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KC-Blätter · 1917-11-01 · Heft 19 (November 1917) · p. Seite 964

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Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 19 (November 1917)
Date
1917-11-01
Page
Seite 964 (sequence 26)
Language
German
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964 Ach zugleich nicht völlig in die neue Kultur der Umgebung hineinentwickeln tonnte. Heine mag sich vielteicht manchmal als Kosmopolit selbst gefühlt haben, aber er war es ganz zweifellos'nicht. Und Zangwill! Hätte er tatsächlich als „Mittler der Völker gelten wollenso hätte er in ganz anderer Weise gegen sein Heimatland auftreten sollen, das sich mit Rußland aufs engste verbündet und nun sogar die Prognome von dort importiert hat. Von einer Parteinahme Zangwills für Deutschland und Oesterreich gegenüber dem Judenprogröme züchtenden zarischen Rußland haben wir nichts gemerkt. Aber sind denn Heine und Zangwill die einzigen Juden — nachher kommt übrigens noch Lissauer —, die Bernstein kennt? Wo sind die unzähligen anderen, die nur für ihr Heimatland empfinden, ohne daß dadurch ihrer Liebe zum Judentum Abbruch getan wird, und die es als schwere Verdächtigung ansehen, wenn man sie einer weltbürgerlichen Gesinnung in dem hier gemeinten Sinne zeihen würde? Auch unter ihnen sind viele Namen von sehr gutem Klänge, Männer, die es mit einem Israel Zangwill zum mindesten ausnehmen. 9tun glaubt aber Herr Bernstein die für ihn sehr betrübliche Tatsache feststellen zu können, daß die Juden nicht nur kein weltbürgerliches Empfinden heute an den Tag legen, sondern sich sogar eines verstärkten Patriotismus befleißigten. Zunächst muß da der unglückliche Ernst Lissauer herhalten, der heute zwischen rechts und links hin- und hergestoßen wird, und sich infolgedessen bereits verpflichtet fühlte, in aller Öffentlichkeit zu erklären, daß seine Zugehörigkeit zum Judentum eine rein nominelle ist. Daß er der wirklichen Stimmung jener ersten Kriegslage glühenden Ausdruck gegeben hat, war allerdings ein Verbrechen, das sich ein Jude nicht erlauben durfte. — Und nun wird auch dem K. C. die Ehre zu teilapostrophiert zu werden. Offenbar ist dem Verfasser einmal ein Exemplar der K. C.-Btätter in die Hände gefallen, in dem er in feiner Lektürenicht über die ersten Seilen hinausgekommen sein dürfte. Er sagt nämlich: „In gleicher Weise wird der Haß des Deutschen verfochten in dem Korrespondenzblatt derjenigen jüdischen Studentenvereine Deutschlands, deren Mitglieder es den deutschen Korpsstudenten im sogenannten Pauken (Duell mit Rapieren) gleichzurun suchen. Man konnte glauben, ein Blatt fanättscher Rassepolitiker vor sich zu haben, wenn man eine Stummer dieses Blattes durchlas." Wir möchten doch Herrn Eduard Bernstein anräten, in Zukunft genaue Belege anzusühren, wenn er derartige Vorwürfe gegen ein Blatt oder eine Organisatton erhebt. Ich Habe mit Ausnahme der ersten beiden Nummern, die im wesentlichen statistisches Material enthielten, bis zum Juni dieses Jahres verantwortlich für die Kriegsheste der K. C.-Blätter gezeichnet. Es ist mir mit dem besten Willen nicht möglich, auch nur eine Zeile nachzuweisen, in der der Haß gegen andere Nationen gepredigt wird. Sollte aber der Verfasser die unserem Empfinden entsprechenden Äußerungen der treuen Anhänglichkeit an unser Heimatland hier als die Ausflüsse eines alldeutschen Chauvinismus bezeichnen, so würde auch das wieder beweisen, daß ihm jehes Verständnis für die Gedankengänge eines erheblichen Teiles der deutschen Juden abgeht: Es wäre daher auch richtiger gewesen — wir betonen das wiederholt —, von Dingen sernzubleiben, die man nicht kennt. Man kann schließlich auch einen guten Namen einmal verlieren. Nun muß aber doch dem, Juden, der es verlernt hat, Mittler der Völker zu sein, die treibende innere Kraft gegeben werden, die ihn befähigt, diese Aufgabe wieder zu übernehmen. Auch sie versteht Bernstein zu schaffen: In der Brust des armen Juden leben bis jetzt schon zwei Arten von Patriotismus, teils, nebeneinander, teils gegeneinander: Landespatriotismus und Stammespatriotismus. Landespatriotismus ist das Anhänglichkeitsgefühl an das Land, dem die Juden als Staatsbürger angehören) Stammespatriotismus soll das „stärkere oder geringere Solidaritätsempfinden von Juden für die Judenheit im allgemeinen"- bedeuten. Da das aber noch nicht genügt, begründet Bernstein den Begriff des weltbürgerlichen Patriotismus. Er soll der Ausfluß , des natürlichen Zusammengehörigkeitsgefühls sein, das den Juden als Glied der über die ganze Welt verbreiteten Judenheit mit allen. Völkern verbindet. Kraft dieses Bewußtseins sollen die Juden, die überdies auf Grund der Geschichte (welcher?) die geborenen Pazifisten seien, die Möglichkeit haben, „das zu pflegen, was die Völker verbindet, und dem entgegenzuwirken, was sie trennt und Haß zwischen ihnen säet". — Einen Stammespatriotismus kennen wir nicht) was uns mit den Juden der anderen Nationen verbindet, , ist neben der Religion ein Gefühl, des Mit leid ens) denn sie leiden aus dem gleichen Anlaß, aus dem wir leiden. Dieses Gefühl des Mitleidens kann sehr stark werden) aber wir dürfen niemals, wenn wir Gefühle sezieren wollen, von ihrer Stärke ausgehen, sondern wir müssen ihre Ursache zu ergründen suchen. Und ebensowenig oder noch weniger kennen wir einen weltbürgerlichen Patriotismus. Weil unter den anderen Nationen auch Juden wohnen, deshalb verbindet uns doch nichts mit jenen.. Eine besondere politische Aufgabe, die uns als Juden zugefallen .wäre, kennen wir nicht. Als Bürger des Staates, dem wir angehören, haben wir

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