KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 14 (November 1916)
- Date
- 1916-11-01
- Page
- Seite 774 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Prüfung zur Pflicht macht. Von einem glücklichen Geiste war Jacob indessen bei der Wahl seines diesmaligen Standortes geleitet, indem er die Geschichte vom Verkaufe Josephs (Genesis Kap. 37) das eine Mal unter der Behandlung der Bibelkritik, das andere Mal im Lichte jüdischer cheologisch-wissenschastlicher Auslegung der gelehrten Welt wie an einem Schulbeispiel.vor Augen führt. Wer kennt nicht die Geschichte von Josephs Verkauf? Wem galten nicht gerade die Josephsgeschichten als ein Prachtstück der Erzählkunst, unübertrefflich in Anlage und Durchführung, in künstlerischer Seelenkunde? Und was hatte die Bibelkritik daraus gemacht! Ein verwirrendes Mosaik von teils echten, teils blinden Steinchen, ein Durcheinander der widersprechendsten Motive, der unvereinbarsten Namen, Zeitepochen und Sprachsttle; dies alles zusammengekittet durch einen geistlosen Kompilator, der allerdings mit seinem einzigen Streben, dem Leser Einheitlichkeit und Ursprünglichkeit vorzutäuschen, seit Jahrtausenden unbegreifliches Glück gehabt hatte. Wohl sind die Gelehrten dieser Zunft (Böhmer, Hupfeld, Schräder, Wellhausen, Dillmann, Kittel, Kautzsch, Cornill, Ball,Holzinger, Driver, Smend) kaum über einen einzigen Vers der gleichen Ansichteinig sind sie aber über die Unfehlbarkeit ihrer Methode: Auffindung möglichst weit von einander abweichender Quölenschriften nach den Merkmalen der Tendenz, des Sprachgebrauchs, der zeitlichen und örtlichen Herkunft. Diese Methode beseitigte zuletzt nicht mehr wirklich vorhandene Schwierigkeiten, sondern sie schuf sie) sie wurde oft ohne Not an jedes Bibelstück wie ein Folterwerkzeug angelegt) sie wirkte zuletzt, wie vr. Jacob treffend sagt, automattsch. Diese Methode ist es nun, der Jacob unbarmherzig zu Leibe geht. Er ist, wie nur ein zünftiger Bibelkrittker, mit allen ihren Geheimnissen vertraut: sprachliches Eindringen, Sttlgesühl, Tendenzschriftstellerei des Altertums; aber er bedient sich des wissenschaftlichen Rüstzeugs nicht einseitig zur zersetzenden Kritik, bei der man seinen eignen Scharfsinn leuchten und sich über dem zerpflückten Text seines Schriftstellers niederläßt, wie ein Scipio auf den Trümmern von Karthago.. Er beweist, daß Pietätlosigkeit gegen seine Vorlagen allein es freilich nicht tut, so wenig wie kritiklose Nachbeterei) vor allem aber befähigen ihn die Liebe und das Zugehörigkeitsgefühl zu derselben Welt, aus der die Bibel stammt, tiefer in ihre wahren Absichten einzudringen. Die Bibel selbst, so meint er, muß die Maßstäbe für ihre Exegese hergeben) alle Aeußernngen altisraelittschen Geisteslebens müssen M gegenseitig erklären und zu einem einheitlichen Bilde führen. Die dogmatisch bedingte Unterschätzung der mosaischen Gesetzgebung und somit oÄ ganzen altjüdischen Rechtslebens, wie Tora und Talmud sie widerspiegelnmuß für - den christlichen Bibelkrittker verhängnisvoll werden. Gerade vom Studium des Rechtslebens her gewinnt Jacob seine ersten und überraschendsten Ausschlüsse. Das Thema jenes 37. Kapitels der Genesis ist einMenschenverkauf, nach israelitischem Rechte ein Todesverbrechen. Lastet die Tat wirklich auf den Brüdern, oder setzt das Spiel der Vorsehung schon früher ein? Des Rätsels Lösung ist: Nicht die Brüder haben Joseph verkauft) sondern umherschweifende Midjaniter liefern ihn an eine vorbeiziehende Karawane von Kameltreibern (Jsmaeliten). Das ergibt der unverstümmelte Text. Auch wo Joseph selbst aus den Vorgang zurückkommt, spricht er das eine Mal davon, daß er (ohne Borwissen der Brüder) aus dem Lande der Hebräer (von Fremden) gestohlen worden sei) das andre Mal, in der Enennungsszene, erwähnt er den Verkauf durch ihre Schuld, aber in dem Sinne: ihr habt mich in die Fremde gegeben, ihr seid so mit mir verfahren, daß ich nach Egypten ausgeliesert wurde (Stammwort mkr wie in Esther, 7,4), aber Gott hat daraus eine Sendung nach seinen Absichten gemacht. Gott will die Brüdern nicht gänzlich schuldig werden lassen, und richtet es so ein, daß das, was sie tun, gesühnt werden kann .. Es ist eine göttliche Fügung (wie sie auch das Gesetz kennt), wenn der Dolus zur bloßen Fahrlässigkeit wird. „Gott läßt den anderweitig Schuldigen begehen, was er nicht wollte, und straft ihn durch die Folgen des Ungewollten für das böslich Getane und Gewollte.^ Neues Licht fällt nunmehr auf jeden einzelnen Zug der uralten Erzählung. Was Unvernunft bis zur Unkenntlichkeit übeinnalt hat, hier wird es sorgfältig bis auf die letzte Partikel restauriert, und das Bild erglänzt wieder in den Farben des Originals. Man fühlt sich angeregt, an der Hand unseres Exegeten, den Text zur Hand zu nehmen, und wird durch scharfsinnige Entdeckungen auf Schritt und Tritt überrascht. Da weidet Joseph, gleich im Anfang, nicht „mit" seinen Brüdern, sondern er weidet, d. h. versorgt als Bursche, diese selbst. Er bringt auch keine „üblen Reden" über die Brüder zum Vater, sondern deren böse Reden. Der Vater lieble ihn nicht als Sohn des Alters, sondern weil er ein Sohn war, wie ihn das Alter liebt, und er macht ihm ein Priester- (oder Königs-) kleid. Damit erweckt der Vater zuerst den Haß der Brüder; dieser steigert sich noch zweimal durch die Träume. Aber nicht verschiedene Motive zum Hasse weisen hier auf verschiedene Quellen hin, sondern durch dreimalige Erwähnung der Feindschaft wird ihre spätere Tat zur vorbedachten. Die Brüder Rüben