KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 20 (Januar 1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 994 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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SS4 Akademische und Allgemeine Nachrichten. ||p^ Das Studentenparlament zu Jena. Eine Versammlung zahlreicher Vertreter .studentischer Ausschüsse und Verbände an deutschen -Hochschulen tagte am 19. und 20. Januar im -Universitätsgebäude zu Jena, um über die Gründung eines deutschen Studententags zu beraten. Nach Erstattung orientierender Referate folgte eine eingehende lebhafte Erörterung. Man gelangte zu der Ueberzeugung, daß vor dem Kriegsende an die Bildung einer studentischen Gesamtvertretung nicht gedacht werden könne, und einigte sich schließlich dahin, einen Arbeitsausschuß aus den Mitgliedern der Studentenausschüsse der Universitäten Berlin und Böttingen und der Technischen Hochschule Stuttgart zu -bilden, der zunächst die Vorarbeiten unter Zuziehung erfahrener Altakademiker fortsetzen soll. Der Studententag soll erst stattfinden, wenn nach dem Friedensschlutz die Studentenschaft wieder eine ordnungsgemäße Vertretung erhalten kann. Ein Antrag, der sich gegen die Zulas - sung ausländischer Assistenten an deutschen Hochschulen wendet, wurde dem Arbeitsausschuß als Material überwiesen. — Der „Täglichen Rundschau" entnehmen wir folgende Betrachtungen über die Bedeutung: und die Ergebnisse der Tagung: Mit -großer Spannung war die erste Tagung der deutschen StudentenauSschüsie in der ganzen akademischen Wett erwartet worden. Al» die denkwürdige Stunde der Einigungsversammlung herankam, da wollte das Auditorium maximum der alten Musenstadt Jena die au» allen Gauen Herbeigeströmten kaum fassen. Aber siehe da, die Tagung begann mit Sturm,-die Wogen der Rede und der Gegenrede/ der Zustimmung und des Widerspruchs brausten laut und lauter, eine Stunde lang sah es so aus, als würde eine sachliche Verhandlung durch die neu entbundenen Disharmonien unmöglich gemacht werden. Wohl versuchte man, die Tagesordnung aufrechtzuerhalten, aber es schien die Ruhe eines nur für Minuten schlummernden Vulkans zu sein. Als die fast sechsstündige Sitzung des ersten Tages vorüber war, da sagte mancher, dem e» um den neuen Zusammenschluß bitter ernst war, in tiefer Resignation : e» ist unmöglich, die Idee eine» ständigen Deutschen Studententages kann man praktisch al» gescheitert betrachten. . Und siehe da, am nächsten Tage hatten sich die Wogen geglättet, ein anderer Luftstrom wehte, man fand sich auf. einem ArbeitSstandpunkr zusammen, ein positiver Erfolg stellte sich ein, es kam zu Ergebnissen, die hoffnungsreichin die Zukunft weisen. Man konnte sich auf einen gemischten Ausschuß einigen, der die Gemeinschaft», arbeit weiterführen soll und nun als der Träger de» fortschreitenden ZusammenschluffeS anzusehen ist. . Die psychologischen Voraussetzungen für diese Entwicklunghaben kulturgeschichtlich so viel Interessantes an sich, daß sie einer besonderen Darlegung wohl wert sind. Warum dieser Widerspruch zu Beginn der Tagung? Die studentische Organisation trägt von jeher einen durchaus konservativen Charakter, sie wurzelt im geschichtlich Gewordenen und hat sich gegenüber den Sturmläufen moderner Richtungen oft zweifelhasten Wertes im letzten Menschenalter mit steter Wachsamkeit wehren müssen. Die sogenannten alten Gruppen de» Studententums, die sich heute fast allgemein zu Waffenringen und Lokalkartellen zusammengeschlossen haben, bringen, allen Versuchen der Neugestaltung ein ausgesprochenes und durchaus nicht immer unberechtigte» Mißtrauen entgegen. Jetzt war ihnen auch der Gedanke des sozialen Zusammenschlusses unter ganz neuen Formen trotz aller aufklärenden Vorbereitung zu überraschend gekommen. Sie fürchteten für da» bewährte Herkommen und hielten im Grunde den Sozialgedanken als studentischerBetätigung wesensfremd. In dem künftigen „Deutschen Studententag" sollen ja die HochschulauSschüsse, die amtlichen Vertretungen der Universitäten und Hochschulen, nicht aber die Verbände die beschlußberechtigte Grundlage bilden. ES ist durchaus unmöglich, auf dem Boden der alten Gruppenbildung ein arbeitsfähige» Studentenparlament zusammenzuschließen. Die Idee einer in allen Dingen unbedingt neutralen Organisatton war zu neu, zu ungewohnt, der gewerkschaftliche Gedanke war für das Leben de» Jungakademiker» noch etwa» gar zu Fremde». Warum aber verschwand allmählich dieser Widerspruch, warum setzte sich da» neue soziale ArbeltSprogramm schließlich doch durch? Weil auch die Widerstrebenden fühltendaß hier etwas Naturnotwendige» in der Entstehung begriffen ist. „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt" — der Student hat diesem Grundsatz gewiß wie rein anderer Stand gehuldigt. Aber schließlich kommt auch hier die Selbsterkenntnis) daß e» ohne soziale Arbeit im eigenen Interesse nicht angeht. . Den Akademikern ist diese Einsicht in den letzten Jahren schon recht geläufig geworden infolge ihrer größeren Reise und ihrer objektiveren Kenntnis der modernen Leben»- und Berufsbedingungen. Im Studenten beginnt diese Einsicht erst zu dämmern, und obwohl er sich in dem Zwielicht zwischen Altem und Neuem nicht wohl fühlt, scheut er sich, dem Neuen bedingungslos sein Recht zuzügestehen. So wollte die weit überwiegende Mehrheit von einer bereits endgültigen Gründung des ..Studententage»" nichts wissen, wollte abwarten und zunächst vorsichtig experimentieren, den Gedanken durch Materialsammlungen erst vervollständigen. Wenn sich diese Wünsche am zweiten Tage doch zu konkreten Beschlüssen verdichteten, so ist das ein Beweis, daß . sich die neue Bewegung sachlich durchzusetzen imstande ist und das Mißtrauen durch ihren ehrlichen neutralen ArbettSwillen zerstreuen, konnte. Da» Ergebnis war jedenfalls, daß e» von nun an e inen bevollmächtigten GesamtauSschutz der deutschen Studentenschaft gibt. Er setzt sich zusammen au» dem Ausschuß der Universität Berlin, die den Vorsitz übertragen erhielt, dem Ausschuß der Universität Göttingen und dem Ausschuß der Technischen Hochschule zu Stuttgart. In geistig-theoretischer Hinsicht stand die Tagung auf emer im studentischen Leben bisher wohl kaum erreichten Höhe. Es war eine Auslese der tüchtigsten und geistig regsten Kreise, die die letzten Reste der „Fuchsenhaftigkeit", um ein studentisches Wort zu gebrauchen, bereits lmtge hinter sich haben. Auch der Widerspruch trat in sachlichster Begründungsform ans Licht. Auf die Mitwirkung bekannter Akademiker haue man nicht verzichtetüber die Frage: „Der Krieg und die Demobilisierung für den Studenten" sprach Or. Mnkerneil mit Sachkenntnis und Nachdruck, über da» Wohnungsproblem referierte Dr. Sonnenschein-München- Gladbach, der sich seit Jahrzehnten mit diesen sozialen Angelegenheiten befaßt. Das künftige Aufgabengebiet, das Programm späterer Studententage, wurde in einem ausführlichen Bortrag seitens des Berliner- Ausschusses nach allen Seiten beleuchtet und fand lebhafte Zustimmung. Noch einen anderen Erfolg von erheblicher Tragweite kann die Tagung verbuchen. Die Ausschüsse der Technischen Hochschulen haben sich zu einer festen Organisation zur Vertretung gemeinschaftlicher Interessen zusammengefchlofsen. Daß in dieser Beziehung die Technischen Hochschulen