KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 14 (November 1916)
- Date
- 1916-11-01
- Page
- Seite 782 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2268830-2268902-2268904--1848-3523469- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Alltagssorgen den aus eigner, Straft sich emporringenden Sohn des Zigarrenarbeiters umdräuen, wenn gehässige Feinde und Verleumder den Jünger Pestalozzis zu Boden reisten wollen, wenn Zweifel an der eigenen Kraft den anfangs wenig verstandenen Künstler quäley, wenn endlich Nörgler und Mäkler in diesem Weltkriege das Selbstvertrauen des deutschen Volkes trüben wollen. So kann Otto Ernst auch in feiner Autobiographie, in der er sich selbst — in der Gestalt des ASmuS Semper — und der Welt, in der er kämpfte und wirkte, volle Gerechtigkeit widerfahren läßt, an der Judenfräge nicht vorbei. Mcht dah er in theoretischen Erörterungen über Raffenfragen sich ergeht, er verzeichnet nur genau die Erfahrungen, die er in seinen Kreisen, bei Künstlern und Kunstpublikum, mit Juden macht, und zieht gelegentlich im Gespräch mit einem Freunde das Resume daraus. Finden wir hier daher auch nicht die in unfern Augen zur vollen Würdigung des Problems unerlähli'che Darstellung der historischen Entwicklung jener Verhältnisse, die sich uns gegenwärtig als die „Judenfrage" darbieten, so kann uns doch das Ergebnis seiner Be« kenntniffe durchaus befriedigen. Die hohe Beteiligung der Juden an allem Kunst, und Theaterpublikum gereicht nach feiner Meinung „den Juden zu hoher Ehre". Gerechtfertigt ist dies UrteU nach den guten Erfahrungen sicher, die ASmuS Semper mit seinen jüdischen Freunden macht. Nie lästt ihn in schweren Stunden sein Freund vr. Jonathan Rosenberg im Stich, der, „auch Schul, meister und Poet dazu", die reinste Freude empfindet, wenn er, der Junggeselle, dem verheirateten Freunde in wirtschaftlichen Nöten einmal aushelfen kann. Gleich , ASmuS von der siegreichen Kraft des Guten durchdrungen, ermuntert er den noch wenig bekannten Freund, an die Oeffentlichkeit zu treten, verschafft ihm zunächst einen Vortragsabend in einem jüdischen Vereine und arrangiert ihm sodann einen eigenen öffentlichen Abend. — Die echteste Probe besteht aber RosenbergS Charakter bei der furchtbaren Hamburger Choleraepidemie. Da er Junggeselle ist, ist es ihm selbstverständliche Pflicht, in der Krankenpflege seine ganze Kraft einzusetzen. Durch Rofenberg hat ASmuS einen gleich vortrefflichen Freund kennen gelernt, den Prokuristen einer grohen Bankfirma und Dichter Salomon Freudenthal. „In bitterer Armut ausgewachsen, hatte er die Millionen seiner Chefs sich mehren sehen — ohne Neid, heiter lächelnd im Besche sichereren. Reichtums." Als Landsleute — sie stammen beide von der Waterkant — haben er und ASmuS sich schnell zueinander hingezogen gefühlt. Auch Freudenthal ist Opttmist und zerstreut mit seiner Zuversicht manche zweiflerische Sorge des Freundes. Dah er auch ein Dichter, „ein stillbescheidener, feiner Didaktiker von deutschem Rufe" ist, verrät er nur. „durch einen Zufall" bei seinem Jubiläum. So ist eS nicht verwunderlich, wenn ASmus seinem Freunde Dietrich Freiherrn von Löwenclau — ln dem wir unschwer einen der bedeutendsten modernen Lyriker erkennen — auf die Frage, ob er Antisemit sei, „beinahe das Gegenteil" versichert. Wohl macht ASmuS mit MischenLiteraten auch wieder schlechte Erfahrungen. Der Rezensent Aaron Baumblatt auS Tarnovol quittiert die Ablehnung eines seiner Schützlinge in dem von Semper geleiteten Ltteraturverein mit einer verhetzenden Kritik des Vereins. — Wegen „ErwischtwördenfeinS" bei plumpen Kritikplagiaren von der Redaktion seines Blattes entlasten, gründet er ein für den Lesepöbel berechnetes Hetzblatt, das mit möglichst unverschämten Ausfällen gegen angesehene Persönlichkeiten Sensation zu machen sucht. . Nicht viel über Baumblatt steht der Verleger Benjamin Hübscher. Dieser steinreiche Parvenü »macht? in Seife und -Literatur. Natürlich unter verschiedener Firma. Sein Verlag, seine Theater und seine Zeitungen bilden einen Literatur-Trust. Im Gespräche mit AsmuS über diesen „Kunstmacher" bezeichnet sich der Theaterdirektor Baron von Kvrbach als Antisemiten, „nicht mehr alS wir alle es sind". „Nun, ich," entgegnet ASmuS^ -Mache auf diese Bezeichnung durchaus keinen Anspruch. Ich werde eS immer für unedel halten, einen Menschen nicht nach seinem Ssönlichen Wert, sondern nach seiner Abstammung zu andeln." Die weiteren Ausführungen, so wenig ste, er, einem K. C er Neues sagen, sind doch immer wieder wertvoll auS dem Munde eines objektiven Beurteilers: „Die Juden befinden sich in einer Verteidigungsstellung, Staat und Gesellschaft versagen ihnen aewiffe Rechte. In unserer „Freien Stadt Hamburg", die doch so reich an grohen Zügen ist, finden Sie an den höheren Schulen keinen Juden. Und gerade ich kenne unter meinen jüdischen Freunden ein paar glänzende, wahrhaft ideale Schulmeister! Was ist natürlicher, als dah die Juden sich wehren, wie sie können? Wer sich wehrt, hat meine Sympathie. Wenn die Juden sich mit allen Mitteln wehren, z. B. durch eine niederträchtige Preffe - die niederträchtigste handhaben nicht sie! — so sollen wir die Augen aufmachen und uns nicht betrügen lasten. Haben wir doch soviel mehr Augen als sie!" — Und als der Dichter das Land der organisierten Unkultur, Ruhland, bereist und dort von Deutschen hört, dah jüdische Knaben, wenn ihre Mitschüler einen Ausflug nach einem anderen Ort machen, nicht teil, nehmen dürfen, weil sie den „Wohnort nicht wechseln" dürfen, da begreift er „an seiner eigenen Empörung, wieviel Hatz und Wut sich in solch einer jungen Seele zusammenbrauen must." Tiefes Verständnis zeigt er auch für die Seele Heinrich Heines, an besten Grabe. Kaum kann das Deutschtum dieses Dichters jüdischer Abstammung prägnanter und treffender gekennzeichnet werden: „Dieser Heine hatte schon 1810 die Franzosen eindringlich gewarnt, die schlummernde Riesenkraft Deutschlands zu unterschätzen, und hatte eine Auferstehung der deutschen Volksseele prophezeit. In den Zeiten tiefster nationaler Trübsal das deutsche Wesen mit so sicherem Blick und mit so froher Hoffnung erkennen, dazu gehörte mehr deutsches Herz als zu einem patriotischen Trinkspruch nach 1870. Und wer einen beginnenden Hebbel verstand und von einem Hebbel verstanden wurde, wer sich so gründlich in die Herzen Franz Schuberts und Robert Schumanns hineinsingen konnte, der muhte deutsch und ein Mensch und — ein verteufelt guter Musikant ge. wesen sein." Hier wird das anerkannt, was uns K.C.ern die Hauptwaffe gegen den Antisemitismus ist, die unlösliche Verknüpfung der deutschen Juden mit der deutschen Geschichte und. Kultur. Darum fühlen wir in uns bas Recht auf eine äutzerliche und innerliche Gleichberechtigung, und im unerschütterlichen Glauben an den endlichen Sieg des Rechtes wissen wir uns einig mit dem Dichteropttmisten Otto Ernst. Heinz Goldschmidt. I. L. Perez. Die goldene Kette. Das Drama einer chassidischen Familie. AuS dem Jüdischen von Siegfried Schmitz. - R. Löwit Verlag Berlin, Wien. 1917. In einer geschmackvollen Uebersetzung, die jede dichterische Feinheit des Originals wirkungsvoll wiedergibt, liegt die „goldene Kette" des grohen jüdischen Dichters Perez vor, ein Werk, das er selbst ein Drama nennt, daS aber in Wahrheit eine psychologische und religionSgeschichtliche Studie heißen sollte. Trotz der packenden Momente der Handlung, trotz ihrer Steigerung,