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KC-Blätter · 1916-11-01 · Heft 14 (November 1916) · p. Seite 761

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 14 (November 1916)
Date
1916-11-01
Page
Seite 761 (sequence 11)
Language
German
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761 MLrchen au» 1000 und einer Nacht. Die schönste und größte russische Kirche vor dem sSchsischen Garten zügt am Portal eine segnende LhristuSfigur in Mosaik auf Goldhintergrund und Nacht», wenn von dem weiten Platz her da» elektrische Licht erstrahlt oder der Helle Mond, dann leuchtet da» Gold auf Md die Gestalt tritt lebendig zauberhast empor, Überirdisch leuchtend und strahlend. Die Kirche in Weiß, die Kuppeln in Gold, Nacht» ringsum, droben funkelnde Sterne und in all diese» hinausstrahlend der segnende Gott, al» sollte er Licht bringen in die Finsternis. Neben der Kathedrale ragt der Glockenturm zur Höhe. Die Russen versuchten die kupferne Riesenglocke mitzuschleppen. Der Strick riß und die zentnerschwere Glocke sauste in die Tiefe und grub sich in die Erde. Sie schlägt nicht mehr und kündet doch die „KriegStaten" der Russen. Sengend und brennend verheerten sie ihr eigenes Land und haben doch etwa» Kolossale» vermocht: Da» Alkoholverbot! Bei unserem Einmarsch gab e» nicht einen Tropfen Bier. Wein oder dergl. Nicht einen Tropfen! Die Wuttkiruffen sind anscheinend nüchtern geworden im heißen Kamvfl Allmählich aber holten die Gastwirte au» den Verstecken köstliche Marken und bald war auch die «geistige" Nahrung auf der Höhe. Doch Trunkene sieht man nicht, die Ordnung ist musterhaft. Junge Polen der Bürgerwehr sind Schutzleute, sie stehe» Posten in Lackschuhen und Sckwalbenschwanzrock. Dem Führer der Stadt, Fürsten LubornierSki, haben die Warschauer zu danken, daß die Stadt sehr milde angefaßt wird. Die Lokale sind bi» 11 Uhr geöffnet, da» Volk darf bis 12 Uhr auf den Straßen fein und tut die» reichlich. Da» flutet und strömt Tag und Nacht, als wäre ein Fest zu begehen. Und doch haben die Polen den Einzug Leopold von Bayern nur wie ein Schauspiel genossen, kühl, ohne innere Beteiligung. Unsere Abteilung war schon vor dem Prinzen in der Stadt, in der noch die letzten Schüsse der abziehendm Russen verhallten. Der Bayernprinz kam am v. August! Blendenden Sonnentag Warschau voll deutscher Soldaten, Warschau voll Duft und Scharme sommerlicher Toiletten. Und wir — in nächster Nähe de» Prinzen! Der Kino kurbelte und nahm uns in alle Welt! Neben mir stand Sven Heddin im grauen Jagdanzug und Ganghofer mit dem Eisernen Kreuz! Der alte Feldmarschall hielt zu Pserde vor der russische» Kathedrale! Vor ihm die stolze Säulenhalle de» sächsischen Gartens. Abreite» der Ehrenkompagnie, Vorbeimarsch der Truppenabordnungen; dann sprang der Prinz vom Pferde und ließ sich die jungen Soldaten vorstellen, die beim Sturm auf Warschau sich hervorgetan. Wir standen nun in unmittelbarster Nähe des Prinzen, als dieser unter fteundlichen Worten jedem der jungen Helden das Eiserne Kreuz verlieh. Am nächsten Tage besuchte der Prinz die Verwundeten 1» unserem Lazarett und wurde nicht müde, durch die Flucht der Säle zu schreiten, plaudernd und scherzend. Das Lazarett ist stark belegt. Der Zustrom der «erletzte» ungeheuer. Jeder Platz, jeder Fleck im Riesengebäude ist besetzt, die Korridore und TageSräume voll, 2000 liegen in Bette«, die anderen auf Decken! Wir Aerzte habe» Tag- und Nachtdienst, wenig Schlaf! In Auw», auf russischen Bauernwagen kommen sie an, die Landsturmleute, Bayer» und Schlesier, die jungen Burschen, zerschossen und halb verblutet. Heute Nacht kamen 400! Die Schwestem und Helferinnen arbeiten schwer, tragen Säcke und Betten und Brot und Milch und Kranke, und pflege» von Morgen» bis Abend», und Nacht- Werden sie zu Operationen geweckt. Die in der Heimat gebliebenen ahnen nicht, wa» für Anforderungul jetzt erfüllt werden müssen und erfüllt werden ohne Murren! Wieder liegen bei mir Ungarn, Rumänen, Tschechen, Kroaten und auch vereinzelt Russen! Meine spärlichen Sprachkenntniffe au» meiner österreichischen Zett dämmern auf; ich begrüße den Magyaren, de» Rumänen, den Russen in seiner Sprache! Die Verwundeten sind stundenlang unterwegs, da die Front täglich ostwärts rückt. Die Zustchrstraßen sind voll mafchiereude Truppen und Kolonnen, die Passage oft gesperrt. Der Transport ist für die Verletzten qualvoll. Dabei kommt e» vor, daß die polnischen Bauern, denen schwerverwundete Soldaten über» geben^sind, unter dem Borwand, da» Pferd tränken zu müssen, abspannen und den Wage» stehen lassen, ohne wiederzukehren! Nach 10 bi» 20stündiger Führt kommen mm die Massen an Heute »acht mußten wir die Kapelle d« Kadettenanstalt-.belegen. Der Fußboden de» GotteSraumeS wurde mit Decken, Mattatzen, Strohsäcken verdeckt. Die Me, halbdunkle Halle, auSgemalt von bekannten russischen Malern, geschmückt mtt Fresken und Ornamenten, magisch erhellt dmch einige buntt Fenster, hinter denen versteckt elektrisches Licht durch die Malereien strahlt. Rechts Christus und link» die Gottesmutter! Sie scheinen im Raume zu schweben, goldumstrahlt, selbstleuchteud! In langen Rechen, wie in feierlicher Prozession, nahen die Schwestem und Pfleger mtt den Trage» und betten die Verwundeten zu Füßen Gottes und seiner Heiligen! , WaS uns Aerzte aber immer wieder mit Bewunderung erfüllt, da» ist die heldenhafte Ergebung der Verwundeten in ihre Schmerzm und Leidm. Wiederum bewahrheitet sich das Wort Bismarcks: Unsere Soldaten sind zum Küffml -Run sind wtt ein Jahr in Warschau! Manche» hat sich geändert, aber eines ist geblieben: Die Standhastigkett unserer Mannen! Wer so zu leiden weiß, der hat auch dm Willen zum Durchhallen. llu§ unserer Zeldpost-vriesmappe. 38- 29.11.1916. Mein lieber Leibbursch! Durch die K. C.-Blätter, die ich gestern erhielt und die mich sehr erfreuten, bin ich mal wieder veranlaßt. Dir zu schreiben, obwohl ich den versprochenen Brief noch nicht erhalten habe. Wie Du wohl aus dem Heeresbericht (vom 16. d. Mts.) gesehen hast, haben wir schwere Tage an der Somme hinter unS; augenblicklich liegen wir noch an derselben Stelle in Ruhe, hoffen aber auf baldige Ablösung, und haß wir hier nicht nochmals eingesetzt werden. Mir geht eS Gott fei Dank gut. Latz bald von Dir hören und sei herzlich gegrüßt von Deinem treuen Leibfuchsen Fritz Moosberg. 2. Dez. 16. Mein lieber Peter! Gestern erhielt ich Deinen lieben Brief vom 13.11., wofür ich Dir herzlichst danke. Wir liegen jetzt wieder in Stellung an der Somme, augenblicklich allerdings in 2. Stellung. In der letzten Woche erhielt ich auch die K. C.-Blätter. Kather schrieb mir kürzlich auch und erkundigte sich nach Dir, aber ich wußte selbst nichts. Laß bald mal wieder von Dtt: hören und fei herzlichst gegrüßt von Deinem treuen Freund und Br Frtz Moosberg (Bavariae). Champagne, 25. Oktober 1916. Lieber alter Herr, nun liege ich fett vier Wochen in der Champagne, unsere Stellung ist zwar sehr ruhig, aber ich habe inzwischen doch die ersten Eindrücke aus dem. Stellungskriege erlebt. Daß es so spät erst geschehe» konnte, ist nicht meine Schuld. Aber ich. wußte ja, daß auch: ich es noch erleben durste, daß ich nun endlich meine Pflicht, mein kleines Teil tun kann. Ins Gefecht sind wir bisher nicht gekommen. Die Feuertätigkeit ist sehr gering. Nur zeitweise ein dumpfer Artkllerieabschuß und der Aufschlag wiedaSZerschmettern eine» riesenhaften Tores, hüben oder drüben, — ab und

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