KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 21 (April 1918)
- Date
- 1918-04-01
- Page
- Seite 1043 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1048 fremd geworden ist, uns wieder zu eigen machen/ sie ganz umfassen mit-Gemüt und Verstand. Wir muffen von der ungeheuren -Wichtigkeit dieser Aufgabe unsrer- undder folgenden Generation uns selbst^ und die ganze Judenheit 'überzeugen, unaufhörlich; mit; allen Mitteln / jedem eMzelnen /muß es in Fleisch nndr Blut Übergehendaß von ihm, gerade von ihm/ die -Fortexistenz der jüdischen Äeligion abhängt, daß er sein Teil Verantwortung daran trägt. Und wie kann das geschehen? Der Mittel gibt es verschiedene. Das hauptsächlichste aber scheint mir folgendes zu sein: Es muß ein Werk geschaffen werdenaus dem sich jeder über alle Fragen der Religion unterrichten kann,; die sich verstanh.esmäßig erfassen, lassen, also Dogma, Form der Religionsausübung, Geböte Und Verbote, deren Sinn und Ursprung, Gebete, Bräuche, Ritus. Dies Sammelwerk muß sich möglichster Objektivität befleißen, zweifelhafte Fragen als solche kennzeichnen; es soll inhaltlich so vollständig als wie möglich, muß dabei aber in der Darstellung so knapp als tunlich und leicht verständlich gehalten sein, denn es ist bestimmt, gleich einer Flugschrift in die weitesten Kreise zu dringen, nicht nur da zu sein, sondern in jeder Familie gelesen, studiert, verstanden zu werden. Für seine weiteste Verbreitung muß gesorgt werden. Und doch ist dieses Werk nur eine Vorstufe, allerdings die wichtigste. Denn was dann folgt, folgt mit Naturnotwendigkeit:; dann wird, muß von innen heraus, von tiefftem, miterlebendem Interesse getragen, auf eine ganz breite Schicht Wissender und Verstehender sich stützend, das dringende Verlangen Hervorbrechen nach einer Reformation unsrer Religion, nicht ihrer Lehre, aber ihrer Erscheinungsformen, ihrer Bräucheeines Teils ihrer Vorschriften. Denn Haben wir dieses Werk, so wird jeder sehen und mit Händen greifen können, was er heute ahnt, ohne es doch genau zu wiffen und sich ein Urteil Zutrauen zu dürfen: welch gewaltiger Wust von Vorschriften sich im Lauf oer Jahrhunderte an unsere Religion angesetzt hat, jetzt zu Schlacken eworden, die ihre Reinheit, Einfachheit und Erabenheit trüben. Vorschriften, die teils nur auf eine bestimmte Gegend, Zeit, Kulturstufe, Staatsform zugeschnitten waren, andere, die nichts als Kommentare oder Kommentare von solchen oder. gar nur rabulistische Spitzfindigkeiten sind. Wie weit diese Reform wird gehen müffen, das zu sagen, ist heute noch nicht dieZeit und hier nicht der Ort. Eines wiffen wir: unsere Religion wird und muß aus ihr gereinigt und verjüngt hervorgehen, in erhabener Einfachheit^; sie muß eine Religion werden, die nicht mehr nötigt, tägliche und; stmidlich chiwHompro-i miß einzugehen zwischen ihren Vorschriften den Erfordernissen und Erkenntnissen des mödemen Lebens. , Warum/ wirk mancher fragen, den „Umweg"' über jenes Büch, wenn im Grund nichts anderes verlangt/wird als? eine Reform' im Sinn deO religiösen LiberaliÄnus^ Deshalb, weil; jenes Sammelwerk, wie schon betont, eine notwendige Vorstufe ist, weil es die; Grundlage einer organischen Entwicklung, werden soll, öer sich feiner mehr entgegenstellen kann, weil; eSHedewZweifeb über die Notwendigkeit der Reform ausfchließen wird, auch den Zweifel derer, die etwa glauben, „daß der ganze Bau ins Wanken komme, wenn an einzelnen Steinen gerttttelt wird:" Jhnen;rdie Zahl ist wohl nicht klein soll gezeigt werden, daß der? Bau schon lange krankt und wankt und dem völligen Untergang geweiht ist, wenn nicht die Erneuerung kommt, deren eben auch eine Religion bedurft wenn sie Jahrtausende erlebt hat. Darum ist jenes Buch nichts weniger als ein Umweg. Die Juden, die wollen, werden ihre Religion haben. Möge die Zahl derer groß' sein,' die gleicher Meinung find, und die Arbeit frisch beginnen. Hermann Cohen. Am Donnerstag, den 3. April, ist Hermann Cohen in Berlin gestorben. Mitten aus der Arbeit heraus, der der 76jährige sich mit unermüdlicher Kraft hingab, ist er abberufen worden. Noch am Montag vor seinem Tode hielt er in der Lehranstalt für die Wissenschaft deS Judentumes feine Vorlesung und nach kurzer Krankheit verschied er drei Tage später, pstichtgetreu und arbeitsfreudig bis an das Ende, ein leuchtendes Beispiel für die Art, wie Lehre und Leben sich im echten Mmschen harmonisch vereinen. Bon Hermann Cohens Bedeutung als Philosoph wie als Jude wird noch ein Berufenerer an dieser Stelle zu unS jungen Akademikern reden. Hier nur soviel, daß die von ihm gegründete Marburger Schule in der deutschen Philosophie deS 19. Jahrhunderts; gewiß die markanteste Erscheinung mit bedeutet. Objektiv wird die Geschichte der Philosophie des 19. Jahrhunderts, wenn sie an. das Kapitel des Neukantianismus; kommt, seiner Persönlichkeit ein besonders rühmendes Kapitel widmen. Ebenso groß wie als Philosoph; war aber Cohen auch; als Mensch. Er war nicht nur Lehrer und Forscher, sondern ein wahrPrstiger Mensch mit eiriemwarmen Herzen, mit einem geraden rechtlichen > Sinn- Die ethischen/ An-