KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15 (Januar 1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 803 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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803 □ Vücher- und VlSt t erschau. Bin Gorion. Der Born JudaS. Erster Band. Voy Liebe und Treue. Leipzig, Jnsel-Berlag. Ein Born, aus dem die Legenden, Märchen und Erzählungen unseres Volkes in ungetrübter natürlicher Kraft quellen und sprudeln, um unsere durstige jüdische Seele zu erfrischen. Wir bedürfen eines solchen belebenden Trunkes, der aus den Tiefen des geheimnisvollen, unter fremden Schollen vergrabenen Wurzelbodens geschöpft wird. Gerade heute fühlen wir es stärker als je, wie unlöslich wir verwachsen sind mit unserer jüdischen Vergangenheit; es drängt uns, hier zu schürfen und zu graben, um uns am Anblick der verborgenen Schätze zu ebenen, die wir im stürmischen Drange der Zeit verloren haben. Erst muß wieder eine fremde Hand sie uns reichen, dann stehen wir und staunen ob des Reichtums, den wir besessen aber vergessen. Ein jüdisches Märchenbuch! Ein Buch für stille, friedvolle Stunden, das schlicht und anspruchslos mit uns plaudern will. Wir greifen danach von Zeit zu Zeit, wenn wir eines Ruhepunktes bedürfen. Keine spannenden, hetzenden Sensationen, die uns den Atem rauben, schlichte Erzählungen sind's, aus den Kindertagen uns bekannt, aber weil oft allzu bekannt, nicht mehr gewertet. Wie gerne erfreuen wir uns an den Märchen fremder Völker, den nordischen und griechischen Sagen, dem duftigen Schleier, mit dem Tausendundeine Nacht uns umwebt, hier haben wir, von unserem eigenen Blute geschaffen, einen Kranz von Poesie, tiefer Lebens- und Gottesweisüeit, schlichter Volkskunst und Ueberlieferung, die sich gleichwertig neben alle die andern stellen darf. Keine künstliche und gekünstelte Erzählungsweise tritt uns entgegen, sondern einfach schlichte, treue Uebersetzung und Bearbeitung in leicht leserlichem, würdigem Deutsch. Der Reiz des Originals ist nicht verwischt, unserer Muttersprache aber auch keine Gewalt angetan. Die Geschichten sind geschöpft aus Bibel und Talmud, wie auch aus den unbekannteren Werken des altjüdischen Schrifttums und schließlich aus dem lebendigen Strom, der im Volke lebt und bis zum heutigen Tag von einem Geschlecht dem andern überliefert wird, im Lehrhaus und im Kreis der Familie, wo die fromme Großmutter den Enkeln Märchen erzählt, die sie einst von ihrer Ahne vernommen. Von Liebe und Treue handelt dieser erste Band des ganzen, großzügig angelegten Werkes. Liebe und Treue im Sinne des alten Judentums, das sinnenfroh, natürlich und auf der Erde wurzelnd ein Anschmachten und Verhimmeln des Weibes im Sinne der Minnesängerliebe und Nibelungentreue nicht kennt. Am ehesten erinnern die Erzählungen mit ihrer freien, oft derben Art an die Novellen Bocaccios. Aus dem Gedankenkreis des alltäglichen Lebens und der Umwelt geschöpft verhüllen sie nicht die natürlichsten Dinge mit dem lüsternen Schleier. Der rote Faden, der sich durch all die Mären zieht, ist der jüdische Gedanke von der Sittlichkeit, die Gotteserkenntnis bedeutet. Die Reinheit der Frau und des Mannes, die Beherrschung der Sinnentriebe, die schranken, lose Hingebung an den Willen Gottes, das ist das Höchste, das Ziel, nach dem der Mensch streben soll. Wenn er diesem Gebot der Sittlichkeit folgt, dann findet er seinen Lohn, wenn nicht auf Erden, so im Jenseits,' wo die ausgleichende Gerechtigkeit nicht nach Rang uyd Stand und Reichtum fragt, sondern den Weisen rmd Gerechten an den goldenen Tisch setzt. Die Anordnung in dem Werke ist so getroffen, daß regelmäßig verschiedene Faffungen eines Mottos, wie sie auS mehreren Quellen sich ergeben, nebeneinander gestellt werden. Das ist für den Folkloristen, den, der jüdische Volkskunde und Quellenstudium treiben. will, unzweifelhaft von großem Wert. Aber für. den Leser, der sich nur erfreuen und erbauen wist und. unbefangen, genießen, wirkt es. leider oft störend und läßt das Interesse erlahmen Wenn der Verfasser um der Bollstärchigkeit willen und aus wissenschaftlichen Gründen diese .oftVUr verschwindend geringen Abweichungen nicht verloren gehen lassen will, so würde es sich vielleicht empfehlen, sie. in einem besonderen Supplementband am Schlüsse der ganzen Sammlung anzufügen,- für die kommenden Bände wäre es jedenfalls zu begrüßen, wenn sie sich auf möglichst geringen Umfang beschränkten. Besonders verdient noch hervorgehoben zu werden die künstlerisch vollendete geschmackvolle Ausstattung an Druck und Einband, die der Verlag dem Werke gegeben, hat. Es ist ein Buch, das als . Geschenk einem -jeden große Freude bereiten wird. Wir erwarten mit sehn», licher- Spannung des Erscheinen der weiteren Bände. Erwin Seligmann. Der Aufbau. Blätter für Suchende aller Bekenntnisse. SÄausgegeben von Paul Eberhardt. Erste Folge.' erlag Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha. Den Menschen, denen im grausigen Erleben unserer Zeit ihr religiöser Halt zusammengebrochen ist oder niederzubrechen droht, die in nagendem Zweifel mit dem Unglauben ringen, ihnen will dies Büchlein Stütze und Wegweiser sein zu einer neuen Religion, die aufdem Gedanken des Idealismus fußend, alle Konfessionen und Schranken der Bekenntnisse ablehnt und den Mensch; als solchen sucht. Unter anderem redet der Verfasser/ in unerschütterlichem Glauben an das Gute im Menschen von dem, was uns heute nottut, vom religiösen Erlebnis,von der Erfüllung, vom letzten Reich, von-dev Religion und dem Kriege. Wer ernst nach Selbstvervollkommnung strebt, dem werden diese Gedanken, fcifc in hinreißender Form und edler Reife vorgebracht sind, willkommener Trost und verläßlicher Führer sein.; Das Motto lautet: Wer Frieden im Kümpfe sucht/ ohne doch beiseite stehen zu wollen, findet ihn hier. Erwin Seligmarist o Judas Simon Jscharioth. Ein Roman aus eines Pölkes großen Tagen von Th. Kahle. Halle 1916. - Die Behandlung dieses Stoffes hätte einem Dichter besonderer Qualität Gelegenheit zu einem Zettgemälde im Stile des »Quo vad;s" von Sienkewicz gegeben» Dem Verfasser des vorliegenden Buches ist ein gleichwerttgeS Werk nicht geglückt. Seine Mittel-sind/einfacher Art, und auch ein angewandter Wortreichtum verbirgt nicht die Schwächen des Romans/- Sie liegen in dem Mangel lieferen psychologischen Eindringens und dertendenziösenBeurteilüng desZeitgeschehens begründet. Das Buch besitzt das ChristUswort: Der Geist M es, der lebendig macht, als Leitmotiv. Dem Helden des Romans, Judas Simon Jscharioth/ gereicht das Nichterkennen dieses Grundsatzes der Witksamkest Christi zum Verderben. Denn Judas Jschariothein Pharisäer mit seinen Vorzügen und Schwächen, dazu ein begüterter Handelsherr, sucht-seinen maßlosen Ehrgeiz um Macht und Ehre mit Hilfe des Erfolges der Prophetentättgkeit des vermeintlichen Messias zu befriedigen. Zu spät kommt es dem aus diesem Grunde anfangs begeisterten Anhänger Christ! zum Bewußtsein, daß sein Herr und Meister sein „Reich nicht zu einem dieser Welt" gestalten, sonderst einen geistigen: Bund stiften will, bei dem aufopfernde, selbstlose Mitarbeit alles, selbstsüchtigesStreben dagegen nichts gilt. So wird der von hochfahrenden Plänen und Zielen befangene Jünger zum Rächer und Verräter. Aber dem Abtrünnigen winken bei seinem