KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 18 (August 1917)
- Date
- 1917-08-01
- Page
- Seite 911 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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911 Beaumontstr. 19 geschrieben habe, glaubte ich Dich dort schon „vermißt" und wandte mich in Heller Verzweiflung an A. H. Mainzer, von dem ich zu meiner Befriedigung erfuhr, daß Du doch noch in Magdeburg bist. Ich versuche also mein Heil aufs neue . . . .! Ich schrieb Dir, daß ich am 9. Mai wieder ins Feld kam, diesmal zum I. R.. das vor einigen Tagen von einem preußischen zum „10. badischen I. R." verwandelt wurde, mit der Garnison in Heidelberg. Bisher ist es mir sehr gut gegangen, selbst wenn's, wie heute, Brennesseln zu Mittag und Erdbeerblättertee zu Abend gibt. (Zum Suchen der dazu nötigen Rohmaterialien werden wir selbst auf die Weide getrieben) — In der sog. Siegsriedsteüung südlich von St. Quentin bestand meine Tätigkeit im Feldwacht- und Patrouillendienst (als Patrouillenführer). Das war mir natürlich lieber und interessanter als Postenstehen. Das Feuer wurde „von der Artillerie gestellt", — wir hatten nur das Vergnügen, den zugeschütteten Graben wieder zu säubern. Zum Angriff kam es hier bis jetzt nicht. — Nun liegen wir seit vierzehn Tagen im Quartier in diesem kleinen Städtchen an der Oise, das während der Beschießung von den meisten seiner Einwohner verlassen worden ist. Dienst haben wir genug, besonders in den ersten Tagen, da wären wir lieber wieder in den Graben gegangen, vor Bataillonsbestchtigung durch den Kommandierenden General, Exerzieren auf Mord und Tod. — Doch jetzt hat sich der Dienst und unsre Stimmung gebessert und wir sind recht zufrieden, nachts in richtiggehenden Betten liegen zu dürfen, anstatt auf Feldwache. Auch haben wir zu allem Ueberfluß einige ganz gebliebene Porzellanteller entdeckt, sodaß wir — fast standesgemäß zu Mittag essen. Seit einiger Zeit machte ich auch die sehr erfreuliche Bekanntschaft eines Kbr., Bizefeldwebel Lehmann tFriburgiae) aus dem HI. Bat. ... Er kam vor kurzer Zeit aus Urlaub von Königsberg zurück, wo er viel mit P. P. zusammen war. Das war natürlich wie eine Oase in der Wüste, und da wir auf ein paar Tage beide in R.liegen, bin ich öfters bei ihm. — Paul war seit Ende Mai auf Urlaub in Mannheim und — versteht sich — oft mit Piston und den Bbr. Bbr. in Heidelberg zusammen. Esberg und Kurt Oppenheimer sind ja auch dort und manch anderer, sodaß immerhin eine stattliche Korona beisammen war. Oppenheimers glanzvolles Physikum mit 1 hat mich aufs neue fühlen lassen, wie weit Ihr Herren Mediziner uns arme Juristen (oder Juristenwerden wollende) militärisch und wissenschaftlich hinter Euch zurück läßt. — Mit tiefem Bedauern hörte ich von A. H. Mainzer, daß für den armen Grünwald keine Hoffnung mehr ist. — Ich bitte Dich, mir nun auch 'mal zu schreiben, wie Dir's geht, denn es ist fast ein halbes Jahr, daß ich nichts von Dir gehört habe. Sei aufs herzlichste gegrüßt von Deinem treuen Leibfuchsen Fritz Mayer (Bav.) O. . . . 19. August 1917. Lieber alter Herr! Nun hat die „Erholungszeit" für uns ein Ende. Wir sind gestern aus der Siegfriedstellung herausgezogen worden und bereits unterwegs nach irgendeiner Stelle der drei neuen Offensiven — Flandern, Verdun oder Aisne —, vermutlich nach Verdun. Heute haben wir nun Massenquartier an der Bahnstation bezogen und warten, bis wir verladen werden. Wir haben in einer ruhigen Stellung den Sommer 1917 verbracht, und manchmal gab es schöne Stunden im Quatier zu R. . . ., dem kleinen freundlichen Franzosenstädtchen. Und dennoch ist all die Pracht an uns oorübergegangen, wie die Bilder an der weißen Projektionswand an dem Beschauer im dunkeln Raum vorüberziehen, schemenhafte ungreifbare Erinnerungen an etwas, was wir auch einmal erlebt haben. Aber wir werden diese Bilder nicht vergessen, und nicht das Städtchen an der Oise mit seinem weiten Park, trotz seiner Ruinen, trotz des Kriegsdienstes in den Feldern ringsum. — Für mich ist's das erste Mal, daß ich tu eine der großen Schlachten ziehe. Man ist ja stufenweise daraus vorbereitet worden, von der Einberufung an bis zu diesem Augenblick, und es findet niemand mehr etwas Außerordentliches dabei. Es ist alles zur Selbstverständlichkeit geworden. Es ist mir nicht mehr möglich, allen Bundesbrüdern zu schreiben. Wollen Sie so freundlich sein, ihnen meine treuen Grüße in der „Feldpostmappe" zu übermitteln? Ihnen, lieber Alter Herr, recht herzlichen Gruß! Ihr treuer Bundesbruder Fritz Meyer (Bav.) H.Westflandern, 23.8.17. Lieber Alter Herr! Wie Sie sehen, hat die „Erholungszeit" in der Siegfriedstellung für unsere Division ein Ende gefunden. Am 18. August wurden wir dort herausgezogen, um an einer der drei neuen Offensiven in der neuen Gefechtsart, der „angriffsweisen Verteidigung" teilzunehmen. Wohin es ging, wußten wir damals nicht. Nun hat sich's seit zwei Tagen entschieden. Die Fahrt durch das ebene vlaemische Land in all seiner malerischen Schönheit erweckte die Erinnerung an die Träuine des Primaners und Mulus von einer Ferien- oder Studienreise in diese Gegenden. Nun aber vielt für uns der Zug kaum am Bahnhof von Gent-St. Peter, und wir marschierten durch Staub und Sonnenglut unter dem Gepäck des Kriegssoldaten.Bon L.aus zog sich der Marsch bis hierher, wo wir auch nicht lange bleiben werden. Unsere Division soll als „Stoßdivision" eingesetzt werden, also nur zu Gegenstößen und Wiedereroberungen. Wir werden wenige Kilometer hinter der Kamptzone in höchster Alarm- und Marschbereitschaft gefaßt sein müssen, sofort eingesetzt zu werden, wo und wann es eben nötig wird. Das Wetter ist noch immer sehr schön. Auf der Straße ziehen unaufhörlich Kolonnen an uns vorüber, Artillerie, Bagage re. Die langen Reihen der Infanterie schlängeln sich Straßen und Wege entlang. Ein Vorwärts- und Rückwartsschieben ohne Aufenthalt. Und von der Front dröhnt der rollende Donner des Trommelfeuers herüber. Noch liegen wir im Quartter in einem vollkommen ausgeräumten Haus, warten stündlich auf den Befehl zum Aufbruch. Leben Sie wohl. Treu bbr. Gruß! Ihr ergebener _ Fritz Meyer (Bav.) Im Bereitschaftslager bei O.(Westflandern), 2. 9.17. Lieber Ernst! ®cm* lieber Brief hat mich wieder sehr erfreut und ich danke dir vielmals dafür. Du wunderst Dich über meinen „Idealismus und Opttmismus", wie Du es nennst. Ich will Dir einiges darüber sagen. Du weißt, daß von dem Feldsoldaten, und gar von dem Infanteristen das Höchste als das Selbstverständliche verlangt wird. Es hilft nichts und macht das Harte nur schwerer, wenn er es unwillig oder gar mit der Ueberzeugung tut, daß es zwecklos sei. Er mutz auch dem harten Dienst eine gute Seite abgewinnen können und in Ruhelagen die Erinnerung an die schlimmen vertreiben, — um überhaupt dies Leben seelisch ertragen zu können!" Sag "nicht, daß das eine Selbsttäuschung, eine Vogel-Strauß-Politik sei, — es ist kein Ding so schlimm, daß es nicht auch eine gute Seite hätte. Und die müssen rvir nun ganz auf uns wirken lassen, damit uns die andere nicht schwerer macht, was nur nun doch einmal kein Mensch erleichtern oder erlassen kann. Es ist also streng genommen ein „egoistischer Idealismus", der aber dennoch Positives zu leisten ver»