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KC-Blätter · 1917-01-01 · Heft 15 (Januar 1917) · p. Seite 815

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Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15 (Januar 1917)
Date
1917-01-01
Page
Seite 815 (sequence 29)
Language
German
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815 so versieben wir zugleich, dost als Folge dieser wirtschaftlichen Feindschaft bis aufs Messer eine innere Annäherung ausgeschlossen war. dast vielmehr gerade umgekehrt segliche innere und äustere Verschiedenheit gegen die Juden als Vorspann im Konkurrenzkamvf ausqenutzt wurde, um sie politisch und gesellschaftlich und damit auch wirtschaftlich in die Ausnahmestellung des Schwächeren zu drängen und in ihr zu erkalten. Dieser Kampf ums Brot verhinderte, dast die Ostjuden sich in den Volksorganismus ihrer Heimat eingliederten. prägte vielmehr alle bestehenden Unterschied nicht nur auf religiösem, sondern zugleich kulturellem Gebiete um so schärfer aus. je mehr sich die wirtschaftlichen Gegner in den unglücklichen Kamps verbissen. Bei der Prüfung derFrage, wie dem Elend der Ostjuden zu steuern ist. erörtert Ehrlich kurz den Zionismus, dem er als kolonisatorischen Bewegung Sympathie entgegenbringt, mit dem er aber nur für einen Bruchteil der Ostjuden, nicht für die Länder des Ostens, eine Lösung der arosten Fragen für möglich hält. Der Vorschlag Ehrlichs geht dahin, dast man eine Grostindustrie zu schaffen habe, die in den reichen, bisher ungehobenen natürlichen Schätzen der östlichen Länder ihre sichere Grundlage, m den Ostjuden ein „austerordentlich, intelligentes, arbeitsames, nüchternes Arbeitermaterial" finden werde. Auf einzelne feine Bemerkungen des Verfassers, insbesondere über die Kriminalität der Juden, über die Beziehungen der Ostjuden zum Deutschtum, über die „verhängnisvolle historische Rolle," die der deutsche Antisemitismus, „der nicht sehr gescheite Studentenulk," im Osten gespielt habe, indem er durch Zurückweisung der deutschen Kultur nahestehender Maffen die Deutschen um eine Einflustsphäre gebracht habe, die einst vom Böhmerwald bis Odessa reichte, auf alledies kann hier nur allgemein verwiesen werden. Was Ehrlichs Schrift die besondere Bedeutung verleiht, ist, dast sie in besonders klarer, folgerichtiger Gedankenführung den einzig möglichen und vorwärts führenden Ausgangspunkt für eine Gesundung der so ungeheuer schwierigen Verhältnisse des Ostens weist. Lasten wir den Streit und die Sorge darum, wie man Kultur, Nationalität, Sprache der Ostjuden zu werten hat! Gewiß, man soll und darf den Ostjuden nicht andere, ihnen fremde Sitten und Gewohnheiten auf Kasten der ihnen vertraut und ehrwürdig gewordenen Gebräuche und Lebensformen aufzwingenihr Widerstand gegen solche Vergewaltigung verdient schon um der Wahrung ihrer persönlichen Freiheit willen unsre volle Sympathie. Im übrigen aber mag die Zukunft zeigen, was von alledem, was man heute als die Aeußerung allgemeiner jüdischer Art und jüdischen Geistes hinzustellen sich belleistigt. lediglich Frucht und Folge wirklichkeitsferner Getthobeschränkung ist und was ans sich selbst heraus dauernden Bestand haben kann. Alle diese Interessen sind untergeordneter Natur gegenüber dem Brennpunkt der ganzen Ostiudenfrage: der Sorge um die wirtschaftliche Zukunft der Ostjuden, überhaupt um die wirtschaftliche Entwicklung der polnischen Landesteile. Bon neuem, wohl zum allerletzen Male, ist Polen vor die Frage gestellt, ob man im friedlichen Zusammenwirken mit den 5>uden alle Kräfte zusammensaffen will zum wirtschaftlichen Ausbau des Landes, zur behutsamen, im allgemeinen sozialen Geist betriebenen Lösung der selten verworrenen Wirtschaftsprobleme, oder ob man sich weiter in Gefährdung des Staatsganzen in die Sackgasse des wirtschaftlilben Kampfes unter nationaler und religiöser Verhetzung verrennen will. Es ist dringendes Gebot der Stunde, diesen sozial-politischen Kern der gesamten ostjüdischen Probleme zu erkennen, Klarheit darüber zu gewinnen, dast es darauf ankommt, in den Ländern des Ostens durch weitblickende, jede Engherzigkeit meidende wirtschaftlichen Mastnabmen Land und Leuten in gleicher Weise aus wirtschaftlichem Ruin zum Ausstieg zu verhelfen. Ein wirtschaftlich blühendes Polen dürfte Raum genug für alle haben. In diese Betrachtung klingt auch Ehrlichs Vortrag aus: „Und so glaube ich, daß die Sozialpolitik auch hier eine andere Aufgabe hat, als das öde Geschimpfe und sonstiges „Bekämpfen". Nicht bekämpfen, sondern die Kräfte erziehen und verwerten, das ist ihre Aufgabe ... Es ist eine traurige Lehre, die noch auf die Zeiten zurückgeht, da der Mensch ein Raubtier war, daß es einem nur gut gehen könne, wenn es einem andern schlecht geht, dast jeder Reichtum nur durch Raub oder Diebstahl. Wucher oder Betrug begründet werde. Wirtschaftlich ist der Reichtum des einzelnen ein Teil des Volksreichtums. und lohnende Arbeit für den einzelnen bedeutet Wohlstand für alle." II. Wie weit man freilich von solcher Einsicht in den polnischen Ländern noch entfernt ist, das zeigt Rosenfeld in seinen „zeitgemäßen Betrachtungen" über „Polen und Juden."*) Seine Schrift wird in den Ankiindigungen als das jüdische Rotbuch zur Iudenfrage bezeichnet, das die Antwort gebe auf die brennende Frage der ftidischen Gegenwart: Was haben wir Juden vom Königreich Polen zu erwarten? Und in der Tat, was hier an reichem Material aus *) „Polen und Anden." Zeitgemäße Betrachtungen von vr. Max Rosenfeld. 1917. R. Löwit Verlag, Berlin und Wien.

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