Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1918-01-01 · Heft 20 (Januar 1918) · p. Seite 1012

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 20 (Januar 1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 1012 (sequence 34)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2268830-2268910-2268911--2096-3523664
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

so gletchredende Sippen die Nation. Und ge. wiß sollte jede Nation, in sich durch gleiche Kultur geeint, am besten einen besonderen Staat bilden, um in gleichgerichtetem, ungehindertem Streben fruchtbar an den Aufgaben der gesamten Menschheit mitzuarbeiten. Wir Juden sind aber Feine solche Nation mehr, und sähen einen Rückschritt darin, wenn wir es wieder werden wollten. Wir sind über die einzelnen Nationen zerstreut und Teile einer jeden. Die uns einende religiöse Messiasausgabe ist nicht international im politischen, sondern übernational im Menschheitssinne. Weil wir uns auf einer Stufe der Menschheitsentwicklung stehen fühlen, die die Wge des bloßen Nationalstandpunkts ersaßt hat und über die Nation hinauswachsend die geeinte Menschheit als Zweck des Menschenlebens erkennt. International wären wir Feinde des Staats, dem wir national angehören, übernational sind wir Wegeweiserund Wegebahner zum letzten Ziel. Erwin Seligmann, Referendar (Ghibellinae, K. C-Stammtisch-Frankfurt). Nachwort. Nachdem dieser Aufsatz bereits vor zwei Monaten sertiggestellt war, sind inzwischen noch politisch wichtige Erklärungen der türkischen und deutschen Regierung erfolgt: Der Großwesir Tälaat Pascha hat sich in Interviews den Vertretern der „Bofsischen Zeitung" und des „Berliner Lokalanzeigers" gegenüber ausführlich über die Palästinapolitik der türkischen Regierung geäußert: Die Türkei, die allein unter allen Ländern nie einen Antisemitismus gekannt habe, hege auch heute noch ihr unverändertes Wohlwollen gegenüber ihren jüdischen Bürgern und deren Ansiedlungsbestredüngen in Palästina. Die Juden sollten sich in ihrem Vertrauen auf die Türkei nur nicht durch den Bluff der englischen Regierungserklärung beirren lasten. Wenn bisher die jüdische Kolonisation Einschränkungen unterworfen gewesen sei, so habe das daran gelegen, weil die Einwanderer ihre fremde Staatsangehörigkeit und den Schutz ihrer damit verbundenen Konsular, gerichtsbarkett nicht hätten ausgeben wollen. Nach . Aufhebung der Kapitulationen seien aber diese Unzuträglichkeiten jetzt beseitigt. Die Erschwerungen der roten und weißen Scheine zum Beispiel seien bereits in Fortfall gekommen. Weitere von der Regierung geplante Erleichterungen könnten aus militärischen Rücksichten während des Krieges noch nicht zur Ausführung kommen. Zur vollen Gleichberechtigung sei natürlich Voraussetzung eine d au.ern de An - siedlung der jüdischen Einwanderer unter Erwerb ott omanisch er Staatsangehörigkeit. In dem Rahmen der natürlichen Aufnahmefähigkeit des Landes Palästina werde dann den Juden freie Einwanderung und Ansiedelung ge* wahrleistet werden, und ebenso ungehemmte Freiheit ihrer wirtschaftlichen, geisttgen, kulturellen und religiösen Entwicklung. Das Recht; der Selbstverwaltung würden sie ebenso, wie alle anderen türkischen Untertanen genießen, irgend welche besonderen Vorrechte dagegen könnten ihnen selbstverständlich nicht verüehen werden. Auch die deutsche Regierung hat offiziell Stellung zu den jüdisch-politischen Zeitfragen genommen: In den ersten Tagen des Januar hat der stellvertretende Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Freiherr von dem Bnssche- Haddenhausen einigen Vertretern des „Komitees für den Osten" und deS „zionistischen Aktionskomitees" folgende Erklärung abgegeben: „Wir würdigen die auf Entwicklung ihrer Kultur und Eigenart gerichteten Wünsche der jüdischen Minderheit in den Ländern, in denen die Juden ein stark entwickeltes Eigenleben haben,' bringen ihnen volles Verständnis entgegen und find zu einer wohlwollenden Unterstützung ihrer diesbezüglichen Bestrebungen bereit. Hinsichtlich der von der Judenheit, insbesondere von den Zionisten, verfolgten Bestrebungen in Palästina begrüßen wir die Erklärungen, die der Großwesir Talaat Pascha kürzlich abgegeben hat, insbesondere die Absicht der Kaiserlich-osmanischen Regierung, gemäß ihrer den Juden stets bewiesenen freundlichen Haltung, die aufblühende jüdische Siedelung in Palästina durch Gewährung von freier Einwanderung und Niederlassung in den Grenzen der Aufnahmefähigkeit des Landes, von örtlicher Selbstverwaltung, entsprechend den Landesgesetzen, und von freier Entwicklung ihrer kulturellen Eigenart zu fördern." Beide Aeutzerungen sind als ein großer Fortschritt auf dem Weg zur allgemeinen Anerkennung der jüdischen Gleichberechtigung zu begrüßen. Sie entsprechen den von der ganzen deutschen Judenheit zu billigenden Forderungen, die auch in den vorstehenden Ausführungen erhoben sind. Und sie bestätigen wiederum die Richtigkeit unserer Auffassung, die im Programm des politischen Zionismus, in den Bestrebungen zur Schaffung eines autonomen Judenstaats eine Gefahr sieht. Dieser Zionismus wäre nur geeignet, die offenenSympathien beider Regierungen in Frage zu stellen und das Errungene zu verscherzen. Erwin Deligm aun.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.