Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1918-01-01 · Heft 20 (Januar 1918) · p. Seite 1001

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 20 (Januar 1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 1001 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2268830-2268910-2268911--2085-3523653
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

ff0Öt Auch die religiösen Institutionen dürfen ihm nicht völlig fremd sein. Wieviel oder wie wenig er von ihnen Gebrauch macht, ist seine persönlichste Angelegenheit, aber als Mitglied einer jüdischen Verbindung ist die Kenntnis dieser Dinge für ihn unerläßlich. Me kann man denn Verständnis und Ehrfurcht und mannhaftes Eintreten für jüdische Einrichtungen von jemand erwarten, dem sie vielleicht gar dem Namen nach unbekannt find! Ein Zweites ist die Kenntnis der Bedeutung des Judentums für die kulturelle Entwicklung und des Zusammenhangs der jüdisch kulturellen Entwicklung mit der Geschichte der allgemeinen Kultur. Es ist durchaus verfehlt zu glauben, daß daS Judentum hinter chinesischen Mauern vegetiert hat. Es war vielmehr zu allen Zeiten, selbst im finstersten Mittelalter, in reger Beziehung und Verbindung mit den allgemeinen kulturellen Bestrebungen der Völker, in deren Mitte eS lebte, und eS hat seinerseits die allgemeine Kultur durch seine Leistungen vielfach gefördert. Die philosophischen Bestrebungen der Araber haben bei den Juden frühzeitig Verständnis und Nachahmung gefunden, und die jüdische ReligionSphilosophie hat nicht nur auf die arabische, sondern in gleich starkem Maße auch auf die christliche Philosophie des Mittelalters eingewirkt. Ich erinnere daran, daß die Schriften des MaimonideS von den großen christlichen Scholastikern des 13. Jahrhundertseiten- und kapitelweise zitiert worden sind, ich erinnere ferner an den ungeheuren Einfluß der Urbbala auch auf christliche Kreise Die Kenntnis des Hebräischen, der Bibel, deS talmudifchen Schriftentums und der Kabbala bei den Humanisten hat auf die geistige Entwicklung der Neuzeit einen ähnlichen Einfluß auSgeübt wie die Erschließung der griechischen Sprache und Geisteswelt. Die Persönlichkeit und der Einfluß Spinozas ist ohne Kenntnis der jüdischen Entwicklung nicht wirklich zu verstehen. Die jüdischen „Frommen" in Deutschland im Mittelalter find eine zeitlich' und sachlich ähnliche Erscheinung wie die christliche deutsche Mystik, Meister Ekkehard u. a., und der Chassidismus ist nicht nur zur selben Zeit, sondern auch aus ähnlichen Gründen entstanden wie der Pietismus in der protestantischen Kirche und hat in seinen Vorzügen und Fehlern eine ähnliche Entwicklung aufzüweisen. wie dieser. Was schließlich die Juden für die Erhaltung der Wissenschaften im Mittelalter bedeuten, hat bereits vor nahezu 40 Jahren der christliche Professor Schleiden in einer kleinen wertvollen Abhandlung dargelegt. Aber eS ist biauf den heutigen- Tag auch in jüdischen Kreisen vielfach noch recht unbekannt, daß die Juden durch ihre Uebersetzertätigkeit einen großen Teil devwissenschaftlichen Errungenschaften des griechischen Altertums, und der muhammedanischen Welt für das christliche Europa im Mittelalter erhalten und dadurch bei Anbruch der neuen Zeit wieder belebthaben. ES ist nicht unwichtig zu wiffen, daß Luthers deutsche Bibel-Uebersetzung ohne die Kommentare des Nikolaus von; Lyra kaum möglich gewesen wäre, und daß diese wiederum auf den! Erklärungen RaschiS fußen. Es ist ferner von I großer Bedeutung, daß der Kampf der Huma- I nisten, in dessen Verlauf die berühmten Dunkel- I männerbriefe erschienen find, seinen AuSgang! nahm von ReuchlinS Eintreten für das Schrift-! tum der Juden. So hat mittelbar das Judentum einen Ungeheuern Anteil an der Bildung i des modernen Geisteslebens. Das alles sind Dinge, die nicht etwa lediglich geschichtliches Jn-! teresse haben, sondern für die Gegenwart von Bedeutung sind. Und ein Drittes. Die Schicksale der Juden i ganz besonders in Deutschland. Schon die an- I geführten Beispiele zeigen, daß es nicht lediglich! eine Geschichte von Leiden und Verfolgungen ist,! sondern daß positive Werte geschaffen worden! sind. Aus der überreichen Fülle des Materials greife ich eine einzige Tatsache heraus. Indem eben erwähnten großen Streit hat ReuchliwalS erster die Juden als Mitbürger, diein desselben Reiches Schutz stehen, bezeichnet. Wenn wir den Standpunkt vertreten mit allem Nachdruck, daß die deutschen Juden durch Geschichte und Kultur hem deutschen Volke auf das engste verknüpft sind, so müssen unsere Mitglieder über die nötige Kenntnis verfügen, diese Behauptung zu belegen. Diese Andeutungen mögen genügen. Es find Ausgaben, die der K. C. nach dem Kriege mit allem Ernst in Angriff nehmen muß. Denn nur eine fest gegründete Ueberzeugung wird den schweren Gefahren trotzen rönnen, denen unsere studierende Jugend im Uebermaße ausgesetzt sein wird. Aber gründliche Kenntnis ist auch die sicherste Bürgschaft dafür, daß? der K. C. und seine Mitglieder eine führende Stellung im deutschen Judentum werden einnehmen und behaupten können. Mfun-zwanzig Jahre Lentralverein. Bon vr. Felix Goldmann (Thur.). Am 5. Februar beging der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens die Feier seines fünfundzwanzigjähricßen Bestehens. Es ist nun nicht aüM

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.