KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 20 (Januar 1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 1006 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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- Da kommt am 2. November die offizielle Erklärung der englischen Regierung, ein Dokument von historischer Bedeutung! Der Minister deS Aeußeren, Lord Balfour, schreibt an Lord Rothschild: „Zu meiner großen Genugtuung übermittle ich Ihnen namens S. M. Regierung die folgende Sympathieerklärung für die jüdischnationalen Bestrebungen, die von dem Kabinett geprüft und gebilligt worden find. S. M. Regierung betrachtet die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen und wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei klar verstanden werde, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgend einem anderen Lande beeinträchtigen könnte? Wie ein Lauffeuer durchstiegt diese Botschaft die gesamte zionistische Judenheit! Bon überall her Glückwünsche und Telegramme) in Entente und neutralen Ländern Kongresse, die jubelnde Resolutionen fassen! Die englische Tagespresse, vor allem der „Manchester Guardian" vom 9. November begrüßt die Regierungserklärung mit Beifall. Insbesondere wird aus die Wichtigkeit des Satzes hingewiesen, daß durch die Gründung des zionistischen Staates „die politischen Rechte der Juden in irgend einem anderen Lande" nicht beeinträchtigt werden sollen. In England und Amerika könne bei der bekannten Toleranz dieser Länder niemand daran zweifeln. In den Landern des Antisemitismus aber werde die offizielle Regierungserklärung auch schon eine gewisse Wirkung Üben und alle Welt zwingen, der Erklärung beizutreten. Sollte das aber wider Erwarten nicht der Fall sein, so müsse man das mit in Kauf nehmen. Der wertvollste Teil des Judentums werde sich in Palästina anfiedeln, eine Minderung der Rechte der Zurückgebliebenen könne dem ungeheuren Gewinn gegenüber nicht in die Wagschale fallen. Die neutralen Zeitungen, so z. B. „Svenska Dagbladet" in der Nummer vom 11. November, der Stockholmer „Sozialdemokraten" vom 17. November, die dänische „Fyns Fenstreblatt" vom 19., die schwedische „Dagens Nyheter" vom 21., „Basler Nachrichten" vom 22., endlich „Dagblad voor Zuid Holland", vom 14. und „Politiken" vom 20. November sowie zahlreiche andere holländische und skandinavische Zeitungen beschäftigen sich in eingehenden Artikeln damit. Sie verkennen zwar die Gefahr nicht, daß möglicherweise England mit seinem Schritt nur eigensüchtige Pläne verfolge, erblicken aber in der Rückgabe Palästinas an die Juden die glücklichste Lösung der Judensrage, die nur international behandelt werden könne. Besonderen Wert legen sie auf die Feststellung, daß die Gründung einer jüdischen Heimstätte in Palästina keineswegs den Rechten und der politischen Stellung, die die Juden in andern Ländern genießen, schaden solle. Sie hoffen, daß das auch wirklich der Fall sein werde. Immerhin könne ohne Zustimmung der Zentralmächte, insbesondere der Türkei, nichts entschieden werden. Die endgültige Regelung werde erst der Friedenskongreß bringen. In ähnlicher Weise äußern fich einige sozialistische Führer. So sagt Camille Huysmanns, der Sekretär des internationalen sozialistischen Büros: „Ich teile voll und ganz den Standpunkt, den die neutralen Delegationen zur Stockholmer Konferenz in ihrem Friedensmanifest zur Judenfrage eingenommen haben. Der internationale Charakter der Judenfrage ist sohandgreistich, daß man dafür gar keine Beweise anzuführen braucht. Wenn manche Juden die Existenz einer Judenfrage leugnen, so beweist das nur, daß sie selbst assimiliert und dem Judentum und seinen Problemen entfernt find. .... Was man Assimilation gemeinhin nennt, wirkt überaus kulturhemmend. Das beweisen z. B. die assimilierten Flamen, die kein Empfinden für die Not ihres Volkes haben. Ich bin entschieden für die Anerkennung der Juden als Nationalität in allen Ländern, wo sie in Massen leben, und für die internationale Regelung der Judenfrage. Der Krieg hat bewiesen, daß die nationale Frage jedes Landes alle Länder berührt.Daher kann sich die Internationale nicht länger dem Zionismus gegenüber indifferent verhalten. Wenn sie ihn gestern als Privatsache betrachtete, so ist das heute, wo er infolge der Erklärung Balfours eine Rolle in der Weltpolitik zu spielen begonnen hat, nicht mehr möglich." — Der Führer der Sozialdemokratie Hollands, Troelstra, äußert sich dahin, daß die Judenfrage im Augenblick eine nationale Frage geworden sei, nicht mehr eine Frage bloß bürgerlicher Gleichberechtigung. Durch internationale Rechtsverhältnisse müsse dem jüdischen Kolonisationswerk die Möglichkeit freier Entwicklung gesichert werden. — Die Vertreter des russischen Arbeiterrats im Organisationskomitee der Stockholmer Konferenz, I. Goldenberg und Paul Axelrod, setzen auseinander: Die internationale Regelung der Judensrage sei ebenso notwendig, wie die Anerkennung ihrer nationalen Autonomie in allen Ländern ihrer Maffenfiedelung. Georg Brandes hält am 10. Dezember eine Rede, in der er sich mit Begeisterung für die Wiederaufrichtung eines