KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 19 (November 1917)
- Date
- 1917-11-01
- Page
- Seite 965 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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965 auch nickt das Recht/ andere Interessen zu verfolgen. Wir sehnen uns nach dem Frieden wie alle Menschen, aber wir würden es, abgesehen von allem anderen, als im höchsten Grade raktloS auffassen, wenn die paar Juden sich als die geborenen Pazifisten aufspielen würden. Soweit ivirbesonderekulülrelle Aufgaben haben, zielen sie nur aus Pflege und Erhaltung des Judentums him Wenn man die Bernsteinsche Broschüre zu Ende gelesen hat, so kann man fich der Empfindung nicht erwehren, dass fie aus Ärger darüber geschrieben worden ist. dass nicht alle Juden die politische Anficht des Verfassers teilen. Alle die scharfen Ausfälle gegen den Chauvinismus der Juden, der wirklich doch nur vereinzelt dasteht, der aber hier als eine Massenerscheinung hingestellt wird, deuten darauf hin. Aber selbst dieser Ärger hätte einen Mann wie Eduard Bernstein nicht verleiten dürfen, ein solches von Unkenntnis triefendes Buch zu schreiben. Jeder ehrlich denkende Jude muß mit Entrüstung fich dagegen zur Wehr setzen, daß ihm hier eine kosmopolitische Aufgabe zugesprochen wird, die er weder erfüllen darf noch erfüllen kann. Daß der Nichtjude, der diese Schrift gelesen hat, seine jüdischen Mitbürger nur noch mit Argwohn betrachten kann, hat der Verfasser wohl nicht bedacht. Deshalb ist es auch notwendig, daß wir aufs energischste überall betonen, wie verfehlt und grundfalsch das hier Dargelegte ist. Lassen wir uns aber auch endlich einmal alle dafür sorgen, daß bei solchen, die zu uns gehören, und bei Außenstehenden keine falsche Vorstellung mehr auskömmen kann über das, was wir sind, und über das, was wir wollen. Dr, Kurt Alexander (Badeniüe-Barmriae. Rhenaüleflae, K. C- Stammtisch-Frankfurt), z. Zt. im Felde. Unser Schicksal. Deutsche Juden, welches Schicksal erwartet unS nach dem Kriege? Diele Jraae beschäftigt unS alle. Wenn die Antwort daraus nur lauten kann: unser Schicksal wird so sein, wie wir selbst eS unS bereiten, so ist das keine billige Phrase, sondern eS ist die bewußte und betonte Abkehr von allen Bestrebungen, die dabin zielen, unser Schicksal von außer unS liegenden Dingen abhängig erscheinen zu lassen. Mit Recht weist Kbr. vr.Wolff in den letzten K. C.-Blättern darauf hin, daß die Pflege von positiv jüdischen Werten die führende Rolle in unserer Tendenz spielen muß. Doch gehen wir noch Zeinen Schritt weiter. Sie muß von der Gesamtheit der deutschen Juden als Lebensaufgabe Erkannt werden, wenn man nicktz auch diese.'gewaltige Z?it, die wir jetzt durchleben, als für daS deutsche Judentum nutzlos anieben will, wenn man nicht am Schicksal der deutschen Juden überhaupt verzweifeln will. „Ich bin Jude" kommt auch beute noch Tausenden und' Abertau» senden deutschen Juden nur zögernd über die Libyen. Justizrat Salinqer-Ovpeln spricht es in den letzten K.C-Blättern ans, daß diese Erscheinung weder aus einem Märchen stammt, noch auch schon der Vergangenheit völlig angehört. Seien wir doch ehrlich! Jeder von uns bat sich erst im Laufe seines Lebens dazu dnrchrinaenmüsien, seine Juaehörigkeit znm Judentum nichtz als ein gottgewolltes, unabänderliches, aber betrübliches Schicksal, sondern als eineJümrua *it betrachten, die in uns sonst nicht zu entwickelnde Werte schosst und somit höchstes Glück bedeutet. Diese Erkenntnis bewahrt unS davor, auf olle diejenigen, die sich mangels innerer Erlebnisse noch nicht zu dieser Auffassung durchgerunoen haben, verächtlich berabzublicken, und vervflichtet unS, ibnen die Möglichkeit zu schossen, ibr inneres Wesen und damit die Bedeutung ihres Judentums zu erkennen. Wie eS im „Sprevenliede" beißt: „was Schandfleck war, ward unser! Ehrenzeichen," fo muß eS in der ganzen deutschen Jndenheii, ja in der äanzen Judenbeit überhaupt beißen: was Schimpfwort war, wurde unser Ebrennomek Wie ist es zu erreichen, daß die jüdische Allgemeinheit ebenso zu dem stolzen, freudigen Bekenntnis „ich bin Jude" sich durch ringt, wie der K. C es uns ermöglicht hat? Nur auf dem gleichen Weae, aus dem es derKC. erreicht hat, durch Erziehungsarbeit. Daß Erziehungsarbeit der wichtigste Bestandteil jeder jüdischen Arbeit sein muß, diese Ansicht hat der K. C. stets vertreten. Allgemein* gut der deutschen Judenheil ist aber diese Anschauung nicht geworden. Noch immer begnügt man sich, gegen die Berallgemeinerunq — die Kampfesart des Antisemitismus — sich auszulebnen. Rock immer bat man nicht erkannt, daß diese Kampfesart für den Antisemitismus gar nickt spezifisch ist. sondern überall Üblich ist, wo sich Parteien in einem gehässigen Kampfe befinden. Würde fich jemand von uns wundern, wenn beute in Amerika als Täter in irgendeinem Verbrechen ein Mann namens Schulze oder1 Müller festgestellt würde und wenn dann die amerikanischen Zeitungen von dem „deutschen Verbrecher" oder „verbrecherischen Deutschen" sprächen, selbst wenn SchulzeS oder Müllers Vorfahren schon ebenso lange Amerikaner wären wie die ältesten übrigen Geschlechter, die sich nicht direkt von den indianischen Ureinwohnern abzuleiten vermögen? '