KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 20 (Januar 1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 1005 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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1006 Schon lange mehrten sich in Deutschland wie im Ausland die Stimmen, die auf die Bedeutung des Zionismus für die Weltpolitik hinwiesen. Eine Reihe deutscher Tageszeitungen veröffentlichte seit Beginn des Jahres 1917 an leitender Stelle größere Artikel über den Zionismus. So lenkt bereits am 2. Mai 1917 der konservative „Reichsbote" die Aufmerksamkeit j einer größeren Öffentlichkeit darauf, daß die! zionistische Bewegung von den Ententemächten, insbesondere England und Amerika als politischer Faktor gewürdigt und in den Bereich ihrer politischen Kombinationen einbezogen werde; erfordert, um den englischen Plänen über Palästinas Zukunft erfolgreich begegnen zu können, eine kräftige Förderung des Zionismus durch die Zentralmächte. Am 14. August kommt die Zeitung in einem längeren Aufsatz mit dem Titel „Palästina und der Zionismus" auf das gleiche Thema zurück und gibt der Erwartung Ausdruck, daß der neue Staatssekretär des Aus-! wärtigen, Kühlmann, der ja zuletzt Botschafterin Konstantinopel war, den deutsch-österreichischen Zionismus in seinen Plänen einer jüdischen Besiedelung Palästinas unterstützen werde. Das könne auch nur die Interessen der Türkei fördern. Die „Vossische Zeitung" bringt am 1. August einen Artikel: „Der Kampf um Palästina". Hier gelangt der Verfasser zu dem Schluß, daß die eigentlich zionistische Auffassung der Palct stinafrage den Interessen des Bierbunds ebenso entspricht, wie die englische Umdeutung diesen Interessen widerspricht. — Die sozialdemokratische „Bolksstimme" in Chemnitz hebt in zwei Aussätzen vom 8. und 18. August die Bedeutung des Zustroms jüdischer Kolonisten für die Türkei hervor und verlangt die Förderung des jüdischen Kolonisationswerkes durch Deutschland. Von einer Gefährdung der katholischen Interessen oder gar einer Jntrigue gegen die Unversehrtheit des türkischen Reichs könne keine Rede sein. — Der „Düsseldorfer Generalanzeiger" vom 8. August und die „Leipziger Neuesten Nachrichten" vom 20. Juni beschäftigen sich ebenfalls mit der Frage. — Besonders verdient ein Artikel des bekannten Orientpolitikers und Palästinakenners Major Franz Karl Endres „Zionismus und deutsche Politik" in den „Münchener Neuesten Nachrichten" vom 28. August hervorgehoben zu werden: „Es liegt im ureigensten Interesse der Türkei, die kulturelle Entwicklung Palästinas durch die Juden zu fördern'. Die zionistischen Koloniensind blühende Kulturoasen in der Wüste des kulturlosen Orients. Die pantürkistische,demAionismusfeindlicheBewegung ist kurzsichtig". -- Äm 18. Oktober veröffentlicht die „vossische Zeitung" nochmals einen Artikel: „Die Zionistische Bewegung^ und am 2. November „Der Zionismus und die Türkei". Sie weist ausdrücklich darauf hin, daß sie eS für wichtig hält, die maßgebenden Stellen der deutschen auswärtigen Politik im Zusammenhang mit den Bestrebungen der Entente auf die zionistischen Pläne aufmerksam zu machen.— Auch die politischen Zeitschriften beschäftigen sich mit her Palästinasrage. So am 6. Oktober die „Europäische Staats- und Wirtschaftszeitung" in München, das Septemberhest der „Preußischen Jahrbücher" und das Septemberhest der „Neuen Deutschen Rundschau". Sie alle führen aus, von welcher Bedeutung es für die Stellungnahme der einflußreichen jüdischen Schichten in feindlichen wie neutralen Ländern sei, daß Deutschland bei der Türkei auf eine wohlwollende Behandlung des Zionismus hinwirke. „Ein Palästina unter angelsächsischem Protektorat könnte leicht die Orientierung der internationalen jüdischen Kreise von Konstantinopel nach London oder Washington ablenken". — Warnend äußert sich zu verschiedenen Malen die katholische „Germania". Sie schreibt am 26. Juli und später, es sei doch sehr zweifelhaft, ob die Zionisten die heiligen Stätten der Christenheit respektieren und die christliche Bevölkerung Palästtnas mit Duldsamkeit behandeln würden. Auf jeden Fall werde die Palästinafrage auf dem Friedenskongreß zur Sprache kommen. Da habe der Vierbund aber auch ein Wort mitzureden, und müsse vor den jüdischen Bestrebungen sehr auf der Hut sein. — Ganz ablehnend ist ein Interview Djemal Paschas, des Oberbefehlshabers in Palästina, das in der Rohrbachschen Zeitschrift „Deutsche Politik" veröffentlicht ist: er werde „sein Möglichstes tun, um einer Erweiterung der zionistischen Bewegung in der Türkei entgegenzuarbeiten". — DaS Ausland bringt während dieser ganzen Zeit der Palästinastage und ihrer Lösung im jüdisch-zionistischen Sinne großes Jntereffe entgegen. Selbst der Papst empfängt einen Vertreter der zionistischen Organisation und erklärt ihm seine Sympathie für den Zionismus. Er endigt die Unterredung mit den Worten: „Wir werden gute Nachbarn sein." Die englische, die russische und die amerikanische Arbeiterpartei fassen auf ihren offiziellen Kongreffen Resolutionen, die dahin gehen, daß der Friedenskongreß, wie den anderen kleinen Nationen, so auch den Juden das Recht sichern müsse, auf nationalem Heimatboden unter eigener Selbstverwaltung zu leben. Amerika setzt eine Palästinakommission ein und sendet sie nach Aegypten, „damit die jüdischen Wünsche in betreff der Zukunft Palästinas berücksichtigt werden".