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KC-Blätter · 1918-01-01 · Heft 20 (Januar 1918) · p. Seite 1011

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Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 20 (Januar 1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 1011 (sequence 33)
Language
German
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1011 und der Staat der Abessinier. Die Religionsgemeinschaft würde uns etwa so verbinden, wie die deutschen Christen mit den armenischen. Unsere Stellung Deutschland gegenüber kann dadurch nicht im geringsten beeinflußt werden, daß irgendwelche Juden in dem Land unserer religiösen Erinnerungen einen jüdischen Staat gründen. Wir bilden durch gemeinsame Geschichte, einheitliche Kultur, einheitliche Sprache und gemeinsames Recht einen unlöslichen Teil des deutschen Volkes. Welche inneren Beziehungen sollten wir zu einem Judenstaat haben? Der philantropische Zweck? Dazu bedarf es keinen eigenen Staates. Abgesehen davon, daß die philantropischen Kolonisationsbestrebungen durch die Umwälzungen in Rußland und Polen und die zu erhoffenden Garantien beim Friedensschluß einen großen Teil ihrer Bedeutung verloren Haben, könnten sie uns nie veranlassen, mit all unseren Traditionen zu brechen und die jüdische Nation anzuerkennen. «Die Förderung der jüdischen Kultur, des Hebräischen? Der politische Zionismus hat greifbarere, realere Ziele. Wir würden tm Interesse des jüdischen Selbstbewußtseins ein kulturelles Wirken sehr begrüßen, doch bedarf es auch dazu keines eigenen Staates. In Spanien, Südfrankreich, Arabien blühte die jüdische ReligionSwiffenschaft aüi stolzesten und trug die reifsten Früchte. Eine andere — nicht auf Religion, Wissenschaft und geschichtlicher Vergangenheit beruhende — hebräische Kultur aber hat für uns rein literarisches Interesse, wie es etwa eine Neubelebung des Hellenentums durch Neu- Griechenland haben würde. Der Kampf um unser Recht kann uns nur veranlassen, uns gegen jede Unterdrückung der Juden in der Türkei und unbillige Einwanderungsbeschränkungen zu wenden, so wie die europäische Christenheit die Christen in mohammedanischen Ländern schützt. Nur insoweit geht unser Streben über Deutschland hinaus, als wir es nirgendwo aus der Erde dulden werden, daß den Juden um ihrer Religion willen die Gleichberechtigung versagt wird. Uns er Milieu, das von unserem Judentum und unserem Deutschtum wie von zwei Quellen gespeist wird, ist das einigende Element, das uns deutsche Juden nach außen zusammenhält und uns innere Kraft verleiht. Auch das hätte nicht die mindeste Beziehung zu einem orientalisch jüdischen Staatswesen auf asiatischem Boden, unter dem Klima des Südens, mit anderer Sprache, anderen Lebensbedingungen und Gewohnheiten. Verbindet uns eine gemeinsame Rasse? Die Wissenschaft leugnet teils ihr Bestehn, teils ihre Bedeutung. Die sogenannten spezifischjüdischen Eigentümlichkeiten sind zum großen Teil Folge unserer Lebensführung im Ghetto. Diese Brandmale, die uns der grausame Henker des Mittelalters aufgedrückt hat, sind für uns kein köstliches, erhaltenswertes Gut. Was uns an unserer Eigenart mißfällt, das suchen wir abzustreifen. Insofern wollen wir uns assimilieren, und die schimpfliche Bedeutung, die der Zionismus aus Unverständnis oder Böswilligkeit dem Wort gibt, wird uns nicht hindern, aus dem von unS als recht erkannten Wege unbekümmert weiterzuschreiten. Insoweit fehlt also der Wille zur Erhaltung unserer jüdischen Besonderheiten, um aus ihnen ein einigendes Moment herleiten zu können. Unsere eigentümliche Artung geistiger und seelischer Natur dagegen, mag sie nun Produkt des Milieus oder der Rasse sein, wollen wir erhalten und pflegen. Aber geistige Homogenität knüpft noch lange kein nationales Band. Und sind etwa Nation und Rasse identisch, bekämpft der Angelsachse den germanischen Bruder nicht? Nur Verblendung kann aus gemeinsamen Artmerkmalen Berechtigung oder Verpflichtung zur Bildung einer gemeinsamen Nation und noch weniger eines gemeinsamen Staates begründen. Nach alledem bleibt nichts ersichtlich, was unS einem jüdischen Staate in Palästina verbinden könnte. Wir bekämpfen seine Schöpfung, da er die Errungenschaften des hundertjährigen Kampfes um unsere Gleichberechtigung aufs Spiel setzt. Wir werden einem geschaffenen gleichgültig gegenüberstehen, ihn weder begrüßen noch bekämpfen. An unserer Stellung zu unserem Vaterland wird jenes neue Vaterland von drei Millionen Juden nichts ändern. Man muß die zionistische Bewegung aus dem Geiste unseres nationalen Zeitalters heraus verstehen. Als überwunden gilt heute die kosmopolitische Epoche, die Zeit der Aufklärung, unserer großer, Klassiker, die die höchsten Werte, die wir bis heute kennen, unS geschenkt hat. Wir erblicken aber in der neuen These von der Nation als Selbstzweck keinen Fortschritt der Menschheit. Unsere große jüdische, von den Propheten gekündete Ausgabe ist es, eine menschheitumfassende Religion der Welt zu bewahren, um sie einst schenken zu können. Ihr kehrt der Zionismus, von der allgemeinen nationalen Parole mitgerisseu, treulos den Rücken. Für uns ist der Einzelstaat nur notwendiges Mittel zur Erreichung des allgemeinen Menschheitsziels. Wie der Einzelmensch seine Familie Kündete, blutsverwandte Familien die Sippe,

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