Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1917-11-01 · Heft 19 (November 1917) · p. Seite 972

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 19 (November 1917)
Date
1917-11-01
Page
Seite 972 (sequence 34)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2268830-2268902-2268909--2054-3523622
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dingen -mehr lernen als die Väterman spüre keinen Mangel, auch , wenn man von jüdischem Wissenmnbeschwert die Universität beziehe. Diesem Argument begegnet man wohl bisweilen in der Unterhaltung. Hierzu kann nur bemerkt werden^ daß es ganz allgemein noch niemandem geschadet hat/ wenn er, auf welchem Gebiet auch immer-.-mehr gelernt hat als sein Vater. Im vorliegenden Fall aber kommt noch etwas anderes dazu. Hier handelt es sich nicht um indifferente Kenntnisse- - die lediglich' ' allgemein wissenschaftliches Interesse haben, sondern es wird den Schülern' 'Gelegenheit gegebenin ihre eigensten Angelegenheiten einzudringen, sich aus eigener Wissenschaft ein Bild davon zu machen, worin die wesentlichen Merkmale und Wette der Gemeinschaft bestehen, der sie durch ihre Abstammung angehören. Erst der, dem diese Begriffe bekannt geworden sind, wird, wie es unsere Tendenz verlangt, ein selbstbewußter Jude' sein können. Gewiß ist unsere Achtung groß vor denjenigen Verbandsbrüdern, die trotz Unkenntnis der Werte des Judentums, die Taufe um des Vorteils willen ablehnen, die dem Zwang von außenher sich nicht beugen, weil sie es Ar unwürdig Halten, sich zum Austritt auseiner Glaubensgemeinschaft, der ihre Väter angehört haben, zwingen zu lassen, oder gar zum Uebertritt zu einer anderen, der sie mit ihrem' Geist und ihrem Herzen nicht zustimmen. Der Charakterstärke dieser Trutzjuden werden alle> denen wahre Honorigkeit noch etwas gilt, Hochachtung zollend Gehen wir. aber der Sache etwas tiefer nach, so ergibt sich, daß diese standhaften Männer sich im Grunde für etwas einsetzen, was sie nicht kennen. Es liegt nur allzu mähe, zum Vergleich den Blinden heranzuziehen, der von der Farbe redet. Wie kann einer; ein selbstbewußter Jude sein, wenn er keinen Schimmer hat,' worauf sich sein Selbstbewußtsein als Jude gründen soll. Diesem Mängel würde der oben geschilderte Religions- und hebräische Unterricht abhelsen. Der deutschsprachliche würde die Kenntnis der biblischen Geschichte, der Grundlagen der jüdischen Glaubenslehre und ihres Verhältnisses zu anderen Religionen, endlich auch der Geschichte der Juden bis setzt zu vermitteln haben; im hebräischen Unterricht Müßten die Schüler Einblick gewinnen in die Hauptwerke des jüdischen Schrifttums, in den Sinn und die Bedeutung des Ritus und aus dem Schrifttum vor allem einen Begriff bekommen von jüdischer Kultur. Wie die Kenntnis des klassischen Altertums erworben wird durch Eindringen in den Urtext klassischen Schrifttumsso werden die Vorstellungen währen Judentums gewonnen durch die Beschäftigung mit den hebräischen Werken. Auf diesem Wege werden unverwäfferte Begriffe davon gewonnen, was jüdische Gottesvorstellungjüdische Sittenlehre und endlich auch — da die Bibel und die sie erläuternden Vorschriften ja nicht nurReligionsbuch sind — welches die jüdische Vorstellung vom Staat, vom Recht und von der sozialen Fürsorge ist. Ist aber den Schülern;- auf diesem Wege der Inbegriff jüdischer Kultur aufgegangenso stehen sie nicht mehr traditionslos inmitten ihrer Umgebung. Sie wissen dann, daß sie einer Gemeinschaft angehörendie noch heute gültige Külturwerte zu einer Zeit geschaffen hatin welcher die Zeitgenossen auch nicht annähernd Gleichwertiges besaßendaß ein Teil jenerKulturwerte von den änderen auch heute noch nicht erreicht ist. Wie der Adel seine Vorrechte daraus herleitct, daß seine Ahnen bereits gewisser Vorzüge sich rühmen dürften, so werden die 'erworbenen Kenntnisse vom Werte der jüdischen Kultur dem Wissenden ein berechtigtes Selbstbewußtsein als Jude geben. Dieses Ziel aber liegt im Sinne unserer Tendenz'. So vorbereitete Verbandsbrüder werden jederzeit bereit und imstande seinfür die pölittsche und gesellschaftliche Gleichberechtigung ihrer Glaubensgenossen einzutreten.' Diesen zu der geschilderten notwendigen Grundlage für ein Selbstbewußtsein als Jude zu verhelfen, dafür bietet sich uns mancher Weg. Einmal werden diejenigen, die Einfluß darauf haben, auf Erteilung eines Unterrichts der geschilderten ArtH hinwirken müssen, entweder, was nur wenigen vergönnt sein wird, im Wege der Gesetzgebung öder aber, und das werden viele imstande sein, indem sie innerhalb ihrer Gemeinden darauf sehen, daß ein Unterricht, wie er hier gefordert wird, ohne gesetzliche Grundlage von den zuständigen Lehrkräften erteilt wird. Daß es möglich ist, ergibt sich aus den oben geschilderten Verhältnissen.' Dann aber, und hierin liegt der Schwerpunkt, werden, wo solcher Unterricht geboten wird, die Väter im K. C. ihre Kinder, und vornehmlich ihre Söhne, an diesem Unterricht teilnehmen lassen müssen. Dann wird in Zukunft unser Kampf nicht nur geführt werden von jenen, zwar gesinnungstüchtigen Trutzjuden, die selbstbewußte Juden sind ohne zu wissen warum, sondern es wird eine kampfkräftige Schar den Streit aufnehmen, die innerlich gefestigt und ebenso verwurzelt in der Kultur ihrer Väter wie. in der deutschen mit größerer Leichtigkeit und größerer Berechtigung den Sieg unserer Gleichberechtigung erringen wird. Zur Reform des jüdischen Religionsunterrichts. Mein lb. Kbr. Fritz Mayer iBavariae) hat in einem Artikel der Kriegsnummer 16 der K. C.-Blatter die Mängel des Religionsunterrichts, wie er im Frieden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.