KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 21 (April 1918)
- Date
- 1918-04-01
- Page
- Seite 1045 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2268830-2268910-2268912--2130-3523699- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1045 man sich mit den Worten onvseM als Jude? bekennt. Weniger konsequent sind sie in der Aussprache des Jüdischen, has. deutsche au sprechen sie teils wie ee, teils wie oi aus: es heeßt „Eege", „eech" und „keefen", aber „Hois" und „Bedoiern". Die Gründe dieses verschiedenen Dialekts habe ich nicht ermitteln können?) Im Ostjudentum' gibt es bekanntlich zwei religiöse RiDunM: 6dr»88l(1im und Äisnatzäiw (Pietisten und Rationalisten). Die Chassidim wohnen in Polen, Galizien und der Bukowina, die littauischen und russischen Juden sind meist Misnagdim. Doch gibt es in den Städten, in denen ich gewesen bin, einzelne chassidische Familien, die ihren eigenen Gottesdienst abhalten. Eigenartig sind die religiösen Melodien der Chassidim, fröhliche, triviale Weisen, um nicht Gassenhauer zu sagendie Lebensfreudigkeit gehört zur Religion der Chassidim und ihr Gottesdienst ist Jubel. : Seit den Schriften Martin Bubers ist ja bei uns Interesse für den Chassidismus erwachtdie Chassidim, mit denen ich zusammengekommen bin, haben aber für das Charakteristische ihrer Richtung wenig Verständnisein Chassid, der mit mir ein kabbalistisches Stück aus dem Aramäischen übersetzte, konnte den unverständlichen Sinn nicht erklären. Das jüdische Wissen der Misnagdim ist groß, der Gottesdienst regelloser als bei uns, aber voll Inbrunst. Doch sind sie nüchtern, realistisch und ohne Fanatismus — wie sie behaupten auch darin im Gegensatz zu den polnischen Chassidim. Auch tragen bei ihnen, anders wie in Polen, nur wenige den Kaftan, und nur wenige haben Hängelocken/) ihre Tracht ist europäisch und ihr Geist beweglich. Der Krieg hat in religiöser Beziehung demoralisierend gewirktdie Juden haben oft genug am Sabbat arbeiten, die Speisegesetze übertreten müssen, und dadurch haben sie sich an eine Lässigkeit in der Beobachtung der Vorschriften gewöhnt, die sich auch nach dem Kriege bemerkbar machen wird. Doch werden nach außen hin die Vorschriften befolgt. Die am Sabbat geschlossenen Geschäfte, die Sabbatlichter geben der Stadt ein feierliches Gepräge. In diesen Städten, in denen fast die ganze Einwohnerschaft jüdisch ist (der Kern der Stadt ist jüdisch, nur an der Peripherie wohnen russische Bauern und Gärtner), vollzieht sich das Leben und Treiben nach jüdischen Gebräuchen, eS sind jüdische Städte und besonders das Familienleben beruht auf jüdischer Traditton. 3) Sie liegen einfach darin, datz der heutige neuhochdeutsche Laut „au" aus verschiedenen mittelhochdeutschen Quellen stammt. „Kaufen" ist aus „Konten", „Haus" aber aus „düs" entstanden. Die Red. s) Die „Petes" zu tragen war unter russischer Herrschaft nur den Rabbinern gestattet. Die Red. Die Feste sind nichts mmreligiöser Artsonderrß sie: erhalten Mrer Färbung» durch die WoMfltten^ wobei die kulinarische Seite der - Angelegenheit nicht zu verachten -listsg Wer -zu Chanukahl in jüdischen Familienl-Kartoffelpuffer' gegessen hatweiß, wasichMeines von den opulentem Effeu au den Szederabenden oder an den hohen Fest» tagen-zu.-schweigen-ü? r; - . Die russischen Juden sind durch und durch national-jüdisch gesinnt, etwas anderes istihnen unverständlich, für die Assimilattonsneigungen bei einem Teile der - jüdisch-polnischen Großbourgeoisie haben - ste .nur Verachtung. Nur bei sozistldMvMttsch'Mesinnten kann man auf internationalistische Anschauungen stoßen,, aber auch bei ihnen meist mit national-jüdischem Einschlag. Ueber den Zionismus sind die meisten nur oberflächlich unterrichtet, wenn man auch vielfach das Bild Theodor Herzls in demHäuseru findet, doch glaube ich, daß, wenn/es eM möglichfein wird, zionistische Propaganda zu treiben und Volksversammlungen äbzuhalten,mitLeichtigkeit fast die ganze jüdische Bevölkerung für den Zionismus gewonnen werden wird. Soweit die Jugend bewußt zionistisch ist, ist sie es im rultÜHionistischen Sinne. Achad-Haam steht ihr näher als Theodor Herzl und die Schriften Martin Bubers entsprechen ihrer abstrakten Denkungsart und wecken Interesse. In Slonim habe ich mit Hilfe von mehr als 50 jüdischen Zählern eine Volkszählung veranstaltet, deren Ergebnisse ich infolge meines Fortganges freilich nur; oberflächlich habe bearbeiten könnest. Aber schon Hei' einetz'.'MchMÄt Durchsicht der Listen ist mir zu memer ÜebÄraschung die große Zahl der Schreibunkundigen in der älteren jüdischen Generatton ausgefallen? Dieser Eindruck isv bestätigt worden durchs die statistischen Berechnungen, die ich in Chvmsk über die Volksbildung der Judest angestellt Habe) ' Die Sprachenkenntnis der jüdiWst Jugend aber ist erstaunlich: Die meisten beherrschen vier Sprachen: Hebräisch, Jüdisch, ' Deutschr und russisch und viele können außer hebräisch auch ruffisch und lateinisch schreiben. Wer. im Okkupationsgebiet gewesen ist, weiß/ wie unentbehrlich die Juden als Dolmetscher sind. Daß die jüdisch-deutsche Sprache die Umgangssprache der jüdischen Massen ist, hat zur Folge, daß es ihnen - leicht fällt, Deutsch zu erlernender Verkehr mit der: russischen Bevölkerung? bewirkt, daß sie sich die Landessprache aneignem So sind sie die. Mittler zwischen Deutschen und Russen und die Erhaltung der jüdischen Sprache liegt rat deutschen Interesse. Ob das Jüdische die Umgangssprache der Ostjuden bleiben wird, ist bekanntlich eine be-