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KC-Blätter · 1917-01-01 · Heft 15 (Januar 1917) · p. Seite 816

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Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15 (Januar 1917)
Date
1917-01-01
Page
Seite 816 (sequence 30)
Language
German
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8f6 Vergangenheit und Gegenwart zusammengestellt wird, läßt einen allzugroßen Optimismus für die nächste Zeit nicht aufkommen, deckt vielmehr die östliche Welt der Gegensätzlichkeiten in ihrer ganzen Engherzigkeit auf. Die Schrift Rosenselds ist, wie dies schon der — für die jüdisch-nationale Sache sehr rührige — Verlag R. Löwit vermuten ließ, vom jüdisch-nationalen Standpunkte geschrieben. Diese Grundlage mag die Arbeit für alle diejenigen, die in den Grundanschauungen von dem Verfasser abweichen, schwerer genießbar machen,' dennoch verdient das, was an zuverlässiger Sachkenntnis und an scharfsinnigen Beobachtungen in dieser Schrift niedergelegt ist, weitgehendes Interesse und in der Hauptsache auch volle Zustimmung: Denn wir deutschen Juden haben uns längst daran gewöhnt, die Juden des Ostens mit besonderem, den östlichen Verhältnissen anqepaßten Maßstab zu beurteilen. Wir wissen sehr wohl, daß die Stellung der Ostjuden zu der andern Bevölkerung ihrer Heimat grundverschieden ist von unser» Beziehungen zu den andern Deutschen und zur deutschen Kultur. Während es uns deutschen Juden — wenigstens in ihrer Mehrheit — ein selbstverständliches Empfinden ist, daß wir kulturell und national durch Jahrhunderte gemeinsamen deutschen Erlebens dem deutschen Volkskörper als gleichwertige und gleichartige Teile eingegliedert sind, ist es uns für die östlichen Verhältnisse eben so unzweifelhaft, daß die Ostjuden den Polen, Ruthenen usw. nicht nur in religiöser Hinsicht, sondern auch in Sprache, Kultur und nationaler Art durchaus als „Juden" gegenüberstehen. Für die praktische Politik der Gegenwart muß diese Feststellung des „Andersseins" genügen, um uns alle zusammenzufiihren zum Eintreten für das Recht der ostjüdischen Minderheit, ihre weitere Entwicklung in Kultur, Sprache und Nationalität nach eigenem Ermessen, frei von jeder gewaltsamen Entwicklung der übrigen Bevölkerung zu bestimmen. — In dem ersten Teil seiner Schrift, einer geschichtlichen Neberschau, spürt Rosenfeld in der Geschichte der letzten hundert Jahre den Beziehungen zwischen Polen und Juden nach. Ebenfalls davon ausgehend, daß „die Lage der Juden in den Provinzen der ehemaligen polnischen Republik, in denen die Juden als kompakte Massen leben, als historische Folge der sozialen und wirtschaftlichen Tatsachen zu betrachten sei, die in der Republik Polen bis um die Wende deS 19. Jahrhunderts vorherrschend gewesen seien", „daß die heutige Schwierigkeit der polnischen Judenfrage so alt sei, wie die Schwierigkeiten und Nöte deS alten polnischen Staates", betrachtet Rosenfeld vor allem die Entwicklung der Dinge in Galizien, seitdem es unter Österreichs Herrschaft ist. Als warnendes Beispiel, wie es jetzt nicht werden darf, wird gezeigt, wie in Galizien, alsdieösterreickischeRegierung 1848 von ihrem bisherigen „zentralistischen, germanisatorischen Kurs" abließ, die Majoritätsnation des Landes, die Polen, ihre Macht dahin ausgenutzt haben, daß den Juden, obwohl ihnen verfassungsrechtlich jede Freiheit zuqestanden war, durch eine eaoistischungerechte Verwaltungspraxis die Gleichberechtigung weiter vorenthalten blieb. Unter der Assimilation, die man dort von den Juden verlangte, wurde nicht ihre kulturelle und wirtschaftliche Förderung und Eingliederung verstanden, sondern eine „national-politische Annexion", „nationale Bedrückung mit dem Zweck, sich politische Vorspanndkenste leisten zu lassen" und „mit Hilfe der jüdischen Hörigen daS polnische Uebergewicht über die Ruthenen zu bemerkst elliaen." Die nun folgenden Ausführungen über die „politischen Führer der Juden" werden in ihrer einseitigen, scharfen Form nicht weiter wundernehmen, wenn man die allgemeine oppositionelle Note der jungen jüdisch-nationalen Bewegung berücksichtigt und ihre allerorten gegen die nicht national-jüdisch gesinnten Führer der Judenheit beliebte Kampfesweise. Man wird deshalb dem Verfaffer wabrlich nickt aufs Wort zu glcuben brauchen, daß den bisherigen Vertretern der jüdischen Bevölkerung im Osten, insbesondere in Galizien, „daS eigene nackte Interesse höber gestanden habe als das der jüdischen Gemeinschaft, die lange Zeit mundtot gewesen fei." Eine andere Frage mag eS sein, ob man fachlich die Handlungsweise der früheren Führer nicht als unbeständig und kurzsichtig zu beurteilen hat, ob nicht in jedem Falle, sowohl jene Politik der unbedingten polnisch-nationalen als auch der deutschen zentralistischen Gefolgschaft, unter den gegenwärtigen neuen Verhältnissen einer Nachprüfung zu unterziehen ist. Doch überlassen wir diese besonderen innerpolitischen Fragen ruhig denen, die sie unmittelbar an gehen, insbesondere für Galizien also unfern österreichischen Glaubensbrüdern — Rosenfeld und seinen in diesen Fragen auch heute noch sicher nicht unbeträchtlichen Gegnern. — Im Rahmen der Arbeit ist eS immerhin auch uns nicht interessant, die Stellung der Jüdisch- Nationalen zu den innerpolitischen Einzelheiten zu hören, ebenso wie es auf der andern Seite als Ergänzung wertvoll wäre, auch einmal die abweichenden Ansichten der übrigen bewußtjüdischen, aber nicht national-jüdischen Kreise in ausführlicherer Begründung als bisher kennen zu lernen. Besonders wichtig erscheint mir der zweite Teil der Schrift, der sich mit den „Tatsachen

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