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KC-Blätter · 1918-01-01 · Heft 20 (Januar 1918) · p. Seite 1000

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Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 20 (Januar 1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 1000 (sequence 22)
Language
German
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1000 treibt, nichts. Wir fühlen uns nicht als nationale Minderheit innerhalb Deutschlands, nicht als Gäste oder Fremdlinge inmitten des deutschen „WirtSvolkes", sondern in nationaler Hinsicht völlig verwachsen mit dem deutschen Volke, von besten großer Mehrzahl wir unS durch eigene religiöse und geschichtliche Ueberlieferungen unterschieden, aber nicht getrennt fühlen. Die Frage, ob das Judentum eine Nation ist oder nicht, ist selbstverständlich nicht nach der üblichen Schlagwortmethode mit ja oder nein zu beantworten- Kurz vor dem Kriege har Julius Guttmann in Nr. 4 und 5 des vierten Jahrgangs der K. C- Blätter diese Frage in einer vorzüglichen Abhandlung erörtert. Nach sorgfältiger objektiver Abwägung aller Momente kommt er zur Ablehnung des Begriffs Nation, ohne freilich, waS manches Mal übersehen wird, außer acht zu lasten, daß über das rein Religiöse hinaus zahlreiche geschichtliche und Gefühlswerte die Juden aller Länder miteinander verbinden. Fester als je zuvor fühlen wir deutschen Juden uns mit dem deutschen Vaterland verwachsen; inniger noch und reger wird, wenn möglich, unsere Mitarbeit an seinem Ausbau sein. Mag man das Judentum fortan als Nation oder als Nationalität proklamieren, so ist es für unS eine solche nur im Sinne der Kulturnation, wie Kirchhofs und Meinecke diese definieren; eine Staatsnation ist es nur für diejenigen, die als ihre Staatsbürger ihr angehören. Wie viele Einschränkungen auch der Begriff der Kultuxnation, auf das Judentum angewandt, bedingt, hat Guttmann treffend nachgewiefen. So wenig wie für die österreichischen oder schweizerischen Staatsangehörigen deutscher Nationalität ändert sich für uns durch die Errichtung des jüdischen Gemeinwesens unsere staatsbürgerliche Stellung und der Wille, ihr in vollstem Maße gerecht zu werden; so wenig daher auch unsere Tendenz. Nicht um eine Abänderung oder eine Fortbildung und einen Ausbau unserer Tendenz kann es sich handeln. Ich kann auch nicht ganz mit Wolff übereinstimmen, der den Mangel eines Schlagworts bedauert, obgleich ich unumwunden zugebe, daß für den praktischen Erfolg ein Schlagwort immer zugkräftig ist. Aber ich möchte fast glauben, daß der Mangel eines Schlagworts ein Vorzug ist, wenn man nämlich nicht an AugenbIckserfolge, sondern an dauernde Wirkung denkt. Nur eins hat Wolff, so nahe er durch seine Ausführungen an diesen Punkt herangekommen ist, außer acht gelaffen: Er bemerkt mit Recht, daß wir alle wohl fühlen, was wir unter positivem Judentum verstehen, daß unS aber die feste Formel dafür fehlt. Statt der festen Formel, die immerhin eine Bindung und häufig eine Einengung bedeutet, scheint mir etwas anderes geboten zu fein, und so positiv ich das Judentum religiös erfasse, so wenig verkenne ich die anderen, für manche wirksameren Momente. Ich Meine daher, daß für den K. C. nicht positive- Judentum, sondern bewußteM Judentum gefordert werden mutz. Bewußtes Judentum aber erheischt Wissen vom Judentum, und hier haben die K. C.-Berbindungen nach dem Kriege eine ganzf besonders große Aufgabe.*) Das Judentum ist eine geschichtliche Erscheinung und muß darum geschichtlich erfaßt werden, aber wer Geschichte treibt um der vergangenen Zeiten willen, dem ist der innerste Sinn der Geschichte niemals aufgegangen. Wir treiben Geschichte um des Verständnisses der Gegenwart willen, das die Kenntnis der Vergangenheit uns erschließen soll. Wenn vielfach Unklarheit über das Judentum der Gegenwart besteht, wenn die Schlagworte herrschend find, so liegt dies zum großen Teil daran, daß die geschichtliche Entwicklung und geschichtliche Bedeutung des Judentums nicht bekannt ist. Die Kenntnis muß nach drei Richtungen hin besonders auSgebaüt werden. Wie immer der einzelne zu den religiösen Fragen stehen mag, so ist doch in erster Reihe das Judentum eine religiöse Macht, und seine Bedeutung und Entwicklung kann nicht verstanden werden ohne Kenntnis der religiösen Ideen, Strömungen und Bewegungen und. ihrer Entwicklung. Mit Recht hat Auerbach in den neuen jüdischen Monatsheften (2. Jahrgang Heft A) ausgesprochen, daß im Prophetentum das wMtigste und echteste Denkmal des jüdischen GeiMs gegeben ist. Wer für die jüdische Sache eintritt, muß dieses Denkmal, wie überhaupt die Denkmäler religiöser Entwicklung deS Judentums, kennen. ES darf ihm die Bibel kein unbekanntes Buch sein, er muß die grundlegenden religiösen und sittlichen Lehren des Judentums, die Stellung und Bedeutung deS Judentums in der religionSgeschlchtlichen Entwicklung der Menschheit kennen. Er muß über die Unterschiede zwischen Judentum und Christentum informiert sein, muß die spätere religiöse Entwicklung verstehen und das Judentum als religiöse Macht richtig zu bewerten wissen. Er darf von Talmud und Schulchan aruch nicht nur aus antisemitischen Schriften Kenntnis haben, er darf das Wort Pharisäer nicht bloß in der einseitigen und gehässigen Entstellung des .Neuen Testaments kennen, sondern muß wissen, was diese für die religiöse Entwicklung des Judentums bedeuten. *) den Aufsatz von Bloch tLtcariae) in Heft 18 der K. E.-Bl8ttrr.

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