KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 19 (November 1917)
- Date
- 1917-11-01
- Page
- Seite 970 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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970 Ort bester, an dem andern schlechter erteilt. Mir find aüs eigener Erfahrung Verhältniffe bekannt, die meines Erachtens nichts zu wünschen übrig ließen.; Solche seien im folgenden geschildert. In einer Stadt des oberschlesischen Jndüstriebezirks spielte sich der jüdische Religionsunterricht folgendermaßen ab: Mangels einer Vorschule besuchten dort die Mistigen Gymnasiasten zunächst die jüdische Wementarschule. In den drei oder vier Schuljahren wurden sie im sogenannten Religionsunterricht, der genau so Lehrgegenstand war wie alle anderen Fächer, in der biblischen Geschichte unterwiesen. Räch meiner Erinnerung wurde nicht nur der Inhalt des Pentateuchs, sondern auch die Bücher der Richter und Könige besprochen, ferner der erzählende Teil der Bücher der-Propheten, ferner gelegentlich des Chanuka- und PnrimfesteS auch ' die Makkabäergeschichte unddas Buch Esther. Hand in Hand damit ging gelegentlich der Feiertage eine Besprechung derselben, was natürlich auch Anlaß bot auf den RituS, nicht nur an den Festtagen, sondern Überhaupt, einzugehen. So bekamen die Schüler, ehe sie noch dem Gymnasium zugeführt wurden, wenigstens von den Grundzügen der biblischen Geschichte und des jüdischen Ritus eine Ahnung. Aeußerst förderlich war dem Verständnis, datzr an den Nachmittagen, wohl mindestens zweimalwöchentlich, hebräischer Unterricht war. ES war die Regel, daß an diesem mehr oder weniger alle Schüler teilnahmen. Natürlich waren auch hier Ausnahmen zu verzeichnen: Genau wie heute fanden sich damals jüdische Väter, die eine „zu jüdische" Erziehung ihrer Kinder nicht wünschten und sie deshalb dem hebräischen Unterricht fernhielten; ein Zwangsmittel dagegen gab' es nicht, diese Kinder wuchsen also ohne -hebräischen Unterricht auf. Gegenstand deS Unterrichts waren zunächst die Ansangsgründe der hebräischen Sprache: bald schloß sich daran das Uebersetzenlernen der täglichen Gebete, endlich auch des Pentateuchs. Diesen Schülern war natürlich das Gebetbuch kein Buch mit Siegeln, auch dem Gottesdienst in der Synagoge konnten sie-?Anit dem ihrem Lebensalter entsprechenden Verständnis folgen, über die augenfälligen Ritualien waren sie aufgeklärt, die hebräische Sprache erschwerte ihnen die Teilnahme an der Andacht nicht. , Im durchschnittlichen Lebensalter von 9 bis 10 .-Jahren kamen die so vorgebildeten Jungen aufs Gymnasium. Hier empfingen sie zweimal wöchentlich, zur selben Zeit des Vormittags, zu der der christliche Religionsunterricht stattfand, sofihen durch den Rabbiner. In den drei Unterklaffen fand der Unterricht für jede Klaffe getrennt statt, istden folgenden Jahren waren immer die beiden Tertien, Sekunden und Primen zu je einer Unterrichtsklaffe vereinigt. Dispensationen einzelner von diesem Unterricht find mir während meiner neunjährigen Gymnasialzeit nicht bekannt geworden. . Gegenstand des Unterrichts war zunächst eine Wiederholung und Vertiefung des in der Volksschule gelernten, also der biblischen Geschichte iss dem oben geschilderten Umfange, daran * schloß sich eine nähere Behandlung der jüdischen Glaubenslehre. Letztere wurde auch in den Mittelklaffen noch eingehend besprochen. Daneben bildete jedoch auf dieser Stufe die jüdische Geschichte vom Abschluß der Bibel an den vorzugSweisen Lehrgegenstand. Schon hier wurden die Schüler mit der nicht nur interessanten, sonderst auch charakterstärkenden Lehre vom Schicksal der Juden vertraut. Gleichzeitig mit dem Geschichtlichen wurde das damit notwendig verknüpfte kulturgeschichtlich Wiffenswerte gelehrt. Die Namen der jüdischen Geisteshelden von den Hochschulen des Exils an bis in die neueste Zeit waren mindestens bekannt, meistenteils aber wurden assch die geistigen Früchte der Großen im Geist Gegenstand des Unterrichts, wenigstens in großen Zügen) mit, ihren Namen verbanden sich' in der Vorstellung der? Schüler bereits fest umriffene Begriffe) ob timt von Moses Maimonides, Spinoza, Moses Mendelssohn oder Gabriel Rießer gesprochen wurde, niemals bildeten deren Namen bei den Schülern vage Vorstellungen, sondern man war mit den Hauptwerken wenigstens insoweit vertraut,- daß man von deren Grundzügen bestimmte Kennt-- niste hatte. Bei einzelnen Werken ging die Kenntnis auch bis in Einzelheiten: so'erinnere ich mich, daß in Prima Mendelssohns Phaedon und die Ethik des Judentums von LazaruS gelesen wurden. Man kann hieraus ersehen, daß auch auf einem königlich preußischen katholischen Gymnasium ein immerhin recht fruchtbarer Unterricht den jüdischen Schülern geboten wurde. Trotzdens empfing ein Teil der Jungen einen größeren Schätz an jüdischem Wissen von anderer Seite. Neben diesem deutsch-jüdischen Gyjmnasialunterricht fand nämlich noch ein besonderer hebräischer Unterricht statt. Diesen erteilte der zweite Rabbiner des Ortes und zwar soviel mir bekannt ist, im Namen eines Vereines, Talmud- Thora, meistenteils in Gemeinderäumen. Er stand mit dem Gymnafialunterricht in keinem Zusammenhang, wurde also auch nicht im Schulzeugnis beurteilt wie der deutsch-jüdische, oben eschilderte. ES nahmen an'ihm auch nur Schüler es Gymnasiums und der Oberrealschule teil, aber bei weitem nicht alle. Zwangsmittel, um zur Teilnahme daran zu bestimmen, standen nicht zur Verfügung, und natürlich mußte die