KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 14 (November 1916)
- Date
- 1916-11-01
- Page
- Seite 772 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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772 schöpfen. Sie werden uns die Grundpfeiler der, Persönlichkeit eines deutschen Juden und Gegen« stand eingehender Pflege auch dann sein, wenn die Beendigung des besonderen Kampfeunsere äußere Tendenz und damit die Betonung des an sich Selbstverständlichen, des Deutschtums und Judentums, nicht mehr erforderlich erscheinen läßt. Denn wir fühlen uns nicht deshalb als Deutsche und Juden, weil man uns unser DeutschtumabstreitetundunserJudentumschmäht, sondern «eil unser Herz dazu drängt. Aber wir hängen die Flaggen unserer Gesinnung auS, damit sie Freund und Feind ein Kennzeichen im Kampfe seien. Und dies so lange, als man an der Echtheit unserer vaterländischen Gefühle zweifelt, uns zu „Fremdlingen" in unserem Baterlande stempeln will, an die Stelle unseres aus dem tiefsten Grunde der Seele geschöpften Heimatempfinden den kalten juristischen Begriff der Staatszugehörigkeit setzen willso lange als man uns andererseits um unseres Judentums? willen verachtet und Unrecht widerfahren läßt, dieses Judentum selbst als verdammenswert bekämpft, solange schließlich, als wir auch zur Abgrenzung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft der Grenzzeichen bedürfen. Dann könnte also die Betonung der vater, ländischen Gesinnung und des jüdischen Selbst^ bewußtseins in der Tendenz wegfallen, ohne daß unsere Erziehungsaufgaben irgendwie hinfällig würden und ohne daß wir aufhören könnten, gute Deutsche und gute Juden zu sein. III. Die Pflege de- Deutschtum- und Judentumliegt uns aus dem Wege der Erziehung unserer Mitglieder zu Persönlichkeiten. Darin ruht nicht nur die Anerkennung des für uns Selbstverständlichen — Berufene haben eS zudem öfters dargetan —, daß Judentum und Deutschtum sich nicht widersprechen, sich vielmehr harmonisch ergänzenes ist damit vor allem zum Ausdruck gebracht, daß das Deutsche und, Jüdische natürliche uns inS Leben mitgegebene' Kräftequellen darstellen. Wir find in Deutschtum und Judentum hineingeboren. Wir sind Deutsche und Juden, ehe wir bewußt fühlen und denken können. Und sind nicht nur rein formell betrachtet, An- «e deS deutschen Reiches und Mitglieder »ischen Religionsgemeinschaft. Wir sind äußerlich und innerlich Glieder in einer langen Kette, Teile geschichtlicher und kultureller Gemeinschaften- Träger überkommener Rechte und Pflichten, ererbter Vorzüge und Kehler, Träger deutscher und jüdischer Kräfte aller Art: DaS sind und bleiben wir — ganz objektiv betrachtet — ob wir wollen oder nichts Hier denken wir an Goethes Wort: «Wie an den Lag, der dich der Welt verliehen, Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, Bist alsobald und fort und fort gediehen, Nach dem Gesetz, wonach du angetreten. So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen, So sagten schon Sibyllen, so Propheten. Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt Geprägte Formdie lebend sich entwickelt. Ja, wir sind deutsch und jüdisch, ob wir wollen oder nicht. Und doch nur gerade deshalb ist die Stellung des Einzelnen zu diesen Wesensbestandteilen seiner Persönlichkeit die bedeutungsvollste Frage seiner Entwicklung. In -er Kindheit und in der ersten Jugend allerdings haben die Schule und das Elternhaus die verantwortungsvolle Pflicht, bei -er Bildung des Geistes und bei der Formung des Empfindungslebens dem Deutschtum und Judentum gleich gerecht zu werden. Aber dann, wenn der Jüngling heraustritt ins Leben, wenn er bewußt beginnt, an der Entwicklung seiner Persönlichkeit mitzuwirken, in der Zeit, da ihn die Verbindung aufnimmt, steht er selbst in der Entscheidung seiner Stellung zu Deutschtum und Judentum. Und hier ist der Augenblick, wo unbewußtes Empfinden, objektives Sein, schlummernde Käste sich umsetzen müssen in lebendige, in positive Entwicklungsarbeit, wo sich die Erkenntnis durchringen muß: Nicht die Geburt, nicht die Erziehung machen den Deutschen, machen den Juden aus, sondern allein der in innerer Arbeit, in innerem Kämpfe geborene Wille, es zu sein, der Wille inniger Zugehörigkeit zum deutschen Baterlande und zur jüdischen Gemeinschaft. Wie bitter rächen sich in dem Seelenstreit deS Jünglings um diese Erkenntnis Mängel seiner Erziehung, besonders in den Fragen des Judentums! Und wie hehr ist die Aufgabe der Verbindung, bei dem Entstehen dieses lebendigen Willenmitzuwirken, milzuwirken bei seiner Umsetzung in die Tatbei seiner Pflege und Vertiefung und somit bei der Harmonischen Entwicklung der ihr anvertrauten Persönlichkeiten. Zu einer Zeit, als eS nötig war, den deutschen Juden zu sagen, daß eS keine Schande ist, Jude zu fein, hat der KE. die Forderung dieses bewußten Bekenntnissezum Judentum, die Forderung des „selbstbewußten Juden" ausgestellt und hat in all der Zelt seines Bestehens in diesem Sinne positive Erziehungsarbeit für das Judentum, für die Persönlichkeitsentwicklung seiner Mitglieder geleistet: IV. Der gewaltige Zkrieg, den wir erlebenhat eine Prüfung aller Werte mit sich gebracht Manches kleinliche Empfinden haben die Be-