Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1916-11-01 · Heft 14 (November 1916) · p. Seite 760

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 14 (November 1916)
Date
1916-11-01
Page
Seite 760 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2268830-2268902-2268904--1826-3523447
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

760 jietobtt und veröde» lagen sie da. Am Walde-rand und ta' seinem Schatten ragen Kreuze von Holz. aufrecht in den regmfmchtm Tag; dort liege» die Junge« und Alten. Fremch und Feind. einsam und «ndÄannt oder in Massengräbern gebettet. Auf kleinen Ta'eln stehen einfache Kamen und' künden, daff manch ein Achill gelebt, ohne feinen Homer gefunden zu habe«! Langsam führt der Zug; den« die Brücke» sind gesprengt und liegst, alS gewalttge Eismmassm am Wege; unsere Pioniere und Eisenbahner haben schwere Arbeit leiste» muffen. Zerschoffen find die BabnhofSgebäude, zerstört Häuser und Fabriken. Wie dunkle Flecken lasten die Sünden de» Kriege» auf de« Grün der Felder. Endlich in Z ... bestiegen wir bereiist-hende Auw», d. h. nicht etwa sech»sitzige Mereedr»wägm! Kein. Lastauto» mtt schweren Vollreifen brachten un» in vielstündiger Fahrt nach Warschau ans elenden Straffen, -st nur stellenweise mit Holz gedeckt waren, well die Raffen ihr« Gelchütze sonst nicht hätte« transportiereu können. Traurige, leere Straßen in schwermuttger jtandschaft; da» Getreide niedrig, die Aecker schlecht bewirtschaftet. Alle Wege eingerahmt von Bildern traurigster Verwüstung. Die Raffen haben planmäffig und doch fimlo» Dörfer trab Städte verbrannt, zerschlagen, zertreten und buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht. Line Stadt war besonder» arg zugerichie»: kaum ein Fenster war erhalten, fWne Tür in tat Angel, die Flammenzeicke» rauchen! In langen Zügen begegneten «u» elende Gespanne, bepackt mit ärmlichsten Hab, seliqteiten; oben soffen, wie aus dem Thron ihrer Macht. Männer und Frauen. Kinder und Greise, und hinter de« Wagen zog' lchlavvssißtg eine magere Kub oder eine Ziege. Rückkehrende Flüchtlinge, die vor de» deutschm Barbaren stiebend mit de« Russen gezogen waren, teil» au» Furcht» eil» gezwungen. Besondertraurig — für die Soldaten allerding» belustigend — wnckten die vielen Aagm mtt flüchtenden Jude», die nun znrücktehrtm in die kurz und klein geschlagenen Wohnungen. Ein,elne schleppten auf krummen Rücken in - schmutzigem .Sack ihr restliche» Gut; alle aber grüßten mtt Freudenmienen in un» die Befreier! Ring»um nur schwarze Mauern, ohne Dach, ohne Fenster! Ein Schornstein, ein Kochherd zeugen dort von verschwundener Pracht. Die Holzwände de» ehemal» schmucken BauernhäuSchen» verkohlt bi» zum Aschenhauke», den der Wind in alle Richtungen geblasen. Aber um diese» lebte Stück eigenen Besitze» kauern eng aneinander gedrückt in Regen und Wind eine Mutter mtt lachende« Kmdern und kocht irgend etwa» Darme». Ein magere» Schwei» schnuppert vergeben» am Boden. Mit langen Blicken, voll Schmerz und Freude, folge« un» diese Unglücklichen, denen ein Fußbreit der eigenen Schalle da» Glück zurückgibt, da» ihr eigene» Volk mtt Füßen getreten. 'ZmmernäherrückteWarschau! Schon grüßen die goldenen Kuppeln und Türme, e» häufen stch die Berschanzungm. die Drahtverbaue, endlich da» erste Fort! Die deutsche Fahne darauf! Soldaten aller Bundesstaaten! Und nun rücken die ersten Häuter näher. Wir fuhren auf Warschau» Pflaster durch die Judenstadt ein am «. August 'SlS. nachmittag» zwischen 3 und 4 Ubr! Ein Einzug in Warschau vor dem de» Bayernprinzen Leopold, de» Eroberer» von Warschau! Wer von un» hätte da» je geträumt! Und nun ratterte» untere Auwmobile, mtt Jubel begrüßt, in der Judenstadt. Je mehr sich aber die Straffen der eigentlichen Stadt nähern, desto reservierter wird die Masse, die durch die Gassen sonntäglich strömt. Und doch auch hier eher Freude al» Resistenz, mebr Lächeln al» Hatz in den Gesichtern! Immer städtischer werden die Straffen, und schließlich biegen wir in eine Allee ein von der Schönheit der Champs Elys£es »u Pari». Die Anw» halten; wir find an der Kaiserlichen Kadettenanstatt, einem Prachtrenaiffancebau von e>ndruck»vollen Dimensionen. Al» Militärinstitut gebaut, wurde sie bei Kriegsbeginn mtt l1!, Millionen Aufwand in ein Lazarett gewandelt. Die hohen, lichtdurchfluietm, wundervollen Schlaffäle, die durchschnitckich je 200 Bette« fassen, wechseln mit große» Einzelzimmern. Dieehemaligm UnterrichtSzimmer sind zu Operation»- sälen umgebaut und mtt allem erdenklichen Komfort, Instrumenten, Heiff-Kaltwafferleitung, BorbereitungSräumen, Badeeinrichtungen etc. eie. in einer Mannigfalttgkeit auSgestaltet. wie sie nur der Verschwendungssucht der Ruff«» und Pole« entspricht. Bei unserer Ankunft wimmelte ein „Herde" entzückender Polinnen al» Helferinnen in geschmackvolle» Weiß gelleidet mtt koktten Häubchen und funkelnden Steinen und Perlen durch die Säle, dazwischen kusch und züchttg Bmzentinerinnen, die in ihren großen, spitzen Schutenhauben allerliebst aussahen! Und dann die polnischen Aerzte in weiffen Kitteln mid hohen Mützen wie SSche! Nachdem stch da» erste Staunen über die Pracht unserer neuen Wirkungsstätte etwa» gelegt, verließe» wir da» nach der Tochter de» Zaren Tatjana Nieolajewna genannte Lazarett, zumal e» noch von einem Feldlazarett belegt war. da» erst morgen abrückt! Nun hieß e»: „Nach der Stadt!" Unser Lazarett liegt an der Peripherie der Stadt im schönsten und vornehmsten Mertel, in der Alleja UjadowSka. eingerahmt von Aundergärren und entzückenden Parkanlagen, unter denen der Laeienkipark mtt feinen Luftfchlöffem die Sinne gefangen nimmt. Allerdings haben die Russen alle» Wertvolle entfernt, alle» bi» auf die Türllinken; die Mämorfaune und Nymphen aber stehen noch und der Schloffteich desgleichen — er läuft ihnen wahrscheinlich zu langsam. Breite Fahrwege, auf den« schöne Gespanne, Tramway» und Auto»- teil» auf Gummi teils lärmend vorüberfliegen, und schattenreiche Fvffgängerwege in mehrfachen Reihen führen in die Stadt. Eine bunte Masse flutet hin und her, au» der die elegante Dame, zierliche Mädchen und Kinder und Polengigerl» henwrlmchtm. Auf den Bänken sitzt Warschau W. und staunt bewundernd die deutschen Offiziere und Soldaten an und folgt mtt forschend« Blicken der unendlichen Reihe von durchziehenden Truppen. Reitern, Wagen, Kolonnen, Geschützen. Echeinwerferzügen, die alle zur Pontonbrücke mafchieren, die über die Weichsel von den Pionieren geschlagen ist. Die liebe« Russen haben nämlich sämtliche Brücken gesprengt. selbst die mit vielen Millionen aufgebaute, über V« Melle lange Prachtbrücke, deren Bau fast lü Jahre dauerte. Die schweren Eisenkonstruktionen tauchen mm in» Wasser. Tausende von Menschen «len zur Brücke und betrauernden Verlust. Nicht» aber vermochte unser Vordringen auszuhallen. In etwa 4 Stunden war eine Pontonbrücke geschlagen und rasch wälzte stch der Strom der nachdrängenden Truppen über die Bretter. Ein Gewirr, scheinbar unlöslich, ordnete stch bewundernswert und Deutsche und die lieben K. und K.-Bundesbrüder fluteten hinüber. Einmal versuchte ein russischer Flieger, den Uebergang zu störe», ein — Jude wurde verletzt. Do immer aber in Warschau eine Bombe fiel, ein Jude müßte getroffen werden, wohnen doch allein in dieser Stadt etwa 300000, also halb soviel al» in ganz Deutschland. Also da» Leben auf dm Straßen» Allem. Plätzen ist überwältigend, von früh bi» spät auf allm Gaffen da» vielgestaltigste Treibm, der Gesamteindmck ist faszinierend! Allerdings scheu wir, die wir seit Monaten in elendm Dörfern wohntm, jetzt wohl Helenen in jedem Weibe, Pari» in jeder Großstadt. Wer hätte sich da» Leben in einer eroberte» Stadt nndFestnngso vorgestellt. Abend»sind dieRestaurationm voll! Kapellen spielen und nicht» verrät, daß Not bestcht. Allerdings herrscht Flecktyphus und vereinzelt Cholera, aber in einer Millionenstadt verschwindet die» völlig. Die Restaurants sind voll, trotz der geschwollenen Preise! fir Vla» Bier 1 M.!, Mittagessen 5—6 M., desgleichen da» Abendbrot! Also Bankrott in Sicht! Umsonst ist für un» nur die elektrffche Straßenbahn, aber vom Straßmbahnfahrm kann man nicht lebm! Da mein Hotel, da» mir von der Kommandantur angewiesen, vom Lazarett etwa so weit entfernt ist. wie der Odethorbahnhof von Kleinburg, benutze ich die Straßenbahn viel; sie führt vorbei an Kirchen und Palästen. Die msfischm Gotteshäuser mit ihren Goldkuppeln wirken durch die Pracht und den Reichtum der Ausstattung wie ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.