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KC-Blätter · 1916-09-01 · Heft 13 (September 1916) · p. Seite 749

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Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 13 (September 1916)
Date
1916-09-01
Page
Seite 749 (sequence 43)
Language
German
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74S Ich nehme die loyale Erklärung des KriegsministeriumS loyal an. Aber, meine Herren, ungeschickt ist der Erlaß deS KriegsministeriumS, ungeschickt aus verschiedenen Gründen. Die hohen Herren verzechen, wenn ich das in aller Bescheidenheit sage: militärisch ist der Erlaß grundverfehlt. Was braucht der Soldat an der Front? Er braucht seine Ehre, und man darf chm nicht in der Weise, wie es da, wenn auch gewiß unabsichtlich, geschehen ist, seine Ehre nehmen. Stellen Sie sich einmal vor: in welcher Lage befindet sich der jüdische Soldat, auch der Soldat vorn im Schützengraben, wenn nun der Kompagnieschreiber die Verfügung in die Hand bekommt, die nicht so genau gelesen wird, wie es vielleicht wünschenswert wäre? Sie hinterläßt den Eindruck: „Der Jude drückt sich." Wie empfindet das der jüdische Kamerad? Meine Herren, der Erlaß ist auch geeignet, die Autorität jüdischer Vorgesetzter zu untergraben. (Schr richtig! links.) Ich mache kein Hehl daraus: Mir wäre es als Kompagnieführer nicht angenehm gewesen, wenn dieser Erlaß in die Hände meines Kompagnieschreibers und meines Kompagniefeldwebels gekommen wäre. Ich Meine, daran hätte das Kriegsministerium auch denken müssen. Ich habe eine Fülle von Briefen in diesen Tagen erhalten voller Klagen über den Erlaß, und es sind Briefe darunter — die Tränen können einem ins Auge kommen. Es geht durch alle diese Briefe hindurch: Nun sind wir gezeichnet. Das ist ein Wort, das sich oft wiederhott. Einige schreiben: „Nun hat man uns offiziell, nachdem wir seit Beginn des Krieges draußen stehen, zu Soldaten zwetter Klaffe gemacht!" Einer, der in der ersten Hälfte des Monats August 1914 sich das Eiserne Kreuz erworben hat — und das Eiserne Kreuz aus der ersten Hälfte des Monats August 1914 bedeutet viel —, ein Mann, der mehrfach verwundet war und der jetzt als Verwundeter in irgend einem Bureau fitzt, schreibt, wie ihn die Verfügung kränke. Er sagt aber auch, daß die Statistik sehr merkwürdig gemacht werde. Er werde als Schreiber geprüft und nicht als der Mann, der monatelang draußen stand, der vor dem Feinde dreimal verwundet worden ist. (Hört! hört! links.) Und noch eines, meine Herren! Hätte man, bevor ein solcher Erlaß hinausgegeben wurde, nicht doch auch ein klein wenig daran denken dürfen, daß es auch jüdische Ellern gibt, die ihre Söhne beklagen? Gibt es in Flandern, in Frankreich, in Polen und weiter im Osten nicht auch Gräber jüdischer Soldaten? Wie empfindet es der Vater und die Mutter, wie empfindet es die Frau, die ihren. Mann verloren hat, wenn sie jetzt, nachdem sie gern und willig das Beste hergegeben hatten, was sie besaßen, von dem Erlaß hören, der eben doch als ein Erlaß gegen die Ehre der deutschen Juden empfunden werden kann? Noch aus einem anderen Grunde bedauere ich den Erlaß: Es bleibt uns doch nach dem Kriege so unendlich viel gemeinsame Arbett übrig. Sie können — auch Sie rechts! — in einzelnen Fragen stehen, wie immer Sie wollen; aber darüber find wir uns alle miteinander klar: Arbeit bleibt auch nach dem Kriege genug -für das deutsche Volk, (sehr wahr! links) und es wird von uns allen miteinander viel, viel gemeinsame Arbett geleistet werden müssen. Wir ertragen es jetzt und wir ertragen es nach dem Kriege nicht, daß man das deutsche Voll mit aller Gewatt auseinanderreißen und gegensettig verhetzen will. Noch auf eins wurde schon von anderer Sette hingewiesen. Wie wirken diese Dinge im neutralen Auslande? Wir wollen keinen allzugroßen Wert darauf legen, was man im Auslande von uns sagt; gewiß nicht. Aber wir haben doch die Hoffnung, daß die Zeit nach dem Kriege uns ein Stück Wettpolüll ermöglicht. und, meine Herren, Wettpolitll ist nicht möglich ohne nationale und religiöse Toleranz. (Schr richtig! links.) Das ist einer der Vorwürfe, der immer und immer wieder gegen uns erhoben wird: daß wahre Toleranz im deutschen Bolle keine rechte Stätte finden könne. Ich weiß, daß der Vorwurf nicht gerechtferttgt ist; aber er wird immer wieder laut. Es geschieht zu viel, was der Auffassung eine gewiffe Berechtigung verleiht, als ob wir von Natur intolerante Menschen wären. In den Rahmen dieser Dinge gehört der Erlaß. Ich sehe in uranchen Einzelheiten die Dinge anders an als der Herr Kollege Heine. Herr Kollege Heine hat gemeint, eine derarttge Stattstll würde deshalb nichts beweisen, well es ja ganz begreiflich sei, daß die Juden weniger felddienstfähige Leute stellen; durch den jahrhundertelangen Druck seien sie körperlich degeneriert, und es würden daher wohl weniger kriegsverwendungsfähige Juden als Christ«! vorhanden sein. Meine Herren, ich glaube das nicht. Ich würde dem Ergebnis einer solchen Stattstik, wenn sie nur stattstisch richttg gemacht wird, mit großer Ruhe entgegensehen. Ich glaube, daß die hundert oder die achtzig Jahre der Emanzipatton genügt haben, um die deutschen Juden körperlich zu entwickeln. Ich möchte allerdings eins hinzusetzen. Wenn es so wäre, daß bei den deutschen Juden in größerem Maße als bei Andersgläubigen die Neigung vorhanden wär, sich zu drücken, wenn bei den deutschen Juden in größerem Maße als bei den andern ein Gefühl der Feigheit und der Angst vorhanden wäre — meine Herren, ich will ganz offen sprechen: dann würde ich anklagen Ihre Urgroßväter und Ihre Ururgroßväter, die durch eine jahrhundertelange Unterdrückung die deutschen Juden zu dem gemacht hatten, was sie ehemals waren. Ich sehe jetzt, wie die Dinge in Polen find, ich sehe, wie man Menschen durch den Druck und durch die Knechtschaft demoralisieren kann. Ich sehe, wie arme bedauernswerte polnische Juden wie die Hunde-kriechend einem anderen einen Handkuß geben wollen, sodaß einem auftechten Mann der Ekel aufsteigt. Ich weiß, was auS einem Voll durch den Druck gemacht werden kann, und trotzdem sage ich: die

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