KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 19 (November 1917)
- Date
- 1917-11-01
- Page
- Seite 963 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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963 Ligen Kampf der Richtungen ist allmählich ein Sezänk der politischen Parteien geworden, das auf den Fernstehenden den Eindruck machen muß, als ob wir uns im Zustand völliger Auflösung befänden. Wenn alle/ die sich mit uns beschäftigen, wüßtenwie stark wir im Innern doch noch sind, sie würden sicherlich die Hände von uns lassen. Die Einleitung der Bernsteinschen Schrift soll eine Art Rechtfertigung vorstellen. In einigen Worten sucht sich dev Verfasser mit den ihm bekannten Richtungen des Judentums, den Zionisten und den Assimilanten, auseinanderzusetzen, wobeier offenbar unter Assimilanten alle Nichtzionisten versteht. Seine eigene Stellungnahme -sucht er nach Möglichkeit zu verdecken, indem er bald der einen, bald der andern Richtung, je nach Belieben Zucker oder Peitsche gibt. Daß die deutschen Juden in allen derartigen Schriften in Zionisten und Assimilanten geschieden werden, ist hinlänglich bekannt. Abgesehen davon, daß diese Scheidung an sich schon ein Unding ist, ist bereits wiederholt darauf hingewiesen worden, daß eS eine schwere Verdächtigung aller Nichtzionisten bedeutet, wenn man behauptet, sie erstrebten die völlige Angleichung an ihre Umgebung. Im einzelnen brauchen wir nach allem, was hierzu -gerade in diesen Müttern geschrieben worden ist, nicht auszuführen, weshalb diefe Auffassung grundfalsch iffc Wir benutzen nur die Gelegenheit, um von vornherein festzunageln, wie wenig orientiert oder — - das ist wohl das gleiche — wie einseitig unterrichtet der Verfasser ist. -- In; einem aber sollen sich Zionisten und -Assimilanten ähnlich sein: „Beide wirken bewußt oder Unbewußt der großen völkerpolitischen Mission entgegen, für die: gerade die Juden infolge ihrer Geschichte und ihrer Stellung unter den Nationen der Gegenwart berufen wären." Diesem Aufgabe darstellen will der Verfasser. Nehmen wir sie kurz vorweg: Die Juden sollen kraft ihres internationalen Bewußtseins — wellbürgerlicher Patriotismus wird es genannt—die friedensstiftenden Mittler der Völker werden. Leider vergißt der Verfasser zu erwähnen, wie wir diese Mission ausführen sollen. Doch davon später. Bernstein geht von der Auffassung aus, daß die Juden ihren Beruf — daß jedes Volk einen solchen haben muß, scheint als allgemein bekannte Tatsache < vorausgesetzt zu werden — verloren haben - DieAufgabe soll darin bestanden haben, daß das jüdischeBolk, das als„GastunterdenNationen" —' diese merkwürdig oft wiederkehrende Phrase weckt gewisse Erinnerungen in uns wach — lebt, diesen „durch Beispiel die Pflege des reinen GotteSglaubens vermittle". Infolge Abschleifung und Abwerfung religiöser Dogmen, und da fast in der ganzen Kulturwelt „die, Gegensätzlichkeit doch an Schroffheit abgenommen hat und die Masse der Menschen die konfessionellen Unterscheidungen viel leidenschaftsloser (sicl) aussassen als in früheren Zeitaltern", habe diese Aufgabe an Bedeutung eingebüßt. Dann aber hätten sich die Juden auch selbst unfähig gemacht, weiter die religiösen Mittler zu spielen. Und das sei so gekommen: Neben das nationale EuqPnden, das jedem Menschen eigen fei, und das eigentlich nichts anderes bedeute als das natürliche Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen, die durch Sprache, Sitten, Einrichtungen, Geschichte und Kultur verbunden seien,- fei das nationalistische Denken getreten. Hierunter wird das gegensätzliche Empfinden der Glieder der verschiedenen Nationen verstanden, das in ökonomischen Differenzen, in Machsstreitigkeiten und ähnlichem seine Ursache hat und letzten Endes zu dem Bestreben des einen Volkes führt, das andere politisch oder wirtschaftlich zu Grunde zu richten.. Ohne daß wir uns diesem ganzen Gedankena des Verfassers etwa anschließen• wollen, nt wir auf der von ihm gegebenen Grundlage uns fortbewegen. Das, worauf e8, uns ankommt, können wir auch darleaen, ohne dieses System erst umzustoßen. Den Juden wird.nun zum Vorwurf gemacht, daß auch sie. sich dieses nationalistische Empfinden angeeignet, und zwar zu Unrecht angeeignet hätten. Denndurch diese Inanspruchnahme einer ihnen mcht,zustehenden Gesinnung hätten, sie die Bande. mit der über die Welt zerstreuten jüdischen Volksgesamtheit, die doch: noch fortbestände und durch Blutbande oder andere Verbindungen persönlicher Natur dem Bewußtsein lebendig erhaltensei, durchschnitten. Die Behauptung von dem Vorhandensein einer über die ganze Welt zerstreuten jüdischen Volksgemeinschaft ist• so abgegriffen, daß sie auch durch die Verwertung in dieser Broschüre nicht mehr richtig werden kan». Inwieweit tatsächlich die Juden ein verbindendes Element für die Völker der Kulturwelt jemals gewesen sind, das nachzuweisen wäre ein wirkliches Verdienst Bernsteins. Die Völker würden sich, wie die Dinge seit Jahrhunderten und heute noch liegen, höchstlichst bedanken, wenn man ihnen sagen würde, daß die Juden es sind, die die Verbindung mit den anderen Rationen Herstellen. Und anderseits müßten die Juden Wer eine ungeheuere Macht verfügen,- wenn sie diese Aufgabe erfüllen, könnten. - Auch die zwei Beispiele, die für die Möglichkeit der Verwirklichung dieser Mission gegeben werden, gehen fehl. Heine war nicht Weltbürger, sondern er war Jude und Deutscher) daß er sich dieses; Einklanges, noch nicht voll bewußt war, lag daran, daß er noch tri der Abgeschlossenheit des Ghettos wurzelte und