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KC-Blätter · 1917-01-01 · Heft 15 (Januar 1917) · p. Seite 817

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Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15 (Januar 1917)
Date
1917-01-01
Page
Seite 817 (sequence 31)
Language
German
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817 der Entwicklung" beschäftigt. Rosenseld begründet die Wirtschaft licke Not der Ostjuden mit den Siedelungsverhältniffen im Lande, sowohl für Polen als auch für Galizien- und beklagt — freilich gerade entgegengesetzt dem, was man erwartet hätte — den mangelnden territorialen Zusammenhang der einzelnen, die willkürlich verstreuten S'edk-lnnqen der Inden und betrachtet als das große Nebel die stabile Minderheit der Juden auch in den Gebieten ihrer dichtesten Siedelnna. Will man zu dieser einzelnen Frage der Skedelunqspolitik Stellung nehmen, wird man freilich diese — offenbar ausschließlich von dem Wunsche nach nationaler Macht wenigstens in einzelnen Bezirken bestimmten — Ansicht nicht gutheißen können. Unter den in erster Reihe entscheidenden wirtschaftlichen Gesichtspunkten wird man die Zusammenvserchung der Juden an einzelnen Stellen, insbesondere in den Städten, gerade zu beseitiaen haben, um den sich gegenseitig im Wege stehenden freie Bahn zur wirtschaftlichen Entwicklung zu sichern. Die weitere Erörterung der wirtschaftlichen Zustände Galiziens und Polens enthält viel wertvolles Zahlenmaterial und zeigt, wie trotz der vielen ökonomischen Beschränkungen die Juden im Waren- und Geldhandel noch das Uebergewicht haben, wie aber der nichtjüdische Handel, sowohl in den Städten als auch auf dem flachen Lande (hier besonders durch die Genossenschaften), sich mehr und mehr ans Kosten der Juden entwickelt. Man wird sich der Schlußieststellung dieses Abschnitts anznschließen haben, daß immerhin die jüdischen Massen in den polnischen Ländern „eine wichtige wirtschaftliche Funktion innehaben, welche für lange Zeit überhaupt nicht oder nicht ohne erhebliche Störungen von anderen übernommen werden kann," sodaß man „getrost sagen kann, daß der letzt wütende Antisemitismus auch für breite polnische und ruthenische Schichten von großem Uebel ist." In den beiden letzten Abschnitten der Schrift werden die Methoden und Mittel der Lösung auseinandergesetzt, insbesondere unter Berücksichtionnq der durch die Proklamation vom 5. 11. 1916 geschaffenen neuen Sacklage. Unbedingt zutreffend erscheint die klare Darstellung des widerspruchsvollen Standpunktes der Polen in ihrer herrschenden Mehrheit: das national-polnische Wirtschastsproqramm, das die Juden aus ihren wirtschaftlichen Stellungen zu verdrängen sucht und einem national-polnischen Handelsstand die alleinige wirtschaftliche Macht erkämpfen will, macht sich als Waffe die nationalen Tendenzen nutzbar lBoykotts!), stempelt deshalb die Juden als Fremde und verhindert unter allen Umständen eine innere Annäherung. Auf der anderen Seite braucht man aber die Juden als Vorspann für die eigene politische Vorherrschaft — insbesondere in Galizien t- und hintertreibt ihre selbständige politische Betätigung, um ihnen die Vorzüge einer geschloffenen organisierten Macht vorzuenthaltendeshalb haben sie als Polen zu gelten, ihre unbedingte Verschiedenheit wird in allen für die innerpolitische Gliederung bedeutsamen Punkten geleugnet. Eine Lösung vom jüdischen Standvunkte vermag uns bei der ungeheuren Schwierigkeit und Vielseitigkeit der östlichen Probleme natürlich auch Rosenseld nicht zu geben. Mit Recht weist er daraus hin, daß man erst der Entwicklung der Dinge wird entnehmen können, welche Schritte im einzelnen notwendig find. Was Rosenseld an einzelnen, übrigens nicht neuen Ratschlägen gibt, wird auch außerhalb des national-jüdischen Lagers Beifall finden, insbesondere, wenn er erklärt sS. 95): „dem polnischen Staate, der polnischen Nation mellen wir uns als Ganzes angliedern in den Fragen der äußeren Politik, im Kampfe gegen den äußeren Feind. In diesem Sinne werden wir die besten Bürger des Landes sein. Allein im Innern wallen wir uns. oänzlich den Kämpfen mit anderen Stämmen sernhalten, denn unsere Einmischung wird den Polen auf die Dauer nichts nützen, den Juden hingegen muß sie auf die Dauer schaden. Laßt uns nicht die§>enkerrolle spielen!" Als wichtigstes Gebot des Augenblicks wird eine durchgreifende Organisierung der Juden gefordert. Eine bedeutsame Rolle wird hierbei den neu organisierten jüdischen Gemeinden zugewiesen. Freilich lassen die Ausführungen Rosenfelds vermuten, daß nach seinem und seiner Parteigenossen Wunsch diese Organisationen sich nicht in weiser Selbstbeschränkung ausschließlich den großen sozialen Aufgaben zuwenden sollen, sondern im Kampfe für „völkische Grundrechte" und für die jüdisch-nationalen Güter sich als Zentrum der jüdisch-nationalen Bewegung befestigen sollen. Gerade in dieser Hinsicht kann aber nicht dringend genug zum einsichtsvollen Maßhalten gemahnt werden. Das gewaltige Werk der sozialen Wiedergeburt der Ostjuden muß unbedingt alle Kräfte draußen und drinnen einmütig znsammenhalten, nicht darf etwa durch voreilige, selbstherrliche Lösung der in Gärung befindlichen kulturellen Fragen eine völlige Zersplitterung eintreten. Die Forderung nach friedlichem Zusammenarbeiten, mit der auch Rosenseld schließt, gilt in gleicher Weise für die Beziehungen zwischen Polen und Juden wie für die Juden untereinander. Hoffen wir, daß es dem Wirken der nicht geringen Zahl weitsichtiger Politiker des neuen Polens gelingt, der ostjödischen Bevölkerung die Anerkennung als gleichberechtigte Glieder des gemeinsamen polnischen Vaterlandes nicht nur nach dem Buch-

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