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KC-Blätter · 1917-01-01 · Heft 15 (Januar 1917) · p. Seite 814

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Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15 (Januar 1917)
Date
1917-01-01
Page
Seite 814 (sequence 28)
Language
German
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814 Katastrophen Luft machen.... Für die Völker des Ostens, für die Polen, Südrnssen, Ruthenen, Rumänen und teilweise auch für die Ungarn handelt es sich um Leben oder Tod. Gelingt es ihnen, die Iudenfrage zu einer friedlichen und gedeihlichen Lösung zu bringen, dann steht ihnen eine Zeit wirtschaftlicher und kultureller Blüte bevor, die nichts nachgibt der höchsten Blütenentfaltung irgend eines andern Volkes der Welt. ... Gelingt ihnen diese Art der Lösung der Judensrage nicht, dann zweifle ich nicht daran, daß sie sich daran verbluten. Die fortwährenden Kämpfe und Stürme, wilden Ausbriiche und ohnmächtigen Zuckungen werden für absehbare Zeit der wirtschaftlichen Entwicklung den Weg verlegen, das politische und gesellschaftliche Leben vergiften." Dieses vorausschauende Urteil aus dem Jahre 1909 ist der Grundgedanke eines damals gehaltenen Vortrags des Professors der Universität Czernowitz*) Dr. Eugen Ehrlich, der an sich den besonderen sozialpolitischen Aufgaben der Bukowina gilt, aber über diesen engen Rahmen hinaus durch die scharfsinnige Klarstellung des gemeinsamen wirtschaftlichen Kerns der großen Probleme des Ostens und durch sein vorurteilsfreies, historisch wertendes Urteil grade heute von allen denen beachtet werden sollte, die bei der praktischen Ausgestaltung der Dinge im Osten mit Rat oder Tat Mitwirken. Je mehr wir deutschen Juden uns in die Dinge des Ostens vertiefen, je gründlicher wir unS auf Grund eigener unmittelbarer Erfahrungen und an der Hand der wohl unterrichteten Werke, Schriften und Aufsätze mit den grosten politischen, kulturellen und sozialen Fragen vertraut machen, vor welche die polnischen Landesteile gestellt sind, um so klarer kommt uns wohl allen von Tag zu Tag zum Bewußtsein, daß der Angelpunkt der gesamten Probleme in der durch die Geschichte bedingten ungesunden Gliederung jener Länder zu suchen ist, daß alle Gegensätze — nicht zuletzt die nationalen, kulturellen und religiösen — vom Wirtschaftsleben aus zu verstehen und zu mildern sind. Diesen Kern der Osijudensrage wie überhaupt der Fragen des Ostens entwickelt Ehrlich an dem besonderen Beispiel der sozialen Verhältniffe der Bukowina. Die Westjudenfrage kennzeichnet er treffend als „eine aus parteipolitischen Gründen künstlich aufgebauschte Sache", als „ein so kleines, unscheinbare», bedeutungsloses Problem, daß man nur über die Menge des Staubes staunen muß, die sie aufgewirbelt hat." Anders die *) Dr. Eugen Ehrlich, die Aufgaben der Sozialpolitik im österreichischen Osten (Juden- und Bauernfraae.) Heft 1 der Schritten des Sozialwissenschaftlichen Akademischen Vereins in Czernowitz. 4. Aull. 1916. München und Leipzig, Verlag von Duricker u. Humblot. Fudenfrage im Osten, deren ungeheure Bedeutung Ehrlich schon damals nicht genug betonen konnte. Bei allen denen, die ohne Parteiegoismus und ohne Sonderziele sich der Lösung dieser Probleme widmen, wird Ehrlich unbedingt Zustimmung finden, wenn er betont s Vorrede zur 4. Ausl. S. 6j: „Man wird es nunmehr den östlichen Juden selbst überlaffen müssen, wie sie sich national stellen wollen: ob sie noch eine Annäherung an das Deutschtum suchen werden, ob sie sich zu einer eigenen Nation ausgestalten oder mit den Völkern, unter denen sie wohnen, verschmelzen." Worauf es ihm jetzt ankommt, ist, daß man die Juden des Ostens, die sich in einer „wirtschaftlichen Katastrophe befinden, sozialpolitischer Fürsorge teilhaftig werden lasse, daß man sich um ihre wirtschaftliche Lage kümmere. Ehrlich erörtert die besondere wirtschaftliche Stellung der Fuden im Osten, die „nicht das Geringste mit ihrer Raffe oder Abkunft zu tnn" Habens sondern „sich aus der wirtschaftlichen Entwicklung, aus der rechtlichen Lage, in der sie sich in den vergangenen Fahrhunderten befunden haben, auS den Zurücksetzungen, die sie erlitten haben, und sogar den Privilegien, die ihnen zugestanden worden sind, ergab." DaS Gesetz des ökonomischen Rollenwechsels, wie eS Zollschan in seinem „Raffenproblem" für die Juden feststellt (freilich dort in der auch auf die westeuropäischen Berhältniffe sich erstreckenden Verallgemeinerung und in dem übertriebenen Peffimismus der daran geknüpften Folgerungen unzutreffend), finden wir in den Darlegungen Ehrlichs für die Ostjnden bestätigt: Ueberall im Osten sehen wir, wie die Juden ursprünglich als wirtschaftliche Helser ins Land gekommen sind, um empfindliche Lücken des volkswirtschaftlichen Organismus zu füllen, wie sie durch ihre hefruchtende Arbeit — die Emporhebung des Wirtschaftslebens zum entwickelten Geld- und Tauschverkehr — der neuen Heimat zum Fortschritt verhelfen, wie aber dann, je mehr die wirtschaftliche.Kraft des Landes erstarkt, jeder rechtliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fortschritt gerade auf ihre Kosten geschieht, indem sie aus ihren alten Stellungen immer mehr hinausgedrängt und in ihrer Bermittlertättgkeit entbehrlich gemacht werden. Fügen wir noch hinzu, was vielleicht in dem von den Verhältnissen der Bukowina ausgehenden Vortrag Ehrlichs zu kurz kommt, daß die wirtschaftliche Existenzmöglichkeit der Ostjuden zugleich durch die immer zahlreicher und mächtiger werdenden Mitbewerber aus der nichtjüdischen Bevölkerung untergraben wird, durch jenen Kamps auf Leben und Tod, der von dem sich allmählich bildenden polnischen Mittelstand dem unbequemen, überlegenen jüdischen Händler und Handwerker angesagt worden ist,

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