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KC-Blätter · 1916-09-01 · Heft 13 (September 1916) · p. Seite 746

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Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 13 (September 1916)
Date
1916-09-01
Page
Seite 746 (sequence 40)
Language
German
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746 wie er im Begriff der „Nation" zum Ausdruck gelangt — entscheidend ist auch für seine Erfassung des Judentums. Das alte Lied vom Huhn und dem Ei.tönt auch hier in seiner bekannten Melodie. Hat die Judenheit, einzelne große jüdische Männer, das Judentum hervorgebracht, oder ist das Judentum die große geschichtliche Macht, die der Judenheit bloß ihren Stempel aufdrückt? Wir wissen, daß eines so wahr ist wie das andere. Daß es nur darauf ankommt, was wir zugrundelegen. Lege ich eine Teil - Judenh eit zugrunde, so erhalte ich ein Ganz-Judentum als religiöse Macht, welche die national getrennten jüdischen Staatsbürgergruppen zu Glaubensbrüdern verbindet. Jede Teil-Judenheit bringt ihre eigene Kultur im Rahmen ihrer Nation hervor- und besonders das deutsche Judentum fühlt eine innige Verwandtschaft mit den Grundlagen der Kultur des ganzen deutschen Volkes. Fasse ich hingegen die Judenheit als Ganzes auf, indem ich ihr den Begriff der Nation zurunde lege, so erhalte ich ein Judentum, das loß Leistung dieser Nation ist und mit dem Bestehen der Nation steht und fällt. Die Kultur, welche die Juden, sei es in welchen Ländern der Welt, Hervorbringen, ist eine einheitliche. Es läßt sich eine „jüdische Note" finden, welche die jüdischen Künstler, Wissenschaftler und Philosophen aller Länder verbindet. Ist einmal das Judentum jene gewaltige religiöse Macht, die gerade in ihrer systematischen und geschichtlichen Größe keiner Masse bedarf, um zu bestehen, und doch groß genug ist, in der Weltgeschichte eine führende Rolle zu spielen, und somit den Stolz und die Würde seiner Bekenner ausmachtso ist es das andere Mal eine bloße Leistung der Nation, die jenen Mann geboren hat, der zum ersten Male den Gottesbegriff als den „Einzigen" fand: Und ist nicht denkbar ohne die Weiterarbeit seiner Bekenner: „ohne Judenheit kein Judentum!" Doch noch ist der Begriff des „Problems" nicht vollends erschöpft. Wir legten bisher nur Wert darauf, festzustellen, daß in ihm der Anfang, unser Anfang, steckt. Daß, je nachdem was ich zugrunde lege, ich eine entsprechende Lösung finde. Darin liegt aber noch etwas versteckt, was wir ans Licht zu holen bisher absichtlich versäumten. Gleicht das Problem der mathematischen Aufgabe, in der die Lösung gleichsam nur verkappt bereits enthalten ist, nun, dann kann für feine Richtigkeit und Wahrheit nur der Beweis einstehen: «Die Probe machen, das ist alles Beweisen!" „Mit dieser Einsicht muß man beginnen: daß man von Axiomen ausgeht, die man selbst erdacht, und der Forschung zugrunde gelegt hat — diese Einsicht ist die Grundbedingung^ aller echten Wissenschaft und daher aller Philosophie, nicht minder aber auch alles natürlichen Denkens im menschlichen Leben, wie auch in allen geschichtlichen Verfahren der Völker." Ist die Grundlegung, der Anfang, dem Willen der Menschen überlassen, so entscheidet doch über die Richtigkeit und Wahrheit seines Wtthnens — die Probe auss Exempel machen! Wie der Orthodoxe von der metaphysischen Wahrheit der Bibel ausgeht, der Moderne vom Problem, wie bei der Frage nach der Erhaltung der Judenheit der eine den Teil, der andere das Ganze zugrunde legt, so entscheidet doch erst die Probe auf ihre Rechtmäßigkeit. Je nachdem die einzelnen Richtungen besser von der Stelle gelangen, ihre Sache am besten fördern, das ist die entscheidende Probe! Ein Vergleich komme uns hier zu Hilfe, indem wir das Gesagte z. B. auf die Planetenbahnberechnungen des Ptolemäus und Keplers beziehen. Beinahe zwei Jahrtausende hindurch galt das ptolemäische Weltsystem als unumstößlich. Nach ihm berechnete man die Ereignisse am Firmament. Und, wenn auch weitläufig, so erhielt matt doch fast genaue Resultate. Da kam ein Kepler und mag etwa gesagt haben: „Nehmen wir einmal an, daß nicht, wie bei Ptolemäus, die Sonne sich bewegt, und die Erde stille steht, sondern umgekehrt die Erde sich um die Sonne dreht!" Und als er so aus bedeutend einfachere Weise viel genauere Resultate erzielen konnte, da galt, weil sie einfacher, genauer, besser war als die alte, die neue Hypothese für oie Wahrheit. Heute lächeln wir über Menschen, die uns sagen wollten, daß die Sonne sich um die Erde drehe, und doch gab es einst ein solches Weltsystem, in dem es genau so logisch zuging wie im neuen. Je einfacher, praktischer etwas ist, für um so wahrer wird's gchalten! Nun, wir wissen, daß mit der Keplerschen Hypothese nicht die Wahrheit gesunden wurde, sondern ein neuer Weg zu ihr, der besser ist als der alte. Also auch die Geschichte, das praktische Fortschreiten der Menschheit in Wissenschaft, Philosophie und Kunst, entscheidet über Recht- oder Unrechtmäßigkeit unserer Grundlegungen. Das Auswirken in der Geschichte ist zugleich die Probe, ob das, was wir zu unserer Weltanschauung machten, recht gedacht, d. h. in der Richtung der Wahrheit liegt. Sind die Grundlegungen des Judentums,sofern wir es als Problem betrachten, in mannigfaltiger Weise möglich, so entscheidet doch ihr Wirken in der Geschichte, im Leben, über ihre Rechtmäßigkeit, über ihren Gehalt an Wahrheit.

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