Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1917-11-01 · Heft 19 (November 1917) · p. Seite 973

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 19 (November 1917)
Date
1917-11-01
Page
Seite 973 (sequence 35)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2268830-2268902-2268909--2055-3523623
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

97S und wie er jetzt ausgeübt wird, beleuchtet und Vorschläge zur Befferung der bestehenden Zustände gemacht. Nach meiner Meinung liegt die Ursache der mangelhaften Kenntnis des Hebräischen an dem Fehlen eines guten, alles, umfassenden Lehrbuches; denn die Lehrbücher, die bis jetzt im hebräischen Unterricht angewandt werden, sind entweder einfache. Lesebücher oder kurze, ganz unvollständige Abrisse der Grammatik, die dann noch ein paar Seiten Vokabeln: enthalten. An einen logischen Aufbau der Grammatik ist: bei diesen Büchern nicht zu denken. Der Schüler ist also zum größten Teil auf den Bortrag des Lehrers angewiesen. Will er jedoch, zu Hause das Borgerragene Nachlesen und wiederholen, so kann er es nicht, denn in seinem Lehr, buche steht entweder nichts oder nur wenig von dem Vorgetragenen. So kann der beste Unterricht keinen Nutzen bringen, wenn der Schülermicht mit Hilfe seines Lehrbuches zu Haüse das gründlich lernen kann, was er in der Schule gehört hat.. Die lateinische Sprache, die man. täglich im Gymnasium von. Sexta bis Oberprima übt, beherrscht man doch trotz der besten Lehrbücher auch in Prima recht unvollkommen; und wie sollte man die bedeutend schwerer zu erlernende hebräische Sprache erlernen, zu der ein Lehrbuch fehlt? Das ist natürlich auch der Grund zu den ewigen Wiederholungen und den natürlicherweise dann auftretenden geringen Fortschritten des Schülers. Die verschiedenen. Bücher, die im jetzigen Unterricht angewandt werden, ergänzen sich nicht und setzen sich nicht fort, sondern sind genau dasselbe in mehr oder minder erweiterter Form. So halte ich denn bei einer Umbildung des Religionsunterrichts für. eine: der - wichtigsten Forderungen die Einführung ' eines umfassenden,' gediegenen allgemein gültigen Lehrbuches. J> Erwin Hirsch (Friburgiae). Heinrich Graetz. Bon vr. Julius Luebeck-München. Bor wenigen Wochen, am Bl. Oktober 1917, (21. Cheschwan) haben wir den 100. Geburtstag des bedeutendsten Geschichtsschreibers, den dieJudenheit in allen Ländern aufweist, erlebt, eS war der Gedenktag von Heinrich Graetz. Aus diesem äußeren Anlaß, und vielleicht, noch mehr aus tiefer liegenden Gründen dürfte wohl eine vor kurzem von IösefMeis l*) veröffentlichte Arbeit weilen Kreisen sehr willkommen sein, welche ein doppeltes Ziel verfolgt: sowohl eine Würdigung der Lebensarbeit Heinrich Graetz', die in seinem groß, zügigen Versuche einer zusammenfassenden Schilderung der Geschichte des jüdischen Volkes bestand, als auch eine Darstellung seines jüdisch-politischen Standpunktes, seiner Anschauungen über Gegenwart und Zukunft des Judentums, die sich ihm als letzte Folgerung aus seinen geschichtlichen Studien ergeben haben. Meist gibt in seiner Arbeit nach eingehender Darstellung des geistigen Entwicklungsganges, den Graetz durchlaufen hat/ einen kurzen synthetischen Ueberblick der Geschichtsschreibung von. Josephus Flavins bis auf Graetz, um dann zu zeigen, welchen gewaltigen Fortschritt hinsichtlich der Stoffsammlung, Methode und Darstellung Graetz' Lebenswerk bedeutete. *) Heinrich Graetz, eine Würdigung des Historikers und Juden zu seinem 100. Geburtstage, 31. Oktober 1917. (21. Cheschwan) von Dr. Josef Meist. Preis broschiert Mk. 4.50, gebunden Mk. 6.60. 1*1 Seiten. Verlag von Louis Lamm, Berlin C 2, Neue Friedrich- " ' ‘ 61-63. ' Allerdings war das Bedürfnis nach einer neuen Zusammenfassung der Ereignisse in der jüdischen Geschichte, nach einer Darstellung, die nicht nur Gelehrtenkreise interessieren, sondern weitere Schichten ergreifen konnte, seit langem ohne Zweifel vorhanden. Für diese gigantische Aufgabe schien ein Mann von der Art teinrich 'Graetz gleichsam vorher bestimmt zu sein. s war keine Kleinigkeit, durch das Gestrüpp des häufig wissenschaftlich unbearbeiteten oder im Zwielicht der chronistischem Einseitigkeiten gefärbten Materials freie Bahn zu gewinnen. „Die Größe der Leistung, die mehr als 3000jährige Geschichte der Juden von ihren Ursprüngen an erhellt zu Habens so urteilt David Kaufmann mit Recht- „wird nur derjenige wahrhaftig zu würdigen vermögen, der sich die eigentümliche Schwierigkeit der jüdischen Geschichtsschreibung vor Augen hält. In der Tat, es fehlte, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, an brauchbaren Borarbeiten, jede - Quelle mußte einzeln auf ihre. Verwendbarkeit geprüft werden, und was . für Quellen waren das! Keine Urkunden und keine klaren Belege für lüe Zeitverhältniffe, sondern lose zerstreute Notizen m den -religiösen und religionswissenschaftlichen Werken, Chronologien, Genealogien, rohe Bausteine, die erst zürechtgezimmert werden mutzten, sodatz der Historiker nicht allein die Aufgabe des Architekten, sondern auch die des Handwerkers an seinen! großen Baue verrichten mußte. Graetz unterscheidet drei Perioden in der jüdischen Geschichte, von denen jede in mehrere'Phasen zerfällt. Die erste, von der Ürzeit bis züm. babylonischen Exil, das ist die Periode der „Bolksnatürlichkeit^ und der sich „zur Realität ringendxn Göttesidee^. Ganz in den Vordergrund tritt das religiöse Moment, die geistige Natur des Judentums, in der zweiten Periode der jüdischen Geschichte. In der hritten Periode, der diasporischen, nimmt die geschichtliche'Tätigkeit des Judentums eine theoretische, auf den gedänkenmätzigen Ausbau seines Lehrinhaltes gerichtete Wendung an. Neben die soziale und religiöse Wirksamkeit tritt die theoretische Spekulation. Die Aufnahme, welche das Graetzsche Werk. hei der Mit- und Nachwelt gefunden hat, mutzte, natürlich eine geteilte sein. Daß in einer solchen Riesenarbeit, welche ein einziger Mann ohne wesentliche Förderung in 23 jährigem Schaffen vollbracht hatte, auch erhebliche Fehler unterliefen/ daß das von ihm entrollteBild des geschichtlichen Lebensder Indem nicht in jeder Einzelheit stimmt, ist durchaus begreiflich. Graetz. Geschichte behandelt vor allem ausführlich die politischem. Ereignisse. In der Kulturgeschichte berührt sie lediglich;.die rein geistige.Seite, die literarischen Schöpfungen.;- Bon Wirtschaftsgeschichte ist kaum die Rede, sodatz im ganzen genommen wir vor uns mehr oder minder nur Auszüge aus der jüdischen Geschichte, nicht volle, abseitige Darstellung des Lebens des jüdischen VolksorganiSmus in seinen Aeutzerungen sehen Die zeitgenössische Kritik ist in der Aufdeckung und Hervorhebungder Schattenseiten der Graetzschen Geschichtsdarstellung noch viel noeiter gegangen und hat sie ihm, oft nicht frei von persönlicher Animosität, reichlich entgelten lassen. Zu- -gegeben, daß vieles von dem, was Geiger und-andere einzuwenden wußten, seine Richtigkeit hat, wiel kommt esdaß Graetz Werk sich im Leben doch durchgesetzt? Das war nur möglich, weil Kräfte ihm innewohyten, an denen die vielleicht im einzelnen berechtigten Ausstellungen abprallten, weil die Vorzüge die Nachteile entschieden überwogen haben. Graetz wollte wahr gegen sich sein und ist es auch 'dort gewesen, wo er gegen den objektiven Tatbestand fehlt. Aufrichtigkeit und: Wahrheitsliebe, UUgescheuteS Aussprechen dessen, was ist, selbst um den Preis des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.