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KC-Blätter · 1918-01-01 · Heft 20 (Januar 1918) · p. Seite 1003

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Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 20 (Januar 1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 1003 (sequence 25)
Language
German
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1008 gefunden, deren Judentum durch ‘ die rege Centralvereinsarbeit erweckt morden war. Es ist heute unbestreitbar, dqß der Centralverein zu einenl der wichtigsten Faktoren im politischen Leben deS deutschen JudentumeS ge- »vorden ist. Man braucht hierbei weniger an seine tatsächlichen Erfolge zu denken, obwohl fraglos die unendliche Fülle von günstigen Einzelergebnissen seines Mühens auch etwas Beträchtliches darstellen. Wichtiger ist, daß er die gesamte Richtung jüdischen Denkens in Deutschlandbeeinflußt. Man hat das so recht während der Ereignisse beobachten können, die gegenwärtig nach dem Falle Jerusalems alle Welt erregen. Die Versprechen Englands und Amerikas haben die große jüdische Menge fast in einem Taumel der Erregung versetzt. Ueberall gehen die Wogen der Begeisterung hoch. Nirgends prüft man die Motive und Wünsche des englischen Reiches, die sich klar aus seiner Geschichte ergeben. Nirgends bedenkt man, daß die Juden nicht das erste Volk wären, das die Engländer für ihre Zwecke aussaugen und dann wegwerfen. Man kann in aller Welt von einer wirklichen Volksbewegung zu Gunsten des jüdisch-nationalen Zieles und der jüdischen Kulturautonomie reden. Nur die deutschen Juden verhalten sich merkwürdig kühl und reserviert, obwohl ja auch die deutsche Regierung in einer gewiß außerordentlich vorsichtigen, aber dennoch unzweideutigen Erklärung ihre Sympathie mit gewissen zionistischen Idealen verkündet hat. Und in dieser Zurückhaltung liegt der Beweis dafür, daß die Centralvereinsarbeit wirksam gewesen ist. Die deutsche Judenheit in ihrer überwiegenden Mehrheit beharrt eben fest auf dem Standpunkte, daß die Lösung der Judenfrage, in welchem Staate der Welt auch immer/ auf dem Heimatboden erfolgen müsse durch Gewährung absoluter Gleichberechtigung und durch Einfügung in die Kultur des Niederlassungslandes. Wenn auch die Wogen der Begeisterung für zionistische Lösungsversuche in diesen Tagen im deutschen Blättermeer hochgehen, so ist es ganz bezeichnend, daß dies außer in den zionistischen Parteiorganen nur in der allgemeinen Presse — besonders in der alldeutschen und antisemitischen — geschieht, daß aber die jüdische Presse und die jüdische Allgemeinheit sich fast völlig fernhält. Und wenn sich heute deutlich gezeigt hat, daß daS nationale Judentum in Deutschland nicht einmal die Ansätze zu einer wirklichen Volksbewegung aufweist, daß eS nach wie vor die Domäne kleiner intellektueller Kreise, unter denen Reichsausländer eine große Rolle spielen, geblieben ist, so kann der Centralverein daS als einen sichtbaren Erfolg seiner Erziehungsarbeitbuchen. Dank seinen unablässigen Bemühungen hält daß deutsche Judentum unbeirrt an seinem Wegefest und erstrebt bei voller Ausrechterhaltung und Betonung der religiösen Sonderart die Gleichberechtigung auf dem Wege der Kulturanpassung. Wenn der Centralverein nun sein fünfundzwanzigjähriges Bestehen feiert, so muß bedacht werden, daß er ein politischer Kampfverein ist, dessen letzte Ziele längst noch nicht erreicht find. DaS Fest ist gewiß keine Gelegenheit zum satten Ausruhen und zum Jubeln über errungene Erfolge, sondern nur ein Anlaß zu erneuter Anstrengung und zu kräftigem Vorwärtsschreiten auf den bisher begangenen Pfaden. Die Entwickelung, die er dabei geht, ist ziemlich klar. Sie ist" bestimmt von der unendlichen Berantw Ortung, die er als Träger der politischen Geschicke der deutschen Judenheit auf seinen Schultern ruhen fühlt. Niemals begnügte sich der Centralverein mit der bloßen Abwehr antisemitischer Angriffe. Immer fühlte er sich als ein Erziehungsfaktor, der die positiven' Wdrte der Menschenwürde und des jüdischen Stolzes in der Seele zu wecken berufen war. Allmählich ist der Kreis seiner Aufgaben immer größer geworden. Er wird nicht nur in den bisherigen Bahnen fortzufahren haben, sondern neue Aufgaben harren seiner, deren Lösung seine Mitglieder von ihm erwarten, weil sie in der Richtung der von ihm vertretenen Ziele liegen. In erster Reihe kommt hier das Problem der Jugenderziehung in Betracht. Es kann und soll an dieser Stelle nicht auf Einzelheiten eingegangen werden. Daß aber der Centralverein, wenn er fich seine Zukunft und damit die Zukunft seiner Ideale sichern will, seinen Geist in die gesamte deutsche Jugendbewegung hineintragen muß, daß er in Einzelfragen, wie in der des „Wandervogels", entschiedene und klare Stellung nehmen muß, ist einfach ein Gebot der Selbsterhaltung. Der Krieg hat uns ferner das ganze Elend der jüdischen Zersplitterung offenbart. Tagtäglich fühlen wir die Wunden, die uns zugefügt werden, weil wir keine feste Organisation haben, weil es keine Stelle gibt, die befugt wäre, im Namen der gesamten deutschen Judenheit ihre Stimme machtvoll zu erheben. Und ebenso schmerzlich empfinden wir, daß trotz der Rechte des einzelnen Juden die jüdische Gesamtheit der Gleichberechtigung entbehrt, daß die Religion des Judentumes, seine Kultur und Wissenschaft, auf allen Gebieten des Staatslebens, im Heer, in der Schule,, aus der Universität/, im Staatshaushaltplan, fich eine systematische

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