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KC-Blätter · 1917-01-01 · Heft 15 (Januar 1917) · p. Seite 823

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Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15 (Januar 1917)
Date
1917-01-01
Page
Seite 823 (sequence 37)
Language
German
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823 in den Kreis der Schule zurück, die er durch seine idealgerichtete Persönlichkeit, seine hervorragenden pädagogischen Fähigkeiten und nicht zum mindesten durch seme lebhafte andauernde Teilnahme für jeden seiner zahlreichen Schüler zu hoher Blüte gebracht halte; in der Arbeit für die Schule fand er die letzte Freude bis zu seinem im 76. Lebensjahr erfolgten Hinscheiden. Mit Wehmut müssen wir - wie so oft - wahrnehmen, wie die Fülle von Geistesgaben eines Mannes, wie sie Anion Ree besaß, sich zu unendlrch reicherem Segen hätten auswirken können, wenn sie sich innerhalb des Mutterbodens entfallet und nicht von ihm gewaltsam entfernt hätten: nicht bloß dem doch verhältnismäßig engen Kreis der umer seiner Leitung ausgeblldeten Schüler wie seiner Freunde hätte Anton Ree andernfalls bei dem lauteren, selbstlosen Streben, das auch seine Gegner an ihm rühmend allezeit hervorgehoben haben, ein dauerndes Vorbild werden können, sondern noch späten Geschlechtern unserer Glaubensgemeinschaft, ja der gesamten Menschheit! Frankfurt a.M. Direktor Or. Adler. Meyrinks neuer Roman?) Von Eduard Strauß. „Sie würden glauben, ich redete in Bildern, wenn ich's ihnen sagte. Die Doppeldeutigkeit der Srache ist's, die uns trennt. — Wenn ich öffentlich etwas schreibe über inneres Wachstum, so würden sie ein „Klüger werden" darunter verstehen, oder ein „Besser werden",' so, wie sie unter Philosophie eine Theorie verstehen und nicht: ein wirkliches Befolgen!" Diese Sätze finden sich in dem Buche, welches Meyrink seinem Golem folgen ließ und welches nach einer Haupterscheinung „das grüne Gesicht" genannt ist. Die Worte treffen gut: es svll erklärt und immer wieder erklärt werden, es wird um Deutung und Auslegung wieder und wieder gefragt — als ob es wirklich und wahrhaftig den Menschen dieser Tage gar nicht mehr möglich wäre, unter der Expression einer anderen, als der mechanischmeßbaren Wirklichkeit, zu atmen. Gewiß doch: entweder das Alles ist nur Symbol — oder der Leser greift doch lieber zu seiner Zeitung: denn er bildet sich ein, die Wirklichkeit des gegenwärtigen Geschehens sei weniger „unglaublich"! Allerdings, derer . gibt es nicht viele, aus die das Wort der Apokalypse zutrifft: „Und es ward ihm ein Buch gegeben und er verschlang's." Dem Traumhelden des Golem, wie dem Halbwachen des „grünen Gesichts", beiden geschieht, was die Apokalypse meint: ein Buch wird ihnen gegeben und ihr Leben wendet sich, ihr Wesen kehrt sich um, „die Lichter werden umgestellt." Wenn auch dieses neue Werk in wacher Zeit lebt und wenn es auch nicht die wundersame Traumsorm des „Golem" hat: es ist doch nicht so real, daß man genau wüßte, wo und wie es spielt. Mag sein: die Landschaft ist diesmal Holland — Amsterdam — die Menschen tragen andere Kleider, sie reisen und effen und schlafen und keiner hat alles geträumt. Aber erzählt einmal den Inhalt dieses Buches! Macht nur einmal den Versuch! Ich werde ihn nicht machen. Ich werde auch nicht bei all den — übrigens sehr billigen — kritischen Ausstellungen verweilen, welche gegenüber dem Werke diesmal möglich sind. Nicht immer ist der Stil von der prachtvollen bildsatten Gedrängtheit, wie in dem ersten großen Werke, manches Komische wirkt belästigend, zusammengetragenes Gut von allerlei Merkwürdigkeiten verwirrt, ist nicht völlig vom Geiste verglüht und bleibt, fast wie gewollt, im Stofflichen besangen. Dennoch: ich muß von diesem Buche mit den Worten Baudelaires sagen, daß es „die Menschen zu sinnen zwingt, wie Segel, die vom Sturm getrieben kamen." Der Dichter will hier mehr und anderes geben, als im „Golem". Wieder greift er zu einer jener Wandergestalten der Mythe, wieder blitzt ein großes Licht über Niedere und Ausgestoßene, wieder werden Menschen aus dem Irrealsten aller Völker — Juden — zu Trägern siackernder, in alle Höhen und Tiefen hineinzuckender Gedanken. Das aber ist das ganz wesentliche an Meyrinks Dichten und Denken: daß seine Geisteswelt nicht nur gleichsam, sondern selbst da ist, daß fein eigentliches „Jenseits" durchaus nicht eine schlechte, etwa gar okkultistische Berechtigung von der Naturgesetzkunde borgt. Im Gegenteil: seine Welt der Wesen erst erteilt jeder möglichen gelebten oder gedachten Welt ihr Daseinsrecht! Mit einer ganz großen Selbstverständlichkeit hebt er die Alleinherrschaft dieser unserer eng verkettenden, reibenden und treibenden Dingwelt auf. Und das wird ihm leicht, denn das Ereignis der gewaltigsten Aufhebung hat sich bereits vollzogen: der Weltkrieg ist zu Ende, die Menschen Europas haben einen Frieden geschlossen. Nebensache ist, wie dieser Friede aussieht, politisch fällt kaum ein Wort. Aber nun erst setzt das Bedeutsame ein: nicht dieser furchtbare Krieg ist die eigentliche Katastrophe/ jetzt, da sein Donnern verhallt ist, fühlen die Menschen eine fürchterliche Leere, Unsicherheit, Haltlosigkeit im Innern. Ein Taumel, und das Taumeln Trunkener peitscht ihre armen Leiber, ihre Gedanken und Wünsche hetzt und schüttelt ein stumm tobender Sturm. Denn es soll wahrlich eine neue Erde geboren werden, eine Erde, in welcher der ewig grünende *) Das grüne Gesicht. Verlag Kurt Wolfs, Leipzig.

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