Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1918-01-01 · Heft 20 (Januar 1918) · p. Seite 1007

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 20 (Januar 1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 1007 (sequence 29)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2268830-2268910-2268911--2091-3523659
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1007 jüdisch-nationalen kulturellen Zentrums in Palästina erklärt. In ähnlichem Sinne sprechen weiter Gustav Möller- Sekretär der sozialdemokratischen Partei Schwedens, und P. A. Hanffon, Chefredakteur des Stockholmer „Sozialdemokraten". Die amerikanische Regierung endlich tut, wenn sich die Zeitungsmeldungen bestätigen sollten, einen Schritt von nicht minderer Bedeutung, als es der englische ist: Der Führer der amerikanischen Zionisten, Oberrichter Brandeis, wird von Wilson beauftragt, Material über die Probleme des Orients zu sammeln, die Amerika zur Grundlage der künftigen Friedensverhandlungen dienen sollen. Brandeis wird Vertreter Amerikas aus dem Friedenskongreß sein. Die deutsche Regierung und die Türkei schweigen! Der österreichische Minister des Auswärtigen, Graf Czernin, dagegen empfängt den Zionistenführer vr. Hantke, Mitglied des Aktionskomitees, zur längeren Besprechung und sagt ihm die Unterstützung seiner Regierung für die zionistischen Bestrebungen bei der Türkei zu.— Ein beträchtlicher Teil der deutschen Presse fordert die deutsche Regierung aus, eine der englischen ähnliche Erklärung abzugeben, um sich von dem weltpolitisch schlaueren England nicht den Wind aus den Segeln nehmen zu lassen und auch für die Mittelmächte die zionistischen Sympathien zu erwerben. Abgesehen von der großen Gefahr, daß das internationale Judentum die öffentliche Meinung der Welt zu Ungunsten Deutschlands beeinflussen könne, und daß die deutschen Zionisten notgedrungen ihre Hoffnungen aus England setzen müßten, sei es für Deutschlands wie der Türkei Wirtschaftspolitik von außerordentlichem Wert, wenn jüdischer Kolonisten, fleiß aus Palästina eine blühende, für deutsche Handelserzeugnisse aufnahmefähige Provinz mache. sSo „Berliner Bolkszeitung" und „Berliner Morgenpost" vom 25. November, „Deutsche Montazszeitung" vom 26. November, „Deutsche Levantezeitung" vom 1. Dezember und andere.) Aehnliche Gedanken führt auch Major En dres in seinem in München und Frailksurt a.M. gehaltenen öffentlichen Bortrag „Zionismus nnd Weltpolitik" aus. „Die Entwicklung der deutschen RegierungSsorm in freiheitlicher Richtung," so schließt der Bortrag, „kann den Juden die Gewähr geben, daß der Antisemitismus kein Faktor deutscher Politik wird. Die Erkenntnis von der Bedeutung des Zionismus aber gibt ihnen die Gewähr, daß die deutsche Politik sie bei der Abrechnung des Krieges nicht vergessen und ihnen Helsen wird, ihre Heimat unter Verhältnissen zu gewinnen, die der Entwicklung der zionistischen Bewegung im Sinne des Basler Programms günstig find. Bon den deutschen Juden erwartet die Regierung, daß fie der deutschen Politik gegenüber ihre gewohnte Loyalität beibehalten." * * * Was sagen die deutschen Juden selbst zu alledem? Die Schwierigkeit einer Stellungnahme der deutschen Zionisten zu der durch die englische Erklärung geschaffenen Lage liegt auf der Hand. Sie erhellt am besten aus den Artikeln des offiziellen zionistischen Organs, der „Jüdischen Rundschau" vom 16. und 23. November: Zwei Mahnungen vor allem richtet das Blatt au die deutschen Juden. Einerseits nicht nur von England alles Heil zu erwarten, da man doch nicht wissen könne, ob Palästina auch wirklich ganz in englische Hände kommen und englisch bleiben werde. Daher erfordere es die Klugheit, fich jedenfalls auch der Zustimmung der Zentralmächte zu versichern. Andererseits wird befürchtet, es möchte eine von England ausgehende Förderung des Zionismus aus deutschem Empfinden heraus abgelehnt werden. Das sei aber eine Feigheit und Unklugheit.. Denn Palästina werde' auf dem Friedenskongreß oder später auf jeden Fall für die jüdische Einwanderung freigegeben werden: und auch die Zentralmächte würden dem zustimmen müssen. Daher werde eine ablehnende Stellungnahme der deutschen Juden die Politik der deutschen Regierung nur erschweren. Das Rad der jüdischen Geschichte werde in diesem Falle eben über Deutschlands Juden hinweggehen und fie würden ihren Einfluß auf das internationale Judentum für immer verlieren. — Beim Lesen dieser Worte hat man unwillkürlich die Empfindung, als wisse der deutsche Zionist nun selber nicht, was er wünschen solle. Hier zeigt sich die ganze verhängnisvolle Wirkung eines Schlagworts. Der „Zionismus", zum erstenmal der theoretischen Erörterung entrückt und vor eine schwerwiegende Entscheidung gestellt, muß Farbe bekennen. Bisher behagie er sich in einer Unklarheit, die zwischen seinen politischen und seinen kulturellen Bestrebungen nicht schied. So wurde sich auch der einzelne Zionist nicht dessen bewußt, ob er aus diesem oder jenem Grunde der gemeinsamen Fahne folgte. Heute, vor die Möglichkeit einer nahen Erfüllung gestellt, muß er sich für den Kukturzionismus oder den politischen Zionismus entscheiden. Wenn die beiden Begriffe einander auch nicht ausschließen, so sind sie doch grundverschieden. Beide stützen sich freilich aus die gleiche ungenaue Formulierung des Basler Programms, das „die Schaffung einer öffentlich-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.