KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15 (Januar 1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 822 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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822 neums zu Hamburg auf der Universität Kiel philosophischen und hebräischen Studien mit dem festen Borsatz, nach deren Abschluß sich dem Lehrberuf zuzuwenden, nicht bloß um zu lehren, sondern um die sein Inneres gewaltig bewegenden Reformideen zu verwirklichen, eine neue Form der Menschenerziehung und Menschenbildung zu finden, „damit es besser werde mit der Gesellschaft und der Welt der Menschen." Die Richtung, in der sich seine Ideen entwickelten, wurde nicht zum wenigsten durch äußere Umstände, in denen sich sein Leben bewegte, beeinsiußt. Seine Bemühungen, an der strenggläubigen Talmud-Thora-Schule in Hamburg eine Lehrstelle zu erhallen, scheiterten, trotz oder gerade wegen der warmen Befürwortung seiner Bewerbung durch Gabriel Rießer, an dem Widerspruch des maßgebenden Chacham Isaak Bernays, obwohl Ree beteuerte, daß er als Jude erzogen sei und auch auf der Universität als Jude gelebt habe — in der schroffen Art, in der die Ablehnung erfolgte, findet Feiner wohl mit Recht eine der Ursachen der Stellungnahme Rees nicht bloß der Orthodoxie, sondern dem Judentum gegenüber. In seinem erziehlichen Wirken zeigt sich seitdem das Bestreben, das religiöse Moment als beherrschendes Prinzip auSzuschalten und dasür das Banner der Sozialethik und Sozialpädagogik zu entsaltenmit der Macht seiner Persönlichkeit verstand er es an der Anstalt, an der er selbst tätig war, diese Ideen zur Durchführung zu bringen, besonders, seitdem er 1848 zu ihrer Leitung berufen wurde. Zur Besserung der sozialen Siellung der Juden und damit zur Beseitigung des Zwiespalts, in dem die Gesamtheit der Juden mit ihrer Umgebung stand, glaubte er sein Bemühen vor allem darauf richten zu müssen, die „zerstörendeund vergiftende" Mundart zu beseitigen, die die unteren jüdischen Schlchten seiner Vaterstadt sowohl in der Ausdrucksweise wie im Tonfall der Rede mit aller Zähigkeit festhielten. In Wort und Tat eiferte er gegen die Beibehaltung des Idioms und meinte es am ehesten zu beseitigen, wenn alle bestehenden israelitischen Schulen baldmöglichst aufgehoben und überall allen Ständen gemeinsame Volksschulen geschaffen würden. Diese seine Richtung hielt ihn, wie Feiner treffend bemerkt, davon ab, die jüdischen Schulen außerhalb seiner Vaterstadt überhaupt kennen zu lernen — er würde andernfalls gerade in ihnen nicht Gegner, sondern Förderer seiner Bestrebungen gefunden haben und hätte gewiß dem allgemeinen Urteil, daß gerade die jüdischen Schulen sich — namentlich im Osten unseres Vaterlandes — als Pioniere des Deutschtums erwiesen und zu deutschen Musterschulen sich entwickelt haben, zugestimmt! Seine Geislesrichtung verhinderte ihn aber auch, sich das zunächstliegende Verlangen klarzumachen, zuerst die Schulen der herrschenden Bekenntniffe ihres konfessionellen Charakters zu entkleiden, der in der Zeit der Reaktion im Gegenteil immer stärker in ihnen in Erscheinung trat und vor einem Jahrzehnt in Preußen schließlich durch Gesetz sestgelegt worden ist. Bei der von ihm geleiteten Anstalt, die doch von warmherzigen Juden für arme jüdische Kinder gegründet worden war, setzte eS R6e, wie erwähnt, bei seinem maßgebenden Einfluß sreilich durch, daß seine Ideen in ihr zur Entwicklung gelangten: Sie erhielt auch in ihrem Namen etne Bezeichnung, die jegliche Beziehung auf ihren besonderen Zweck vermied. Um die christllchen Kinder, die in ihr Aufnahme fanden, völlig den jüdischen Kindern auch in äußerer Beziehung gleichzustellen, bestimmte R6e aus seinen Ideen heraus u. a. ihm überwiesene Summen zur Errichtung von Freistellen für christliche und konfessionslose Schüler — die letzte Folgerung zog er dann durch feinen Austritt aus dem Judentum und durch die Designierung eines feiner christlichen Lehrer und Parteifreunde zu seinem Amtsnachfolger. Bei seinen rein doktrinären Gedankengängen kamen ihm die Verpflichtungen, die er durch seine Geburt gegen seine Glaubensgemeinschaft hatte, garnicht in den Sinn: Die liberale Aera, die ihm den Zugang zum Parlamente des Norddeutschen Bundes und zum Reichstage verschaffte, schien ihm den Sieg der Ideen zu bringen, für die er Jahrzehnte in zahlretchen Schriften und in unermüdlicher öffentlicher Betätigung kämpfte, vor allem für die Idee der freien Schule und eine Weltanschauung, die sich auf pantheistischer Grundlage aufbaute und von Feiner zutreffend als „idealistischer Materialismus" bezeichnet wird. — Mir so vielen feiner Zeitgenossen hat er in späten Jahren seinen Jrrrum, als ob die positiven Religionen überwunden seien, als ob Rassen-, Klassen-, Massenhaß sich unmöglich jemals wieder zeigen könnten, schwer büßen müssen: Die antisemitische Bewegung, die anfangs der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts wie etne Schmutzwelle über das deutsche Reich zog, eine für Parteizwecke auf pseudowissenschaftlicher Grundlage sich aufbauende Rassentheorie hat er selbst von seiner Vaterstadt, trotz der geachteten Stellung, die er sich in der Bürgerschaft durch fein langjähriges felbstloseS Wirken erworben hatte, nicht bannen können) jetzt machten sich, freilich erst in feinen letzten Lebensjahren, auch in seinem Innern die Gefühle bemerkbar, die ihn durch Erziehung und Erinnerung an das Elternhaus mit den früheren ReligionSgenoffen verknüpften - schmerzbewegt, wie der Referent es selbst auS seinem Munde vernommen hat, über die Verdächtigungen und die Verleumdungen, denen die deutsche Judenheit ausgesetzt war, über das völlige Versagen seiner Ideen, zog er sich