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KC-Blätter · 1917-11-01 · Heft 19 (November 1917) · p. Seite 974

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Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 19 (November 1917)
Date
1917-11-01
Page
Seite 974 (sequence 36)
Language
German
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974 Irrtums, find hervorstechende Züge von Graetz' Eharatter und Schaffen. Nock mehr überragt Graetz seine Borg nger in der Heroeischaffung und DurcharbeitungndeS Materials Er hat eine Unzahl von ganz neuen, unerschloffenen Quellen entdeckt, er hat Die alten Quellen in neuer Beleuchtung gezeigt, durch einen vorahnenden Instinkt zusammenhängend konstruiert, daS nichtjüdische Schrifttum zum Vergleiche und zur Erklärung der jüdischen Schriftsteller fruchtbringend herangezogen, mit geschickter Hand die verbindenden Fäden in scheinbar disparaten Einzelheiten ans Tageslicht gefördert und wie keiner vor ihm die leitenden Bewegungen und Gedanken in den einzelnen Epochen der jüdischen Geschichte zu erfassen gesucht. Seine Einteilung der Geschichte in bestimmte Perioden ist. vielleicht nicht immer ganz einwandfrei, aber doch eine wertvolle- Grundlage für die künftige Geschichtsschreibung. Besonders wertvoll sind die Einleitungen zu Einzelnen Bänden, da sie über die Hauptströmungen un fraglichen: Zeitraum eine orientierende Uebcrsicht bieten^ ~ Für Graetz hatte das jüdische Volk nicht nur eine. Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch eine Zukunft; Und so kam es, daß er die jüdische Geschichte nicht nur geschrieben, sondern rief iN sich, ergebt hat mit jeder Faser seines des großen patriotischen Stolzes und hingehender nationaler Liebe fähigen Wesens. Nicht aus kühler Erwägung, sondern mit Herzblut, aus innerstem Empfinden hat er mit feiner gewandten Feder ein lebensvolles Bild der Schicksale seines Volkes entrollt. Wie Graetz in seinem wissenschaftlichen Schaffen weniger trockene Gelehrtenart als lebendiges Empfinden der großen Fragen und Probleme, welche die jüdische Geschichte vor seinem geistigen Auge entrollte, bekundete, so hatte er auch die aktuellen Fragen des Tages mit lebendigstem Interesse perfolgt. Die Geschichte galt ihm als eirie Vorbereitung für das Leben, für das praktische Wir-ken, für die Politik. Unermüdlich verfolgte er die großen Tagesereignissedie sich zu feiner Zeit auf dem Schauplatze der Wetttribüne abspietten Er hatte feinen eigenen Standpunkt auch in politischen Dingen und bekundete ein -reifes Urteil über Personen und Ereignisse. Ein überzeugter Monarchist mit stark demokratischem Einschlag, ein Schwärmer für die. deutsche Reichöeinheit noch lange vor der Gründung des Reiches, «in Verehrer französischen Wesens und englischer Weltaewandtheit, pflegte er, ohne selbst aktiven Anteil an der Politik zu nehmen, mit Vorliebe im vertrauten Gespräche mit Freunden seine politischen Bekenntnisse offen zu enthüllen. Die Fraktionsidealisten und Parteifanatiker hatten eS richtig herausgefühlt, daß Graetz nicht zu ihnen' zählte, daß er weder Liberaler noch Orthodoxer nach ihrem Programm war. Er stand einsam über den Zinnen der Parteien, nur von der instinktmäßigen Liebe zum Judentum getrieben, ohne sich um daS vorgeschriebene Schema zu kümmern. Und wie Graetz weder ausschließlich konservativ, noch ausschließlich liberal ist, so ist er auch keineswegs National jude in dem landläufigen Sinn, wie man etwa von einem Nationalpolen redet. Wer ein zwölsbändiges GeschichtSwerk in deutscher Sprache schreibt, wer dazu : alle Feinheiten dieser Sprache studiert und sich zu eigen gemacht i hat, der kann kaum ein schlechter Deutscher sein; freilich kann es einem jüdischen Geschichtsforscher am allerwenigsten entgehen, daß die Wurzeln der jüdischen Kraft in unserer Geschichte liegen. Wie Graetz daS Prinzip der Entwicklung mit dem Liberalismus leitte, fo stand er in treuer Anhänglichkett an die Ueberlieferung keinem Orthodoxen nach. Er war ein religiöser Jude ohne Einschränkung, aber daS Judentum wnrchhm nicht bloßer Glaube mit dogmatischen Leitsätzen, kein Gegensatz zur Wissenschaft, sondern mehr svie ein Glaube oder wie Renan meint: „ein Minimum an Religion." Zusammenfaffend sei gesagt: Was Graetz am Judentum ganz besonders anzog, war der tief sittliche Kern, das lebendige ethische Ideal, das in Lehre und Leben seiner Bekenner wirkt. Noch mehr als seine wissenschaftliche Leistung wird Graetz selbst in der Geschichte seiner Gemeinschaft fortleben/ ' als eine ^gottbegnadete einzigartige Persönlichkeit, die erfüllt von dem Feuer der Begeisterung für die wunderbaren Schicksale ihres Stammes, ein Führer und Lehrer gewesen ist, ein Künder der Uyvergänglichkeit des Judentums und feiner Wiederaufrichtung aus Schmach und Erniedrigung. Ein Einsamer,trotz vielfacher und lebhafter Anerkennung, ein feuriger Jude, der mit ungeteilter Hingebung seinem Volke dienen wollte, ein Verkünder der Größe und Zukunft des Judentums, ein Erzieher des Volkes im besten Sinne, wird Graetz in der Geschichte heute und stets fortleben, wenn seine Werke längst durch andere überholt sein werden. Die Arbeit Meisl's aber ist vorzüglich geeignet, allen denjenigen, die mit jüdischen Geistesfragen sich beschäftigen, einen lieferen Einblick in viele historische Einzeltatsachen und Probleme zu gewähren, die im 19. Jahrhundert die deutsche Judenheit, aber auch zum Teil d*e Juden aller Länder ergriffen haben, und verdient daher in weiten Kreisen reges Interesse und ernste Beachtung. Zur lvahlrechtsvorlage. Es ist in diesen Blättern mit Recht verpönt, parteipolitische Abhandlungen zu veröffentlichen. Zweck dieser Zeilen ist es auch keineswegs, irgendwie in die Parteipolittk einzugreifen, wir wollen nur auf einen Punkt der neuen Wahlrechtsvorlage Hinweisen, der eine Verletzung der Gleichstellung der Konfessionen, jb. h. natürlich eine Zurücksetzung der Juden enthält. ' Als den „Glockenton, der eine neue Zeit verkündet", hat ein führendes deutsches Blatt, bas nicht der Linken angehört, die Wahlrechtsvorlage bezeichnet. Das deutsche Judentum hat frohen Herzens diese neue Zett begrüßt. Wir durften wohl erwarten, daß sie, die mit so vielen Vorurteilen aufräumen sollten, auch uns endlich daS gibt, was uns zusteht. Um so bitterer ist es daher für uns, wenn wir feststellen müssen/ daß das erste bedeutungsvolle Zerchen dieser neuen Zeit keineswegs unsere Hoffnung auf eine Aenderung der Dinge stärkt. Der Entwurf des Gesetzes zur Neubildung des Herrenhauses sieht nur Vertretung der evangelischen und katholischen Kirche vor.*) Eine Vertretung des Judentums, fei es der Kultusgemeinden oder der Rabbinerschaft, ist aber nicht vorgesehen. Würde der Entwurf in dieser Form Gesetz werden, so würde die rechtlich garantierte Gleichstellung der Konfessionen-durch das Gesetz selbst durchbrochen werden. Wir vermögen noch nicht zu glauben, daß die neue Zett sich - mit einer solch schreienden Ungerechtigkeit einführen wird. Denn daß es eine beispiellose Zurücksetzung bedeuten würde, wenn die christliche Kirche in der Ersten Kammer des preußischen Landtages vertreten wäre, das Judentum aber nicht, darüber wird wohl kein billig denkender Mensch im Zweifel sein.**) Noch ist diese Zurücksetzung nur im Entwurf eines Gesetzes enthalten. Aber auch das genügt *) Der Wortlaut des Gesetzes liegt mir nicht mehr vor; ich kann daher nicht wörtlich zitieren. ,**) Zu meiner Freude habe ich feststellen können; daß führende allgemeine Zeitungen bereits in der ersten Kritik deS Gesetzes dies«» Mitzstand gerügt haben.

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