KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15 (Januar 1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 808 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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808 die der jüdische Gedanke immer mehr an Reinheit einbüßt. So etwa scheint sich Buber die Dinge vorzufteüen. Hier aber liegt die tiefe Differenz zwischen Martin Buber und Hermann Cohen. Und wenn Buber in seiner zweiten Entgegnung Cohen den Vorwurf macht, er habe an ihm vorbeigelesen — unb geredet, so hätte, mir scheint eS wenigstens so, mit weit größerem Recht ihm selbst der Borwurf gemacht werden müssen, daß er von Beginn an in der Klarstellung deS Fundamentes seine- Problemeseinem Gegner ausgewichen ist. Während Cohen mit aller Schärfe dartut, waihm und seiner Richtung da- Judentum ist, läßt Buber für sich diese Frage offen, bemüht sich aber auch nicht im geringsten zu beachten, daß hier in der Grundlage die eigentliche Differenz liegt. And wenn er sich in seinen späteren Ausführungen immer mehr von dem Kern der Cohenschen Worte entfernt, so m uß er danotwendigerweise, weil er, ohne recht- und links zu schauen, sich nur innerhalb der Bahnen bewegt, die seine eigenen Gedankengänge ihm vorschreiben. Ja, im Ausgangspunkt der beiderseitigen Betrachtungen liegt die Gegensätzlichkeit verborgen, nicht im Ziel. Das ist die Differenz: Dem einen ist da- Judentum ein religiöses, dem anderen ein nationales Gebilde. Das gemeinsame Ziel aber ist: Erhaltung deS Judentums. Ist daS Problem nun wirklich so einfach und harmlos? Zwischen den beiden Ausgangspunkten und dem einen Ziel liegen die voneinander getrennten Wege. Und weit, weit ist die Entfernung zwischen ihnen. Die aus dem einen Wege wandern, sehen nicht die, die die andere Straße ziehen; und daher wißen sie auch nicht, daß sie dem gleichen Ziele zustreben. DäS ist auch der Vorwurf, den wir gegen Martin Buber erheben. Er sieht nicht oder will nicht sehen, daß auch wir das Judentum wollen, Und dieser Wille ist bei uns nicht weniger stark als bei den anderen. Vielleicht tritt er nur nicht so sehr in die Ersche nung. Uns ist das Judenrum ein natürlicher, selbstverständlicher Begriff, den andern aber etwas Neues, etwas, das erst gestaltet werden muß. Das Werdende pstegt stetmehr Aufmerksamkeit auf sich zu lenken als daß schon Seiende. Dann aber sind wir nicht nur Juden, sondern wir sind Juden und Deutsche. Martin Buber sagt: „Jeder wahrhafte Jude ist auch im innerlichsten Sinne unterwegs." Cohen entgegnet: „Mit diesem einen Worte allein ist unsere ganze Kulturdifferenz gekennzeichnet. Der Zionist ist unterwegs. Wir aber »vollen durchaus überall nur daheim fein und immer mehr unheimisch machen." Dagcgenlwendet sich wieder Buber, indem er u. a. sagt: „Jene versichern etwa den Deutschen, sie seien nicht anderals sie, um nicht als fremd zu gelten. Wir aber sagen aus, daß wir anders sind und dürfen als eine Wahrheit unserer Seele, die niemand verkennen kann, hinzufügen, daß wir nicht fremd sind .... Wir hängen uns nicht bei den anderen ein, aber wir grüßen sie, wie nur die grüßen können, die nach dem Ziele wandern: Freunde, wir sind unterwegs, um unsertwillen, um euretwillen — um deS Heils willen." Wir aber sind bier daheim und wollen unS immer mehr heimisch machen. Wenn wir sagen, wir find Deutsche, so hängen wir unS nicht bei den anderen ein, um ihnen als etwas zu erscheinen, was wir nicht sind. Wir müssen Deutsche sein, weil wir in das Deutschtum hineinqeboren sind. Nicht haben wir die Wahl, ob Deutsche oder Juden. Nicht können wir unS entscheiden, ob wir unS lieber dem einen oder dem anderen zuneigen, oder ob eS gar dem Deutschtum nützlicher sei, wenn wir als Deutsche leben, oder dem Judentum vorteilhafter, wenn wir unS ausschließlich ihm zuwenden — (auch auS derartigen Motiven werden die „Entscheidungen" getroffen.) Kraft unserer Geburt sind wir Deutsche und Juden. Und wir wollen auch beides sein. Das schließt nicht auS, daß wir in manchem anders sind, als die nichtjüdifchen Deutschen. Spuren jahrhundertelanger besonderer Entwicklung hinwegleuqnen zu wollen, würde widersinnig sein. Wir haben sogar guten Grund, uns manche Eigenart sehr lange und möglichst für alle Zeit zu erhalten. — An unserer Zugehörigkeit zum Deutschtum vermag auch die Tatsache nichtzu ändern, daß uns nicht wenige Deutsche auS ihrer Gemeinschaft auS. schließen wollen. Es kommt nicht daraus an, waS die, die unS übel gesinnt sind, auS unS machen wollen, sondern allein darauf, waS wir sind. Ein anderes Bild: Die halbe Welt nennt unS Deutsche heute Barbaren, Hunnen, kultur- und sittenlos. Keinem vernünftigen Deutschen fällt es natürlich ein, auch nur im entferntesten zu glauben, daß die Gegner recht haben. Je mehr die anderen schreien, um so stärker sind wir vom Gegenteil überzeugt. DaS möge unS Juden eine Lehre fein. Mögen die anderen noch fo laut rufen, wir feien keine Deutschen; wir wißen, sie haben unrecht; wir find Deutsche, weil wir Deutsche sein müffen und unS als Deutsche fühlen. Denn auch auf das Gefühl der Zugehörigkeit zum Deutschtum ist Wert zu legen. Auch dieses Gefühl kann nicht durch Anfeindungen beeinträchtigt werden. Nicht kann natürlich verlangt werden, daß wir gerade die Menschen, die unS befehden, lie-