt Zimmer. Es sind-kleine Schulen, in denen die jungen Kinder durch den „Melammed" (Lehrer) mid den „Belser" (Behelfer) in der Thora unterrichtet rverderu raschung, sich in entlegenen Orten mit Jüdinnen über Tolstoi wie über Bialik oder Perez unterhalten zu können. Die jüdischen Friedhöfe fallen durch ihre Farbenpracht auf, gleich als wenn; die Toten durch die Buntheit der Grabsteine für die Farblosigkeit ihres Lebens entschädigt werden sollten. Da sieht man auf den Steinen gemalte rote Löwen, braune Hirsche,* *) goldene Leuchter, grüne Blätter, rote Rosen, Bücher, Geräte und Vögel in verschiedenen Farben. Viele Inschriften sind in hebräischen Versen abgefaßt, dabei sind Akrosticha beliebt, die Anfangsbuchstaben der Verse enthalten den Namen des Verstorbenen. Häufig sind die Gräber zwei Meter hoch oder noch höher mit Ziegelmauern umgeben, die! überdacht sind. ' Der Krieg hat viele Familien wirtschaftlich ruiniert. Bettelarm und unbedingt auf Unterstützung angewiesen, ohne Möglichkeit des Erwerbs sind in den mir bekannten Gegenden etwa 25 Prozent der jüdischen Bevölkerung. Die Juden haben sich weniger als die Bauern die veränderte Lage zunutze machen können. Das Schlimmste ist ihre Mutlosigkeit, sie wollen während der Zkriegszeit nichts Neues beginnen. Natürlich gibt es Ausnahmen und mancher jüdische Kriegsgewinnler ist ebenso lediglich auf seinen Vorteil bedacht wie mancher Kriegsgewinnler anderswo. Im allgemeinen scheinen mir aber die jüdischen Händler nicht zu hohe Preise zu fordern, außer der allgemeinen Verteuerüna sind die Verkehrshindernisse im Okkupationsgebiet zu berücksichtigen. Zu loben sind die jüdischen Handwerker — das Handwerk ist bekanntlich ausschließlich in Händen der Juden sie arbeiten gut, schnell und billig. Der größte Teil der Juden scheut körperliche Arbeit nicht, und aus dem Lande habe, ich mit Vergnügen halbwüchsige Burschen sich auf Pferden ohne Sattel und Zügel tummeln gesehen. Weniger an Arbeit gewöhnt und dazu fähig sind die jüdischen Frauen und Mädchen. Ein schöner Zug ist die herzliche Gastfreundlichkeit. Ich höbe oft ihre Gastfreundschaft in Anspruch nehmen müssen und bin stets gut ausgenommen worden. Trotz Leiden und Sorgen sind die Juden zum Frohsinn geneigt, und die Wärme und Gemütlichkeit ihres häuslichen Lebens teilt sich gar bald dem Gast mit. *) Symbole der Stämme Israels. * * *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.