KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15 (Januar 1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 811 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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811 Aus alledem klingt nicht das „ich muß" sondern das „ich will!" „Ich will freudig und gern." So kann aber nur denken und schreiben, wer da weiß, wofür er kämpft und daß es fein Eigen ist, was er verteidigt, und daß es ihm lieb und wert genug ist, sein Leben dafür herzugeben. Wofür? Deutschland kämpft für sein Recht und seine Kultur. Und die deutschen Juden? Hier ist ein Prüfstein. Manches trübt freilich den Blick, vieles sät Mißmut. Aber vor dem einen können wir unsere Augen nicht verschließen: die deutsche Kultur ist auch unsere Kultur. Die deutsche Zivilisation ist auch unsere Zivilisation. Das bedarf keines Beweisesnur hingewiesen soll sein auf die Reihe der Dichter von Hans Sachs bis Klopstock und Lessing, von Goethe und Schiller über Novalis und Heine bis zu den Brüdern Hauptmann; auf die Reihe der Denker von Meister Eckhard bis Kant, bis Schopenhauer oder Nietzsche. Mancher von uns hat in Leipzig Wilhelm Wundt selber sprechen hören. Fragen wir uns, was wir davon lieben, was wir nicht als Fremdes ansehen wollen noch können, — wir erkennen es als das Unsere an! In der wissenschaftlichen, philosophischen und künstlerischen Kultur der deutschen Nation, in Deutschlands Handel und Industrie, auf allen Gebieten deutschen Geistes- und Wirtschaftslebens finden sich Vertreter des Judentmns. Namen wie Hermann Cohen, Israels, Paul Ehrlich, Max Liebermann, Max Reinhardt, Ballin und viele andere sind bekannt. Da ist auch deutsche Wissenschaft und Kunst, deutsche Zivilisation, deutsche Kultur. — Und ist doch auch die Unsere! Kultur ist Menschenwerk. Deutsche Kultur das Werk der Deutschen, der Unfern, Aber nicht nur das ist Kultur, was uns die Unfern gabennicht nur die geschaffenen Werke und Werte sind Kultur-Werke und -Werte. Die Werke behüten, die Werte bewahren, das Geschaffene verteidigen, gesunden Boden schaffen und pflegen, daß neuem Sprießen der Boden reif sei, das bedeutet kultivierendas ist auch Kultur. Was anderes aber tun die deutschen Heere als dieses? In diesem Sinne ist der Verteidigungskrieg ein Kulturwerk der deutschen Soldaten, der jüdischen Soldaten, auch der Soldaten vom K. C. Sie schaffen es im Geiste und mit dem Geiste, der sie erzogen und gebildet hat. Uns erzieht und bildet der Geist unserer Zeit, die Sitte unserer Zeit, das Recht unserer Zeit. Das aber ist der Geist deutscher Kultur, deutscher Sitte, deutschen Rechtes. In diesem Geiste und für diesen Geist führen die Soldaten den Krieg- So verknüpft er von neuem die deutschen Juden mit dem deutschen Volke und schmiedet sie mit ihm von neuem zusammen zu unlöslicher Gemeinschaft in Sitte, Recht und Kultur durch die Gemeinschaft des eigenen Lebens und Erlebens. So lehrt der Krieg unsere Tendenz bezüglich der vaterländischen Gesinnung, bezüglich des Bewußtseins, daß der deutsche Jude zum deutschen Volke gehört, daß er ein Teil des deutschen Volkes ist. Wie aber erzieht der Krieg zum selbstbewußten Judentum? Hierüber allgemein zu sprechen, gestattet vielleicht der Rückschluß auf die Allgemeinheit von konkreten Erscheinungen, die eine solche Erziehung erkennen lassen. Solche konkreten Erscheinungen treten da auf, wo der K. C.-er, der Jude, als solcher gekannt wird. Da ist es oft hier der Name, dort sein Aeutzeres, was ihn seinen Kameraden, Untergebenen oder Vorgesetzten als Juden kennzeichnet, wenn er nicht ohne dieses als Jude bekannt ist im guten oder schlechten Sinne. Es ist zur Genüge bekannt, was oft dem einzelnen dieses Gezeichnet-sein beim Militär bedeutet. Der Antisemitismus wurzelt noch sehr tief in Preußen. Und die Folge? der Jude weiß: ich gelte als Jude bei denen, die dem Juden Mut, Tapferkeit, edle Charaktereigenschaften absprechen wollen. Da stachelt das Wissen um den Antisemitismus. Dem Stachel die Spitze zu nehmen, gäbe es zwei Wege: das Objekt nehmen, oder die Spitze zerschlagen. Der erste Weg ist nicht begehbar. Keiner saßt ihn ins Auge. Keiner denkt daran. Um so mehr an den zweiten: den Stachel zerschlagen! Zeigen, daß das Objekt wohl da ist, daß die Vorurteile aber haltlos, die Vorwürfe unbegründet sind. Nicht jedem bietet sich vielleicht die Gelegenheit, dieses zu zeigen. Aber — das lesen wir aus den Briefen unserer Kbr. Kbr., das hören wir aus ihren Erzählungen, das sehen wir an ihren Taten! — Jeder, dem sich die Gelegenheit bietet, benutzt sie. Keiner scheut sich als Jude zu gelten. Sie wünschen es. Bewußt stellen sie ihr Judentum zur Schau, weil sie wiffen, daß sie ihre Pflicht erfüllen als deutsche Soldaten und Männer, daß ihnen kein begründeter Vorwurf gemacht werden kann. So ist es vielen jüdischen Soldaten ergangen, die in Friedenszeiten in ihrem Alltagsleben wenig von Anttsemitismus gewußt, nichts von ihm verspürt haben, daß ihnen als Soldaten zum ersten Male ihr Empfinden mit diesem Gifte infiziert wurde, daß ihrem Denken da ein Peitschenhieb